
Nach den Rücktrittsankündigungen im Vorstand sucht Biontech die Nachfolger verstärkt in Amerika. „Die Suche läuft international, fokussiert sich jedoch auf die Vereinigten Staaten“, teilte das Unternehmen auf Anfrage der F.A.Z. mit. „Die Stellen werden am Firmensitz in Mainz sein.“ Vergangene Woche hatten der Vorstandsvorsitzende Uğur Şahin und seine Frau Özlem Türeci als Forschungschefin angekündigt, bis Ende 2026 aus dem Vorstand auszuscheiden.
Unternehmenskenner nannten Expertise in der Onkologie (Krebsheilkunde) als erwünscht für Şahins Nachfolger. Sie ist aber nicht im Suchprofil erwähnt, welches Biontech auf Anfrage ebenfalls offenlegte: „Der Chief Executive Officer (CEO) soll über eine nachweisliche Erfolgsbilanz im Life-Sciences-Sektor verfügen und Biontech in die nächste Wachstumsphase führen.“ Er solle in enger Zusammenarbeit mit dem weiteren Vorstand „die konsequente Umsetzung des präklinischen und klinischen Portfolios vorantreiben“.
Der Markt goutiert die Nachricht nicht
Şahin und Türeci wollen ein neues Unternehmen gründen, das Innovationen in der mRNA der nächsten Generation vorantreiben soll. Mit dieser Technik entwickelte sich Biontech in der Corona-Pandemie zu einem der international wichtigsten Impfstoffhersteller. mRNA ist eine Bauanleitung, die Zellen vorübergehend nutzen, um ein bestimmtes Protein herzustellen – und Biontech entwickelt auf dieser Basis auch neue Therapien, etwa in der Krebsmedizin. Şahin und Türeci nannten als Grund im Kern, ihnen fehle in der jetzigen Phase des Unternehmens Zeit für das, was sie im Herzen wollten: in der frühen Phase forschen. Die Deutsche Bank bewertete die Nachrichten als „überraschende und einigermaßen unorthodoxe Entwicklung“, die nicht gerade ein Vertrauensbeweis sei. Fondsmanager Markus Manns von Union Investment sah „viele Fragezeichen“. Die Aktie verlor am Tag der Bekanntgabe zeitweise mehr als ein Fünftel an Wert.
Dabei hat der größte Einzelaktionär des Unternehmens, die Beteiligungsgesellschaft der Strüngmann-Brüder mit mehr als 40 Prozent Anteil, auf dem Papier eine Milliardensumme verloren. Im Gespräch mit der F.A.Z. verteidigte Thomas Strüngmann , der einst mit seinem Bruder Andreas den Generikahersteller Hexal gegründet hatte und zu den ersten Biontech-Investoren gehörte, den Plan nachdrücklich: „Ich bin sehr davon überzeugt, dass diese klare Arbeitsteilung langfristig beiden Unternehmen zugutekommen wird.“ Biontech entwickele sich zu einem globalen Unternehmen, vorerst fokussiert auf späte klinische Entwicklung, regulatorische Prozesse, Vermarktung und Partnerschaften. Die neue Firma werde sich auf sehr frühe Forschung und die nächste mRNA-Generation konzentrieren. Damit wolle man Komplexität reduzieren.
Unverständnis äußerte Strüngmann für die drastische Kursreaktion. Dies spiegele nicht den fundamentalen Wert von Biontech wider. Biontech weise bei einer Marktbewertung von rund 20 Milliarden Euro nahezu keine Schulden vor und verfüge über 17 Milliarden Euro Cash. Derzeit liefen 15 klinische Entwicklungsprogramme mit neun Phase-3-Studien – das sind entscheidende Untersuchungen, die kurz vor einer möglichen Zulassung stehen. „Wenn nur ein Teil dieser Programme erfolgreich ist, ergibt sich daraus ein erhebliches kommerzielles Potential“, betonte Strüngmann und fügte hinzu: „Wir sind weiterhin überzeugt von der langfristigen Entwicklung von Biontech. Wir haben unsere Beteiligung zuletzt sogar ausgebaut.“
Eher Wissenschaftler, kein Pharmamanager
Kenner bestätigen die Beweggründe der Protagonisten als plausibel. Administration, Organisation, Analystentreffen, Vermarktung – das sei gerade nicht Şahins Sache. Ein Insider verweist auf die Transformation, die Biontech angekündigt hat. Produktion, Vertrieb und Logistik seien umzustrukturieren, mit Folgen für das Personal und vielen unangenehmen Entscheidungen – klassische Aufgaben eines Pharmamanagers, nicht eines forschungsverliebten Wissenschaftlers.
