
Kaum ist der Winter vorbei, packt er doch noch einmal zu und schickt zum Abschied einen Schnupfen. Der erfahrene Erkältungspatient weiß, dass es keinen Ausweg aus der Krankheit gibt als geduldiges Schniefeln. Und vertreibt sich die Zeit mit der Frage nach der Rolle des Schnupfens in der Weltliteratur. Dafür, dass Erkältungen die Menschheit so verlässlich plagen, kommen sie in Büchern nämlich erstaunlich selten vor.
Klar, sie verderben die Stimmung. Elizabeth Bennet mit Husten oder Mr. Darcy mit laufender Nase – gleich wird ein ganz anderes Buch draus. „Rotz und Wasser“ statt „Stolz und Vorurteil“. Insofern ist außer Stanisław Lems Roman „Der Schnupfen“ und Christian Morgensterns gleichnamigem Gedicht nicht viel Hals-Nasen-Ohren-Literatur zu finden.
Morgenstern fasst die Erkältungs-Handlung bündig zusammen: „Ein Schnupfen hockt auf der Terrasse, / auf dass er sich ein Opfer fasse / – und stürzt alsbald mit großem Grimm / auf einen Menschen namens Schrimm. / Paul Schrimm erwidert prompt: „Pitschü!“ / und hat ihn drauf bis Montag früh.“ Sechs zeitlos gültige Zeilen. Sonst aber spielt die Erkältung als charakterliche (Männergrippe!) und narrative Herausforderung eine erstaunlich geringe Rolle.
Wieso eigentlich? Schnupfen sind häufiger als Beziehungen oder Gewalttaten. Trotzdem sind Liebesromane und Krimis erfolgreiche Gattungen, nicht aber Niesen und Husten. Auch der Krankheitsroman widmet sich aus begreiflichen Gründen eher den ganz großen gesundheitlichen Dramen: Tuberkulose, Pest, Krebs.
Zum Glück gibt es Tolstoi. Er geht der Sache in „Krieg und Frieden“ vertiefend auf den Grund und beschäftigt sich nach der Schlacht von Borodino in einer geschichtsphilosophischen Abschweifung mit der Frage, ob Napoleon die Schlacht wegen seines Schnupfens verlor.
Nein, lautet sein Schluss, der Ausgang habe weder von ihm noch von seiner Tagesform abgehangen, sondern sei das Resultat aller Ereignisse, die zur Schlacht geführt hätten, und sämtlicher Entscheidungen in ihrem Verlauf. Auch ohne Kaiser, nasses Taschentuch hin oder her. Trotzdem wird man jenseits des Schlachtfelds schneller gesund.
