Liebe Leserin, lieber Leser,
vor ein paar Tagen
wurde ich Zeuge einer erschreckenden Szene. Ich war im Hochhausviertel Steilshoop
unterwegs, zusammen mit dem CDU-Bürgerschaftsabgeordneten Sandro Kappe, der
dort sein Büro hat und sein Mandat gelegentlich als Auftrag zu einer Art ehrenamtlicher
Sozialarbeit interpretiert. An diesem Tag wollte er mir die letzte Arztpraxis
des Wohngebiets zeigen. In einem heruntergekommenen Baukomplex gibt es
dort ein Ärztehaus. Doch dort scheint die allgemeinmedizinische Praxis verwaist
zu sein, die Gründe sind unklar.
Die Arztpraxis, um
die es ging, befindet sich ein paar hundert Meter entfernt im ersten
Obergeschoss eines Mehrfamilienhauses. Als wir auf das Gebäude zugingen,
klemmte ein Rollstuhlfahrer im Eingang. Beim Versuch, ins Treppenhaus zu
gelangen, hatte er einen seiner Schuhe an der widerspenstigen Tür abgestreift,
mit der er sich abmühte. Nun hing er mehr in seinem Gefährt, als dass er saß,
und kam weder vor noch zurück. Als Sandro Kappe ihn aus seiner Lage befreit
hatte, sagte der Mann in gebrochenem Deutsch, er habe nur mal schauen wollen.
Was es zu sehen gab, befand sich hinter der nächsten Ecke des Eingangsflurs:
die Treppe hoch zur Arztpraxis, und nirgends ein Fahrstuhl.
Es ist mühsam,
Steilshoop zu verlassen, seit die Bushaltestelle verlegt wurde und eine
U-Bahnbaustelle in der Mitte des Stadtteils einen riesigen
Krater gerissen hat. Theoretisch kann man natürlich auch mit einem Rollstuhl
fast überallhin, in der Praxis soll es vorkommen, dass Körperbehinderte, die
nicht die Treppe hochkommen, auf der Straße behandelt werden. Ich kann das
nicht überprüfen.
Warum es in
Hamburg solche Lücken in der ambulanten Versorgung gibt, können Sie in einem Artikel meiner Kollegin Annika Lasarzik (Z+) nachlesen. Die
Veröffentlichung liegt nun schon etwas zurück, aber ihr Fazit gilt noch immer: “Bisher entschieden über die
medizinische Versorgung in der Stadt ausgerechnet diejenigen, die selbst ein
hohes Interesse daran haben, dass alles so bleibt, wie es ist.”
Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!
Ihr Frank Drieschner
Wollen
Sie uns Ihre Meinung sagen, oder wissen Sie etwas, über das wir berichten
sollten? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail an hamburg@zeit.de.
WAS HEUTE WICHTIG IST
Im Tarifkonflikt bei der Hamburger Hochbahn hat die
Gewerkschaft Ver.di erneut zu einem Warnstreik aufgerufen. Die Fahrer von
Bussen und U-Bahnen sollen demnach am Donnerstag ab 3 Uhr für 24 Stunden die
Arbeit niederlegen. Nicht betroffen sind die Busse der Verkehrsbetriebe
Hamburg-Holstein (VHH), die S-Bahnen und die Hafenfähren.
Die Zahl der Kirchenaustritte im Erzbistum Hamburg
ist 2025 im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen. In Hamburg traten 5.247
katholische Christen aus der Kirche aus, 2024 waren es 5.325. Demgegenüber
standen 63 Neu- und 78 Wiedereintritte (2024: 45 / 77).
An Hamburgs Bahnhöfen sowie S- und U-Haltestellen gingen
die Uhren in diesem Jahr schon 27-mal falsch. 18 Störungen gab es an den
S-, Regional- und Fernbahnhöfen und neun an den U-Bahnhöfen. Das ergab eine Kleine
Anfrage der CDU-Bürgerschaftsfraktion an den Senat. An den Bushaltestellen der
Hochbahn lief dagegen bisher alles im Takt.