Schon jetzt sind Şahin und Türeci nicht durchgehend beliebt, trotz der exorbitanten Entwicklung des Unternehmens seit der Corona-Pandemie. Ihnen wird nachgesagt, mit der Unternehmensführung seit Längerem latent überfordert gewesen zu sein. Geschäftsergebnisse stünden für sie nicht im Mittelpunkt. Vielmehr seien Auszeichnungen das Maß aller Dinge.
In letzterer Disziplin konnten die Biontech-Gründer seit Covid nicht klagen: Großes Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, Ehrendoktorwürde der Philipps-Universität Marburg, Prinzessin-von-Asturien-Preis, Paul-Ehrlich-und-Ludwig-Darmstaedter-Preis, Meyenburg-Preis, Deutscher Nationalpreis – nur ein Auszug aus einer langen Liste von Würdigungen für die Entwicklung des Biontech-Corona-Impfstoffs Comirnaty. „Er will kein Personal entwickeln, will keine Marktstory erzählen“, sagt ein Externer, der Şahin kennt. Ein Personalberater berichtet von Kritik am Chef, „weil er nicht für andere da sein will; er bewegt sich derzeit komplett außerhalb seiner Komfortzone“.
Mainz bangt um Gewerbesteuer
Das Unternehmen widerspricht den Aussagen, eine Sprecherin listet Gegenindizien auf: unter anderem den Börsengang 2019 in schwierigem Umfeld; die Zulassung des ersten mRNA-basierten Medikaments der Welt 2020; die Impfstoffpartnerschaft mit Pfizer, den Erwerb der Produktionsstätte in Marburg; und eine Zusammenarbeit mit Bristol-Myers Squibb zum Krebsmittel Pumitamig. Viele Mitarbeiter, insbesondere in Forschung und Entwicklung, arbeiteten seit mehr als zehn Jahren mit den Mitgründern zusammen. Man werde gefördert, und Biontech habe im vergangenen Jahr 62.000 Bewerbungen erhalten.
Die neue Firma Şahins und Türecis soll über eigene Ressourcen, Geschäftsbereiche und Finanzierungsoptionen verfügen, Biontech soll ihr Rechte und mRNA-Technologien zu marktüblichen Konditionen zur Verfügung stellen. Dafür erhält das Unternehmen eine Minderheitsbeteiligung und andere Gegenleistungen wie Meilensteinzahlungen und Lizenzgebühren. Gleichzeitig wollen Şahin und Türeci ihren Anteil in einer Größenordnung von 16 Prozent behalten. Das kann als Indiz gegen einen Zwist zwischen Unternehmen und Gründern gelten.
Für Mainz ist Biontech immens wichtig. In den Corona-Jahren dürfte der Impfstoffentwickler fast zwei Milliarden Euro Gewerbesteuer gezahlt haben. Er hat nach eigenem Bekunden auch einen dreistelligen Millionenbetrag in den Ausbau von Verwaltung und Produktion investiert und beschäftigt in der Stadt rund 4000 Menschen. Die Stadtoberen wollen den Rückenwind von Biontech nutzen und gemeinsam mit der Universität, der Neuansiedlung von Eli Lilly im nahen Alzey und dem benachbarten Pharmariesen Boehringer Ingelheim zum relevanten Biotechnologiestandort werden.
Aus dem Umfeld der Beteiligten ist zu hören, es gebe keine Anzeichen dafür, dass sich das neue Unternehmen außerhalb Deutschlands ansiedle, eher in der Region. Oberbürgermeister Nino Haase demonstriert Zuversicht: Dass das Gründerpaar seinen Wohnsitz in Mainz behalten wolle, sei ein sehr gutes Zeichen, sagte er der F.A.Z. „Und dass sie weiter in mRNA-Technologie forschen wollen, zeigt, wie viel Potential sie dieser Technologie zugestehen.“ Auf die Frage, ob Biontech unter dem wachsenden Einfluss amerikanischer Investoren Steuern optimieren und Unternehmensteile verlagern könne, sagt er, ein Standort sei immer mehr als Steuern. „Dazu gehören die Zulieferer, die Köpfe, Netzwerke und Strukturen.“ Eine Garantie für den Verbleib gebe es freilich nicht.
