Das Kurzvideo beginnt mit einem einfachen „Hi.“ Eine Frauenstimme ist zu hören, eine Altbauvilla mit einer großen Veranda zu sehen, umschlungen von grünen Büschen, Bäumen und Blättern. „Wir sind Agi und Yannick – und wir haben uns einen Altbau aus dem Jahr 1927 gekauft.“ Das Haus sei voller Geschichten, aber auch voller Staub. Das Paar möchte die Villa sanieren, sodass sie bald zu einem Zuhause wird. „Wir wissen nicht, was uns erwarten wird. Aber wir fangen einfach an“, sagt Agi.
Für 395.000 Euro haben die 34-Jährige und der 35-Jährige die Immobilie in Nordrhein-Westfalen vor ein paar Monaten gekauft, hinzu kamen noch die Grunderwerbsteuer sowie die Kosten für den Makler und den Notar. Auf den Plattformen Instagram und Tiktok dokumentiert das Paar das Voranschreiten des Projekts. Es ist einer von vielen Accounts, der die Umwandlung eines verfallenen Hauses zeigt, teils schauen Hunderttausende Follower zu, so mancher träumt vom eigenen Bauprojekt. Denn die Immobilienpreise in deutschen Städten haben Höhen erreicht, die selbst gut verdienende Paare zur Verzweiflung bringen. Da lockt das Haus im Umland, das zwar ein paar kaputte Fenster, eine alte Heizung und ein paar Risse in der Wand hat, das aber erschwinglich ist und mit ein bisschen handwerklichem Geschick renoviert werden kann.
Plötzlich stellten sie den Schadstoff Asbest fest
Doch was so ein Vorhaben kostet, verschweigen die meisten Bauinfluencer. Nur ein paar wenige legen ihre Zahlen offen, mit drei von ihnen hat die F.A.S. gesprochen. Sie machen ihre Ausgaben transparent, damit andere Haussanierer wissen, was auf sie zukommt. Ihren Nachnamen wollen sie allerdings nicht öffentlich nennen, sondern nur die Vornamen. Die Geldbeträge sind gerundet.
Agi und Yannick können ihr Bauprojekt dank einer Erbschaft von rund 200.000 Euro verwirklichen. Davon haben sie etwa 120.000 Euro bereits für den Kauf ihrer Altbauvilla verwendet. Zudem haben sie bei der Bank einen Kredit über 330.000 Euro aufgenommen, rund 1300 Euro beträgt ihre monatliche Kreditrate. Sie ist damit niedriger als ihre aktuelle Miete. Aber Kreditrate und Miete sind eine finanzielle Doppelbelastung, zumal sie für ihre Villa schon jetzt die Nebenkosten bezahlen, obwohl sie noch nicht darin wohnen, etwa für Strom, Wasser und die Müllabfuhr. Ihr Haushaltseinkommen liegt zwischen 4000 und 5000 Euro im Monat. Agi ist stellvertretende Leiterin in der Erziehungshilfe, Yannick arbeitet in Teilzeit, studiert zusätzlich und hat früher eine Ausbildung zum Maler und Lackierer gemacht. Noch im Frühling wollen sie ihre bisherige Mietwohnung kündigen, ihren Campingbus in den Garten stellen, darin wohnen und die Villa weiter renovieren.
Die Entkernung haben sie bereits hinter sich, 14.000 Euro hat diese gekostet – mehr als erwartet, denn im Haus wurde der Schadstoff Asbest festgestellt, für dessen Entfernung rund 8000 Euro nötig waren. Verzagt ist das Paar daran nicht, es ist ein eingespieltes Team. Seit drei Jahren sind die beiden verheiratet, seit neun Jahren ein Paar, auf der Dating-App Tinder haben sie sich wiedergefunden, kennengelernt haben sie sich bereits als Teenager. Von ihrem Erbe von 200.000 Euro verbleiben 80.000 Euro für die Sanierung. Zudem wollen sie einen Sanierungskredit aufnehmen, denn sie rechnen damit, dass ihr Projekt locker 120.000 Euro kosten wird. Vieles, etwa das Dämmen, das Verputzen der Wände und das Verlegen der Böden wollen sie selbst übernehmen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Ob ihre Rechnung aufgeht, ist aktuell noch nicht klar. Zumindest die Zahlen anderer Haussanierer verdeutlichen, wie viele weitere Ausgaben im Laufe der Sanierung hinzukommen.
