
Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg haben sich die Bürger für einen Regierungschef und für eine programmatische Orientierung entschieden: Der künftige Ministerpräsident soll Cem Özdemir heißen. Das zeigt der knappe Vorsprung bei den Zweitstimmen auch in strukturell konservativen Regionen. Zugleich schätzen die Wähler das personelle und programmatische Angebot der CDU-Abgeordneten in der Fläche. Deshalb gewann die CDU all ihre 56 Mandate direkt.
Im Unterschied zu den Wahlen 2021 und 2016 tritt der Stadt-Land-Gegensatz zwischen CDU und Grünen wieder deutlicher hervor. Auch die AfD ist in ländlichen Regionen stark, in denen die Strukturkrise der Automobilindustrie spürbar ist. In Stuttgart, das ständig zum neuen Detroit niedergeredet wird, gewinnen die Grünen hingegen alle vier Wahlkreise direkt, während die AfD dort moderat zulegt.
Einst eine konservative Hochburg
Beispielhaft für das Kräfteverhältnis von CDU und Grünen auf dem Land ist der Wahlkreis Breisgau: Von 1976 bis 2011 wurde diese einst konservative Hochburg – zu der Ihringen im Kaiserstuhl, Breisach oder Bad Krozingen gehören – von Gundolf Fleischer vertreten. Ein Sportfunktionär, perfekt vernetzt im politischen Vorfeld, ein Kümmerer und schwarzer Landschaftspfleger.
Als die CDU 2011 im Land abgewählt wurde, konnte Patrick Rapp, der Nachfolger Fleischers, den Wahlkreis noch knapp gewinnen, bei den beiden darauffolgenden Wahlen obsiegten dort grüne Politiker: erst eine Sozialpädagogin, dann ein Öko-Winzer. Jetzt fiel der Wahlkreis Breisgau mit 34 Prozent der Erststimmen wieder an die CDU und Rapp.
Interessant ist, dass die in Südbaden wenig verwurzelte ehemalige Europaabgeordnete Anna Deparnay-Grunenberg (Grüne) 28 Prozent der Erststimmen bekam. Auch wenn in Ihringen oder Bad Krozingen viele Berufspendler nach Freiburg leben, deutet das Abschneiden der Grünen auf eine stabile Verwurzelung im ländlichen Raum hin.
Auch auf dem Land können Grüne gewinnen
Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich im durch Obstanbau und Tourismus geprägten Bodenseekreis. Direkt gewählt wurde der CDU-Kandidat Alexander Bruns mit 31 Prozent; der seit Jahrzehnten in der Region politisch tätige Öko-Landwirt Martin Hahn unterlag knapp mit 28 Prozent.
Im von der Autokrise geprägten Wahlbezirk Friedrichshafen liegt der CDU-Kandidat bei den Erststimmen vorn, bei den Zweitstimmen wählten 29,9 Prozent die Grünen und 30,1 Prozent die CDU. Der Grüne Hahn liegt dagegen in den meisten ländlichen Gemeinden des Wahlkreises, beispielsweise Salem oder Heiligenberg, bei den Erst- und Zweitstimmen vorn.
Das heißt: Die Grünen können den ländlichen Raum, wenn sie ihn politisch intensiv beackern, weiterhin gewinnen. Sie erreichen mancherorts Volksparteienstärke, auch wenn ihre Kandidaten bei dieser Wahl nur Wahlkreise mit größtenteils urbaner Wählerschaft wie Heidelberg, Tübingen, Konstanz, Mannheim II oder Freiburg gewinnen konnten. Im Freiburger Stadtgebiet wählen 48 Prozent die Grünen.
Anders als in anderen Bundesländern
In vielem ähnelt die Stellung der baden-württembergischen Grünen der einer Volkspartei: Ihre Wählerschaft ist über alle Altersgruppen hinweg gespreizt, sie gewinnen frühere SPD-Wähler in den Großstädten, sie sind aber auch im ländlichen Raum relativ stark. Das unterscheidet sie von Grünen in anderen Bundesländern.
„Die Grünen haben sich im ländlichen Raum verankert, sie erreichen fast überall 20 Prozentpunkte“, sagt Sebastian Bukow, Parteienforscher an der Universität Trier, der das Wahlergebnis für die Heinrich-Böll-Stiftung untersucht hat. „Man sieht in Deutschland eine Regionalisierung der Wettbewerbsstrukturen. Und man sieht eine Segmentierung zwischen den zufriedenen und ökonomisch stabilen Wählern in den Städten und den Transformationsskeptikern auf dem Land, die zur AfD neigen.“
Je ländlicher, je weniger gebildet, desto mehr AfD-Wähler
In konservativ geprägten Wahlkreisen wie Tuttlingen-Donaueschingen, Sigmaringen oder Biberach liegen die grünen Bewerber beim Erststimmenergebnis hinter denen der AfD und erreichen durchschnittlich nur 17 Prozent.
Für das Abschneiden der AfD gilt allgemein: Je niedriger der Urbanitätsgrad einer ländlichen Region und je geringer das durchschnittliche Bildungsniveau der Arbeiter, desto höher das Ergebnis der Partei. Hochburgen der AfD sind der Enzkreis, Pforzheim, die Landkreise Tuttlingen, Heilbronn und Freudenstadt, Städte wie Villingen-Schwenningen, Rottweil oder auch Mannheim.
„Es sind oft Regionen“, sagt Michael Wehner von der Landeszentrale für politische Bildung in Freiburg, „in denen früher die NPD und die Republikaner stark waren.“ In ländlich-protestantischen Regionen sind die Zuwächse der AfD größer als in ländlich-katholischen.
Im Wahlkreis Tuttlingen-Donaueschingen gewinnt die AfD 13 Prozent hinzu, 51 Prozent der Industriearbeiter wählten dort die in Teilen rechtsextremistische Partei. Und das, obwohl der CDU-Kandidat und Gewinner des Wahlkreises, Guido Wolf, prominent ist und ein deutlich konservatives Profil hat.
Worum sich auch die CDU mehr kümmern muss
Das landesweite Ergebnis der AfD von 18,8 Prozent (35 Abgeordnete) entspricht, verglichen mit dem von 2021, einer Verdoppelung. Verglichen mit dem Jahr 2016, als die AfD mit 15 Prozent erstmals in den Landtag einzog, sind die Zuwächse trotz Autokrise moderat. Die AfD erzielt deutlich überdurchschnittliche Stimmengewinne unter Menschen, die ihre wirtschaftliche Lage als weniger gut oder schlecht bezeichnen.
„In dieser Gruppe ist die AfD mit Abstand die stärkste Partei“, schreiben Viola Neu und Sabine Pokorny in der Wahlanalyse der Konrad-Adenauer-Stiftung. 36 Prozent der AfD-Wähler sind Arbeiter. Die CDU wird sich in den nächsten Jahren, auch bedingt durch den Niedergang der SPD, noch stärker um das Arbeitermilieu kümmern müssen.
