
Noch nachdem Israel am Dienstag die Tötung des iranischen Sicherheitsratschefs Ali Laridschani verkündet hatte, wurde auf dessen Telegram-Kanal eine handschriftliche Botschaft von ihm veröffentlicht. Darin würdigte Laridschani die Opferbereitschaft gefallener Marinesoldaten, die am Dienstag beerdigt wurden. Vielleicht versuchte die Führung in Teheran, auf diese Weise Zeit zu gewinnen. Denn Laridschanis Tod, der von Iran zunächst nicht bestätigt wurde, würde eine große Lücke in den Machtapparat reißen.
Der Sekretär des Nationalen Sicherheitsrats hatte am ersten Kriegstag de facto die Führung übernommen, nachdem der Oberste Führer Ali Khamenei getötet worden war. Khamenei soll ihn vorab persönlich damit beauftragt haben. Selbst nachdem Khameneis Sohn zu dessen Nachfolger ernannt wurde, schienen die Fäden weiter bei Laridschani zusammenzulaufen. Er war es, der die sicherheits- und außenpolitischen Leitlinien vorgab und diese öffentlich auch gegenüber den Kriegsgegnern kommunizierte. So wurde er zum neuen Gesicht des Machtapparats.
Laridschanis Tod könnte Verhandlungen erschweren
Dabei halfen ihm die Netzwerke, die er über Jahrzehnte in verschiedenen Positionen des Systems aufgebaut hatte: als Vertrauter des Obersten Führers, Chef des Staatsfernsehens, Atomunterhändler, Parlamentssprecher und Sicherheitsratschef. Wegen seiner Erfahrung und seines Pragmatismus hatte Khamenei ihn nach dem Zwölftagekrieg an die Spitze des Sicherheitsrats gehievt. Im Januar betraute der Oberste Führer ihn mit der blutigen Niederschlagung der Proteste, weshalb ihm die Bevölkerung nicht nachtrauern wird.
Das israelische Militär teilte mit, Laridschani sei am Montag durch einen „Präzisionsschlag“ getötet worden. Er habe sich „in der Nähe von Teheran“ aufgehalten. Seine Tötung sei „ein weiterer Schlag gegen die Fähigkeiten des iranischen Regimes, feindliche Aktivitäten gegen den Staat Israel durchzuführen“. Zuvor hatte bereits Verteidigungsminister Israel Katz Laridschanis Tod verkündet, ebenso wie die Tötung des Kommandeurs der Basidsch-Miliz, Gholamresa Soleimani. Katz sagte, Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und er hätten das israelische Militär angewiesen, „die Führung des Terrorregimes weiter zu jagen“.
Teheran dürfte bemüht sein, schnell einen Nachfolger für Laridschani im Sicherheitsrat zu benennen. Trotz der Tötung Dutzender anderer Führungspersonen gibt sich das Regime siegessicher. Wobei es aus Teheraner Sicht schon ein Sieg wäre, wenn das Regime den Krieg überlebt. Laridschanis Tod dürfte derweil die Revolutionsgarde und damit die Hardliner in Teheran weiter stärken.
Der Kreis politischer Manager werde durch ihn kleiner, der Einfluss militärisch orientierter Akteure größer, schrieb Hamidreza Azizi von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) auf der Plattform X. Laridschani sei ein Strippenzieher gewesen, der für eine künftige politische Lösung zur Beendigung des Krieges eine entscheidende Rolle hätte spielen können. „Personen wie ihn zu verlieren, kann es schwerer machen, am Ende Verhandlungen zu führen.“
Ein früherer Geheimdienstchef mischt wieder mit
Laut der „New York Times“ soll sich Laridschani gegen Modschtaba Khamenei als neuen Obersten Führer ausgesprochen haben. Er soll mehrfach versucht haben, dessen Wahl hinauszuzögern. Außerdem soll er für einen „gemäßigteren“ Kandidaten plädiert haben, der die Bevölkerung wieder mit dem Regime versöhnen könne. Zwischenzeitlich gab es Gerüchte, Laridschani würde versuchen, seinen eigenen Bruder ins Spiel zu bringen, der in der Vergangenheit als möglicher Kandidat für den Posten gehandelt wurde. Doch am Ende setzte die Revolutionsgarde Modschtaba Khamenei als ihren Kandidaten durch. Damit stellte sie die Weichen für eine Fortsetzung des Konfrontationskurses gegen den Westen.