Die Liste an Ausgaben wurde immer länger
Die 28-jährige Carolin und ihr Mann haben ihr Bauprojekt bereits fast abgeschlossen, im Oktober sind sie mit ihrer kleinen Tochter in das sanierte Haus eingezogen, nur kleinere Arbeiten sind im Haus noch zu erledigen. Sie wohnen im Umland von Chemnitz. Mehr als 330.000 Euro hat die Sanierung gekostet, der Preis für das Haus und das 750 Quadratmeter große Grundstück lag bei 110.000 Euro, zusätzlich kamen noch die Kaufnebenkosten von knapp 10.000 Euro hinzu.
Das Haus wurde im Jahr 1934 erbaut, die frisch gebackenen Immobilienbesitzer mussten fast alles neu machen – und trotzdem sei das günstiger gewesen als ein kompletter Neubau, sagt Carolin. Etwas mehr als ein Jahr haben sie auf der Baustelle geschuftet und die Wochenenden dort verbracht. Das neue Dach hat 50.000 Euro gekostet, für die Fassade haben sie 33.000 Euro ausgegeben, für die Heizung 25.000 Euro, für die Solaranlage 18.000 Euro, für die Elektrik 15.000 Euro, für die Küche und die Sanitäranlagen 30.000 Euro, für die Treppe und die neuen Türen 12.000 Euro. Und so ging die Liste an Ausgaben immer weiter.
In den Monaten voller Rechnungen in Höhe von mehreren Tausend Euro musste sie sich immer wieder ins Bewusstsein rufen, wie viel Geld das ist, sagt Carolin. Instagram und Tiktok sind da ein Fluch und ein Segen zugleich. Zum einen wecken die Beiträge anderer Haussanierer die Begierde, bringen einen auf neue, aber teure Ideen. Gleichzeitig sind die Plattformen eine Möglichkeit zum Austausch mit anderen Immobilienbesitzern.
Im Idealfall kommen sogar Baufirmen auf sie zu und bieten ihnen kostenlos die Nutzung von Maschinen an oder bezahlen für Werbung. Scrollt man durch die Profile der Influencer, finden sich Anzeigen für Badarmaturen, Lampen, Rauchmelder, Handwerkerplattformen und vieles mehr. Manche Accounts haben mehrere Hunderttausend Follower, die Einnahmen davon dürften die Sanierung mitfinanzieren.
Darauf hoffen einige Paare, die ihr Projekt öffentlich machen. Doch das klappt nicht immer. Carolin und ihr Mann haben ihr Projekt ohne Unterstützung durch Instagram finanziert, dafür reichen die 3200 Follower, die sie haben, nicht aus. „Für mich ist das Profil eher als Tagebuch und nicht als Geldquelle gedacht“, sagt sie.
Rund 75.000 Euro hat das Paar an eigenem Geld eingebracht. Zwei Kredite haben sie aufgenommen: einen Baukredit bei ihrer Bank für 280.000 Euro und einen Förderkredit für Familien für 100.000 Euro, der einen besonders niedrigen Zinssatz von 0,9 Prozent hat. Carolin und ihr Mann sind beide Beamte, sie haben ein solides Einkommen, das hilft. Es wird voraussichtlich rund 25 Jahre dauern, bis sie ihren Kredit getilgt haben. Doch sie sind glücklich in ihrem Haus. „Ich bin froh, dass die Zeit der vielen großen Entscheidungen vorbei ist“, sagt sie. Auf ihrem Instagram-Profil gibt Carolin seither anderen Immobilienbesitzern Tipps, wie sie Fehler vermeiden können.
