Popps Entscheidung, den siebenmaligen Meister VfL Wolfsburg zu verlassen und sich dem aufstrebenden BVB anzuschließen, verschiebt Koordinaten. Die gebürtige Wittenerin wurde im Nationalteam zur prägenden Figur des Frauenfußball. Nun tauscht die bald 35-Jährige Champions-League-Abende gegen Aufbauarbeit und Aufstiegsdruck und setzt damit ein Zeichen, das über ihre eigene Karriere hinausweist.
BVB hat ein Team von unten aufgebaut
Die Dortmunder, deren Frauen in der Regionalliga um den Aufstieg in die Zweite Bundesliga kämpfen, haben nicht – wie mancher Konkurrent – eine Lizenz übernommen, sondern ein Team von unten aufgebaut. Vieles, was Professionalität ausmacht, ist bei den Westfalen inzwischen Alltag. Dass der BVB auch Ralf Kellermann, bislang Sportlicher Leiter in Wolfsburg, verpflichtet hat, um vom 1. Juli den Kurs festzulegen, passt ins Bild.
Die Borussia bietet, wofür viele Vereine des Frauenfußballs Jahrzehnte gebraucht haben: Infrastruktur, Vermarktungskompetenz, Publikum, nicht zuletzt ein Profil. Popp ist für das ambitionierte Projekt als Multiplikatorin eine Idealbesetzung. Sie wird Tore schießen – vor allem aber Trainingsalltag, Maßstäbe und Sichtbarkeit verändern. Wer so eine Spielerin verpflichtet, hat eine langfristige Strategie im Hinterkopf.
Der Transfer leuchtet eine wachsende Schieflage aus
Gerade deshalb leuchtet dieser Transfer eine wachsende Schieflage aus. Union Berlin, der HSV, der 1. FC Nürnberg, Dortmund: Männertraditionsvereine investieren gezielt, rüsten auf, was sie lange vernachlässigten. Diese Klubs können medizinische Betreuung, Leistungszentren, Medienreichweite und Vermarktung praktisch „mitliefern“, unabhängig davon, was die Frauenabteilung auf dem Rasen leistet. Das wirkt wie ein Turbo und verändert Wettbewerbsbedingungen. Für eigenständige Frauenvereine wird dieser Strukturwandel zum Härtetest.
Klubs wie die SGS Essen oder der FC Carl Zeiss Jena leben von ihrer Talententwicklung, kluger Basisarbeit und Verwurzelung. Doch wenn Sponsoren, Aufmerksamkeit und die besten Nachwuchsspielerinnen dorthin wandern, wo bessere Rahmenbedingungen locken, wird Selbständigkeit vom Markenkern zum Risiko. Die Bundesliga droht endgültig ein Abbild der Männerliga zu werden, mit festeren Hierarchien und steigendem Gefälle. Die Entwicklung läuft auf eine Konstellation hinaus, die glänzt, weil wenige sehr groß sind, und ärmer wird, weil viele kleinere Orte dieses Sports verschwinden.
Popps Entscheidung zwingt zur Klärung, was „Fortschritt“ heißen soll. Wollen die Klubs und der Verband, die darum ringen, wer die Liga steuert und vermarktet, prinzipiell eine Entwicklung, in der professionelle Rahmenbedingungen nur dort zu schaffen sind, wo ein Männerklub sie aus dem Gesamtbetrieb heraus absichert? Oder braucht man Regeln und Modelle, die Ressourcen freisetzen, ohne unabhängige Frauenklubs zu verdrängen? Dortmund setzt ein Signal, Popp verleiht dem Klub Glaubwürdigkeit. Für den Frauenfußball ist das Aufbruch und Warnung zugleich.