Vergangene Woche hatte Laridschani sich am Al-Quds-Tag unter die Regimeanhänger in Teheran gemischt, die sich wie in jedem Jahr an diesem Tag zu Propagandaveranstaltungen gegen Israel versammelten. Die Bilder von Laridschani und anderen Regimevertretern auf offener Straße sollten demonstrieren, dass sie sich vor den Todesdrohungen Israels nicht fürchteten. Allerdings konnten sie sicher sein, dass Israel nicht in die Menschenmenge schießen, sondern auf eine andere Gelegenheit warten würde, die sich offenbar in der Nacht zum Dienstag bot.
Laridschani teilte sich die Aufgaben an der Spitze mit dem Parlamentssprecher Mohammad Bagher Ghalibaf. Beide haben einen Teil ihrer Karriere in der Revolutionsgarde verbracht, Ghalibaf als früherer Kommandeur der Luftwaffe der Revolutionsgarde aber einen weitaus bedeutenderen. Er könnte nun noch stärker in den Vordergrund rücken.
Im Aufwind scheint auch ein früherer Oberkommandeur der Revolutionsgarde sein: Mohsen Rezaei wurde gerade zum Militärberater des neuen Obersten Führers Modschtaba Khamenei ernannt. Ob der mutmaßlich verletzte Khamenei derzeit überhaupt ins Machtgeschehen eingebunden ist, ist unklar. Zu Rezaei gibt es ein interessantes Detail: Er gehörte 1988 zu denjenigen, die den damaligen Revolutionsführer Ruhollah Khomeini davon überzeugten, einem Waffenstillstand mit dem Irak nach acht verheerenden Kriegsjahren zuzustimmen.
Bei der Ernennung des neuen Obersten Führers hat sich gezeigt, dass auch Hossein Taeb, der frühere Geheimdienstchef der Revolutionsgarde, wieder ganz oben mitmischt. Der radikale Geistliche ist einer der engsten Vertrauten von Modschtaba Khamenei. Er soll in diesem Monat alle 88 Geistlichen des Expertenrats, der den Obersten Führer bestimmt, persönlich angerufen und gedrängt haben, für Khameneis Sohn zu stimmen. Die beiden kennen sich seit dem Ende der Achtzigerjahre. Taeb war damals Modschtaba Khameneis Kommandeur, als dieser als Jugendlicher im Iran-Irak-Krieg mitkämpfte.
Ali Khamenei zügelte die besonders Radikalen
Taeb und Modschtaba Khamenei spielten gemeinsam eine zentrale Rolle bei der Niederschlagung der Proteste von 2009. Taeb war damals Chef der Basidsch-Miliz. Zur Belohnung wurde er zum Geheimdienstchef der Revolutionsgarde ernannt. In dieser Rolle erwarb er sich 13 Jahre lang den Ruf eines ruchlosen Unterdrückers. 2022 wurde er überraschend abgesetzt. Ein Grund war wohl, dass die Führung in Teheran unzufrieden darüber war, dass es Taeb nicht gelang, die Infiltration des Machtapparats durch israelische Geheimdienste zu verhindern. Ein anderer Grund waren interne Machtkämpfe. Nun ist Taeb wieder im Spiel.
Die Revolutionsgarde war schon zu Lebzeiten von Ali Khamenei eine dominierende Macht im Militär, in der Wirtschaft und in der Politik. Seinen Tod inmitten des Krieges scheint sie genutzt zu haben, um ihren Einfluss noch weiter auszubauen. Laut der „Washington Post“ gehen auch Amerikas Geheimdienste davon aus, dass das Regime durch den Krieg zwar geschwächt, aber vorerst nicht gestürzt wird und dass eine von der Revolutionsgarde dominierte Führung eine noch radikalere, antiwestliche Politik betreiben dürfte als unter Ali Khamenei.
Der frühere Oberste Führer hatte seinen radikalen Generälen in mancher Hinsicht Zügel angelegt. Zum Beispiel entschied er im vergangenen Juni, dass die Vergeltung für den amerikanischen Angriff auf iranische Atomanlagen eher symbolisch ausfiel. In der Revolutionsgarde wurde das damals schon als zu defensiv betrachtet. Auch beim Atomprogramm soll Khamenei eher gebremst haben. Die amerikanischen Geheimdienste erwarten laut der „Washington Post“, dass der Krieg das Regime beflügeln könnte, weil es glaubt, dem Präsidenten Donald Trump erfolgreich die Stirn geboten zu haben.