Eine pauschale Anleitung, wie ein Haus zu sanieren ist, gebe es jedoch nicht, sagt Marc Förderer, Experte für Energieeffizienz und Ingenieur. Er wird bei Besichtigungen von renovierungsbedürftigen Häusern dazu gerufen, um interessierten Käufern eine Einschätzung zu geben, mit welchem Aufwand und mit welchen Kosten sie rechnen müssen. Je nach Zustand des Hauses können das mehrere Hunderttausend Euro sein, sagt er.
Teils unterstützt der Staat mit zinsvergünstigten Krediten und Subventionen, etwa für energieeffizientes Sanieren. Bei einer öffentlichen Förderung müssen die Immobilienbesitzer das Geld aber üblicherweise vorstrecken. Vor allem welche Heizung es sein hat in den vergangenen Jahren für viele Diskussionen gesorgt, auch politische – Stichwort: Heizungsgesetz, das den Einbau von Wärmepumpen vorantreiben sollte. Mittlerweile wurde das Gesetz reformiert, demnach sind Öl- und Gasheizungen wieder erlaubt. Die Kosten für das Sanieren bleiben aber trotzdem hoch, sagt Förderer. Durch Eigenleistung könne man sie drücken. „Den Zeitaufwand sollten Hauskäufer aber nicht unterschätzen“, sagt er.
Eine 70-Stunden-Woche gehört dazu
Das weiß auch Lynn. Die 34-Jährige arbeitet Vollzeit als Marketingmanagerin, nach Feierabend ist sie auf ihrer kleinen Baustelle. Eine 70-Stunden-Woche gehört für sie dadurch zur Normalität. Dabei renoviert sie kein großes Einfamilienhaus, sondern Altbauwohnungen, die sie anschließend vermietet. Zwei bis drei Monate gibt sie sich jeweils Zeit, um eine Wohnung aufzuhübschen, dann zieht der neue Mieter ein. Auch sie legt ihre Zahlen anhand eines Beispiels offen: Im Mai 2025 hat sie in Hamburg eine Wohnung mit einer Wohnfläche von 37 Quadratmetern für 163.000 Euro gekauft, den gesamten Betrag hat sie über einen Kredit finanziert.
Sie selbst hat die Nebenkosten des Wohnungskaufs und die Kosten für die Renovierung übernommen. 3400 Euro hat sie für die Renovierung dieser Wohnung ausgegeben – ein vergleichsweise geringer Betrag, wenn man ihn mit den Summen anderer Haussanierer vergleicht. Das liegt nicht nur an der Größe der Wohnungen und dem schon vorher soliden Zustand. Sondern auch daran, dass Lynn fast alles Handwerkliche selbst übernimmt und dadurch nur die Materialkosten bezahlen muss. Je nachdem, was in der Wohnung zu tun ist, verlegt sie neue Böden oder schleift die Dielen, montiert einen neuen Herd oder eine Dunstabzugshaube in der Küche, tauscht die Fußleisten und streicht die Wände. Nur wo es wirklich nicht anders geht, holt sie sich Hilfe. „Die Anschlüsse im Badezimmer lasse ich von Profis machen“, sagt sie.
Ihre Schulden für die Baukredite betragen insgesamt rund 700.000 Euro, auch ihr Eigenheim ist darin enthalten, monatlich zahlt sie eine Kreditrate von 3000 Euro. Allerdings decken ihre Mieteinnahmen das ab. Die Wohnungen sollen ihr als Altersvorsorge dienen und ihr später, wenn die Wohnungen abbezahlt sind, ein regelmäßiges Einkommen sichern, sagt Lynn.
Vor wenigen Tagen hat sie auf Instagram ein Bild hochgeladen, darauf zu sehen ist der Brief einer Notarin. „Schaut mal, was bei mir im Briefkasten war“, schreibt Lynn darunter. In vier Wochen soll die Übergabe des Wohnungsschlüssels sein. Dann kann ihr nächstes Projekt starten.