25 Jahre nach der Ermordung des Hamburger
Gemüsehändlers Süleyman Taşköprü durch die Rechtsterroristen vom NSU wollen
die Bürgerschaftsfraktionen von SPD, Grünen, CDU und Linken in einer
Gedenkveranstaltung an die Tat erinnern. Die Veranstaltung soll Ende Juni stattfinden,
über den entsprechenden Antrag stimmt die Bürgerschaft am 25. März ab.
Im Hamburger Stadtgebiet ist erstmals ein Wolf
überfahren worden. Das Tier sei mitten in der Nacht auf Freitag auf der A25
bei Curslack mit einem Auto kollidiert, teilte die Umweltbehörde mit. Der
Autofahrer blieb bei dem Unfall unverletzt. Das etwa 28 Kilogramm schwere Tier
verendete aufgrund des heftigen Zusammenstoßes direkt an der Unfallstelle.
Nachricht des Tages
Gestern hat die Umweltbehörde einen Entwurf des Hamburger Wärmeplans
veröffentlicht. Wesentlicher Bestandteil ist eine Karte, die aufgeschlüsselt für kleine
Siedlungsbereiche der ganzen Stadt Empfehlungen für die jeweils zweckmäßigste
Art einer klimaneutralen Wärmeversorgung vorlegt. Der Entwurf soll Ende Juni
vom Senat beschlossen werden und orientiert sich am Zieljahr 2040 für eine
klimaneutrale Wirtschaftsweise in Hamburg.
Die von der Zweiten Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) geführte
Umweltbehörde verbindet die Veröffentlichung mit scharfer Kritik am geplanten
Gebäudemodernisierungsgesetz der schwarz-roten Bundesregierung. Die Abschaffung
der Verpflichtung, neue Heizungen zu mindestens 65 Prozent mit Energie aus
erneuerbaren Quellen zu betreiben, schaffe erhebliche Unsicherheit, während die
geplante Quote für klimafreundlich erzeugtes Grüngas zu Belastungen der
Verbraucher führen werde. Im Ergebnis werde Klimaschutz in der Wärmeversorgung
erschwert. “Mit veränderten rechtlichen Rahmenbedingungen im Bund wird es auch
in Hamburg schwieriger, Maßnahmen zur Wärmewende umzusetzen und
Klimaneutralität zu erreichen”, heißt es in der Stellungnahme der
Umweltbehörde.
Aus einer Analyse der Hamburger Wärmeversorgung, die als Teil des
Wärmeplanentwurfs veröffentlicht wurde, ergibt sich, dass der
Endenergieverbrauch der Hamburger Wohn- und Gewerbegebäude in den Jahren von
2008 bis 2023 kaum gesunken ist. Werden Witterungseffekte als Folgen besonders
milder Winter herausgerechnet, ergibt sich über den Zeitraum der betrachteten
16 Jahre ein Rückgang von lediglich etwa acht Prozent.
Frank Drieschner
AUS HAMBURG
Senator wollte er nicht sein
Heute vor 100 Jahren wurde
der Schriftsteller Siegfried Lenz geboren. Günter Berg war sein Lektor. Hier
schreibt er über ihre jahrelange Zusammenarbeit – und von einem Brief an Helmut
Schmidt. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Gastbeitrag von Günter Berg.
Im Juni 1978, kurz nach der Bürgerschaftswahl in
Hamburg, erhält Siegfried Lenz einen Anruf von Helmut Schmidt. Die beiden
verbindet seit Mitte der Sechzigerjahre eine stabile Freundschaft, Lenz hatte
Helmut Schmidt – wie auch schon Willy Brandt – auf Reisen nach Polen begleitet.
Nun fragte der damalige Bundeskanzler den Schriftsteller, ob er nicht das Amt
des Hamburger Kultursenators übernehmen wolle.
