Wir hatten 2025 ein deutliches Plus gegenüber 2024, und dieses Jahr liegen wir bisher noch mal etwa 20 Prozent über den Vorjahreszahlen. Die Auslastung liegt bei 75 Prozent. Gleich beginnt eine Vorabendvorstellung, „Extrawurst“ mit Hape Kerkeling. Der Film läuft jetzt schon seit mehreren Wochen, der Saal ist trotzdem wieder fast voll. Und die Hauptvorstellung heute Abend ist schon so gut wie ausverkauft.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Sie haben ein Programmkino mit nur einem Saal – und machen Gewinn?
Ja. Ich bin Cineast, das Kino ist meine Leidenschaft. Aber ich habe kein großes Vermögen, mit dem ich mir das hier als Hobby und dauerndes Zuschussgeschäft leisten könnte. Mit den Einnahmen kann ich eine Vollzeit-Mitarbeiterin sowie drei Teilzeitkräfte bezahlen. Außerdem trage ich davon den Kredit ab, den ich – zusätzlich zu meinen eigenen Mitteln und staatlicher Förderung – 2022 für die Investitionen in die „Filmbühne“ aufgenommen habe.
Damals galten noch Corona-Regeln, vielen schien das Kino todgeweiht. Woher nahmen Sie den Mut?
Ich hatte keine Angst vor den Corona-Nachwehen. In den ersten Monaten kamen manche Besucher mit Maske, andere ohne. Aber sie kamen. Ich hatte selbst damals eine so große Sehnsucht, mich wieder mit anderen Menschen zu treffen und Gemeinschaft zu erleben, dass ich keinen Zweifel daran hatte, dass es vielen anderen auch so gehen würde. Vielleicht war ich vor der Eröffnung aber auch einfach nur so sehr im Tunnel, dass ich nicht an die Risiken gedacht habe. Dazu kam ein Glücksfall: Unser erster Film war die Elvis-Presley-Biographie, die damals gerade herausgekommen war. Ein Selbstläufer in Bad Nauheim, wo Elvis einst als US-Soldat gewohnt hat.
Wie erklären Sie sich, von diesem Sonderfall abgesehen, den Erfolg?
Das einzige Kino in der Stadt war ein paar Jahre vorher in die Insolvenz gegangen. Es war ein typischer Gemischtwarenladen, typisch für ein Kino dieser Größe. Dort lief alles Mögliche: die großen Marvel-Titel, dann etwas Deutsches, ein Film im Originalton, dazwischen Bibi Blocksberg. Mir war klar: So funktioniert Kino in einer Stadt mit 34.000 Einwohnern nicht mehr. Um mich von den Multiplexkinos in der Großstadt abzusetzen, muss ich meine Filme sehr sorgfältig auswählen. Die Blockbuster aus Hollywood würden das Programm nur verwässern. Lieber zeige ich zwischendurch eine Opern- oder Ballettaufführung.
Sie haben nicht nur das Programm verändert, sondern auch umgebaut.
Alles, was mich vorher als Kinogeher gestört hatte, musste raus. Ich habe die Filmplakate abbestellt, mit denen die Verleihfirmen mich überschütteten, die dem Publikum aber oft wenig sagen; stattdessen gibt es vor der Tür Bildschirme, auf denen ich Ausschnitte aus den Filmen und Begleittexte dazu zeige. Außerdem habe ich im Kinosaal die beiden vordersten Sitzreihen ausgebaut, weil die Sicht auf die Leinwand von dort einfach zu schlecht war, und die Abstände zwischen den anderen Reihen vergrößert, damit auf dem Weg zur Toilette niemand mehr über die Nachbarn klettern muss. Und die große Popcornmaschine an der Theke musste auch raus.

Was haben Sie gegen Popcorn?
Das fängt damit an, dass es im ganzen Kino danach riecht. Außerdem ist es überzuckert und steckt in Wegwerfpackungen. Und dann zerstört das Rascheln und Knacken im Kino auch noch den Moment der größten Aufmerksamkeit, den Schauspieler auf der Leinwand erreichen können, nämlich die Pause zwischen den Worten.
Stattdessen gibt es bei Ihnen Mangokugeln, geröstete Cashews und schokolierte Erdnüsse zu knabbern – aus Gläsern, damit es nicht so raschelt. Daran verdienen Sie bestimmt auch mehr als an schnödem Popcorn.
Im Gegenteil. Nichts schlägt Popcorn, wenn es um die Marge geht! Bei mir ist alles bio, auch der Wein, das ist im Einkauf nicht billig. Das verkaufe ich dann etwa zum doppelten Preis weiter. Ich verdiene an Snacks und Getränken insgesamt deutlich weniger, als die großen Kinocenter für Popcorn, Nachos, süße Limo und Kombimenüs einkalkulieren.
Wie groß ist die Marge bei den Eintrittskarten?
Da gehen gut 40 Prozent an die Verleihfirmen, außerdem bleibt auch beim Anbieter des Onlinebuchungssystems etwas hängen. Für die großen Filme verlangen die Platzhirsche unter den Verleihern sogar mehr. Aber was mich dabei noch mehr stört: Es gibt dann strenge Auflagen, wie oft diese Filme in den ersten Wochen gezeigt werden müssen. Ich habe hier ja nur einen Saal und kann dann oft fast nichts anderes mehr zeigen. Sich damit so sehr festzulegen, ist ein bisschen, wie an der Börse zu spekulieren, aber nur auf eine einzige Aktie setzen zu können. Deshalb mache ich das nur, wenn ein Film hundertprozentig zu meinem Publikum passt.
Was lohnt sich denn für Sie besonders, wenn es weder die Snacks noch die Eintrittskarten sind?
Ich vermiete den Kinosaal für Veranstaltungen, etwa an Unternehmen oder für Familienfeiern. Das verursacht mir fast keine zusätzlichen Kosten, im Idealfall verkaufe ich dazu auch noch Getränke.
Vermieten Sie an jeden, der zahlt?
Nein, ich sage vielen ab. Hier kommt nur rein, wer meine Werte teilt. Ich zeige vor den Vorstellungen ja auch nicht 30 Minuten Reklame für irgendwas. Hier läuft Werbung nur für Nächstenliebe, Demokratie und Umweltschutz. Dazu gibt es ein oder zwei ausgewählte Trailer, die zum folgenden Film passen. Alles, was hier passiert, muss zu diesem Ort passen. Dafür hüte ich das Kino wie meinen Augapfel. Sonst funktioniert diese spitze Positionierung nicht. Es geht nach hinten los, wenn Sie da Schindluder treiben, um mal eben 5000 Euro mehr zu verdienen.