Der Autor sagte ab, er begründete es so: “Nicht
der vorgestellte Wechsel einer Lebenslage führte zu dieser Entscheidung, nicht
Anhänglichkeit an vertraute Gewohnheiten und auch die Unwilligkeit nicht,
öffentliche Verantwortung zu übernehmen; vielmehr habe ich schließlich meiner
Überzeugung nachgegeben, daß ich all das, was zu tun ich für notwendig halte,
eher mit den Mitteln des freien Schriftstellers als mit den Möglichkeiten eines
Amtes erreichen möchte.” Er glaube, dass ihm allein die Arbeit, für die er sich
vor nahezu 30 Jahren entschieden hatte, entspricht. Diese Worte fand
ich in einem Brief, den er am 10. Juni 1978 geschrieben hatte.
Bereits einige Jahre zuvor hatte Lenz in seiner
Dankesrede beim renommierten Bremer Literaturpreis gesagt: “Ich schätze nun
einmal die Kunst, herauszufordern, nicht so hoch ein wie die Kunst, einen
wirkungsvollen Pakt mit dem Leser herzustellen, um die bestehenden Übel zu
verringern.”
Lenz’ Handwerkszeug war nur selten die politische
Rede oder die taktische Konfrontation. Er schrieb Geschichten (Z+), um die Welt
besser verstehen zu können. Er machte mit seiner Literatur Angebote, ihm zu
folgen auf dem Weg der Vergewisserung.
Den Werdegang von Lenz und
wie sich sein Werk entwickelte, lesen Sie weiter
in der ungekürzten Fassung. → Zum
Artikel (Z+)
SCHON GELESEN?
“Mir fliegen Songs in gewisser Weise zu”
Achim Reichel gilt als Ur-Vater des deutschen
Rock, Lieder wie “Aloha Heja He” wurden international zum Hit. Gestern wurde er
für seine Verdienste um die deutsche Popmusik und Sprache von Hamburgs
Kultursenator Carsten Brosda mit dem Bundesverdienstorden geehrt. Im Mai 2025 hat
ihn ZEIT-Autor Tobias Lentzler zu Hause besucht. →
Zum
Artikel (Z+)
DAS KÖNNTE SIE INTERESSIEREN
Bundesweit haben die Internationalen Wochen gegen
Rassismus begonnen, sie laufen noch bis zum 29. März. Das diesjährige Motto:
“100 Prozent Menschenwürde – Zusammen gegen Rassismus und Rechtsextremismus”.
In den kommenden zwei Wochen stehen in allen Bezirken der Stadt zahlreiche
Lesungen, Vorträge sowie Film- und Theaterabende auf dem Programm – ein Blick in den umfangreichen Veranstaltungskalender lohnt
sich. Ein Termin daraus: Die Autorin Tupoka Ogette stellt im
Gespräch mit Mohamed Amjahid ihr neues Buch “Trotzdem zuhause” vor. In ihrem
Memoir schreibt sie über ihr Aufwachsen als Schwarzes Kind in der DDR.
“Trotzdem zuhause”, Tupoka Ogette im Gespräch mit Mohamed Amjahid,
24.3., 19.30h; Laeiszhalle, Kleiner Saal, Gorch-Fock-Wall 21; Tickets gibt es hier
MEINE STADT
HAMBURGER SCHNACK
Drei Herren um die 80 sitzen
beim Frühstücksbäcker und schnacken über dies und das. Fernsehen ist natürlich
auch ein Thema und der neumodische Kram mit den “Mediatheken”. Einer erinnert
sich an die Zeiten, als die Fernbedienung noch per Kabel direkt mit dem
Fernseher verbunden war. Wenn seinem Opa der Ton zu leise war, habe der immer
auf Plattdeutsch gesagt: “Giff mi mol den Drücker för de Kiekmaschin!”
Gehört von Lutz Lüttig
Das war die Elbvertiefung, der tägliche
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