Wie viel bringen Vermietung, Bar und Ticketverkauf jeweils ein?
Das lässt sich für 2025 leicht überschlagen. Da habe ich knapp 30.000 Eintrittskarten verkauft, macht rund 300.000 Euro. Sagen wir, im Schnitt gibt jeder 3,50 Euro an der Theke aus, macht rund 100.000 Euro. Dazu kamen etwa 20.000 Euro aus der Vermietung.
Wie viel teurer sind die Tickets seit 2022 geworden?
Die Preise steigen im Kino nicht so schnell wie in der Eisdiele. Ich habe mit zehn Euro angefangen, jetzt sind es zwölf Euro. Ich frage die Kunden regelmäßig, ob ihnen das zu teuer ist. Die meisten sagen mir, dass sie es vergleichsweise günstig finden.
Dabei gibt es für etwa das gleiche Geld auch ein Monatsabo von Netflix, mit dem man jeden Abend das Heimkino laufen lassen kann.
Ich abonniere selbst alle möglichen Streamingdienste. Aber darin sehe ich keine Konkurrenz zum Kino, weil es in meinen Augen zwei unterschiedliche Produkte sind. Ich verkaufe keine Filme, ich verkaufe einen Anlass. Meine Kunden sollen ein Gefühl mitnehmen, von dem sie nachher erzählen können: dass es ein schöner Abend war, an dem sie vielleicht zufällig noch zwei Bekannte getroffen haben; dass es im Saal wie in einem Varieté kleine Tischchen mit Lampen drauf gibt; dass sie sich nach dem Film noch toll unterhalten haben. Und dazu kommt das besondere Kinoerlebnis – der Moment, in dem 90 Menschen in einem dunklen Raum, die sich zum Teil wildfremd sind, über dasselbe lachen. Um da mit einem Netflix-Abo dranzukommen, brauchen Sie ein sehr großes Wohnzimmer.
In vielen Kinos sind Handys eine Plage. Wie oft wird bei Ihnen während der Vorstellung telefoniert oder parallel etwas anderes geschaut?
Wir haben sehr höfliche Gäste. Solche Probleme mit dem Second Screen, die Sie ansprechen, gibt es hier kaum. Die Handys werden dafür aber vor und nach der Vorstellung häufig benutzt, um die Einrichtung zu fotografieren.
Wie jung oder alt sind die Kinogänger in Bad Nauheim im Schnitt?
Die Mehrheit ist 45 Jahre oder älter. Die Jüngeren waren bisher nicht so leicht zu erreichen, vielleicht kennen sie das Kino nicht so gut von früher. Aber wir arbeiten daran. Dafür will ich die Bühne nutzen, die ich vor der Leinwand habe einbauen lassen. Dort wird es Stand-up-Comedy-Abende geben – hoffentlich mit vielen jüngeren Gästen, die danach auch für einen Kinoabend wiederkommen, wenn sie den Ort erst mal kennen.
Welche Filme laufen in Ihrem Kino besonders gut – und welche nicht?
Das ist leicht zu beantworten. Deutsche Produktionen laufen meistens sehr gut, und Bestsellerverfilmungen laufen hervorragend. Was dagegen nicht so gut läuft, sind amerikanische Produktionen.

Ziehen Schnulzen mehr als Actionfilme, Dramen mehr als Komödien?
In den ersten beiden Jahren waren die Filme, die ich gut genug für mein Kino fand, fast ausnahmslos Dramen. Aber jetzt gibt es ein paar richtig gute Komödien, sogar aus deutscher Produktion, die sehr gut ankommen. Darüber bin ich echt happy. Von der „Extrawurst“ war schon die Rede, „Ach, diese Lücke“ zählt aktuell auch dazu. Ein Film mit einer super Besetzung, mit Tiefe und mit Humor. Mein Gefühl ist: Die Menschen dürsten geradezu nach Komödien.
Locken die Oscar-Gewinner, die in der Nacht zum Montag gekürt werden, besonders viel Publikum an?
Nicht zwangsläufig. Mir persönlich hat vor zwei Jahren der Film „Everything Everywhere All at Once“ super gut gefallen. Deshalb habe ich ihn hier so früh gezeigt wie möglich. Beim Publikum war das aber ein Flop. Dann hat er sieben Oscars abgeräumt, und ich habe ihn gleich noch mal ins Programm geholt. Wieder ein Flop.
Trotzdem steht am Eingang die große Nachbildung einer Oscar-Statue.
Und ein roter Teppich führt daran vorbei. Aber nicht, weil ich so viele prominente Schauspieler und Regisseure bei uns erwarte. Der rote Teppich ist für alle Kinogänger ausgerollt. Denn hier sollen sie sich wie Stars fühlen können.
