Keiner weiß, was in diesen Tagen wirklich in Iran passiert. Es dringen kaum Informationen nach außen. Das Internet ist lahmgelegt.
Im Fernsehen wird das Volk nicht informiert, sondern bedroht: Wer demonstriere, werde behandelt „wie der Feind“, sagt der Polizeichef. Seine Männer hätten „die Hand am Abzug“. Ein Sprecher warnt, dass alle Gegner des Regimes zur Rechenschaft gezogen würden. „Die Beschlagnahmung eures Eigentums ist nichts. Wir werden eure Mütter um euch trauern lassen.“ Streng verboten: Mit Ausländern über den Krieg sprechen, Fotos und Videos schicken.
Vida schickt trotzdem Fotos. „Hier, eine Bombe ist direkt vor meinem Fenster im Büro eingeschlagen!“ Die Explosion lässt die Erde beben, aber Vida sagt, der Krieg mache ihr keine Angst. „Ich habe viel größere Angst, dass die Islamische Republik überlebt.“
Jeden Morgen geht sie zur Arbeit und schickt ein Foto von ihrem Weg. Am Montag ist der Himmel schwarz, es regnet Öl. Am Mittwoch ist er wieder blau, die Straßen leer und ruhig. Am Donnerstag schickt sie kein Foto. An jeder Straßenecke stehen vermummte Milizionäre, so wie es das Regime angekündigt hat. „Sie haben mich nicht angehalten, ich hatte Glück“, schreibt sie, als sie ihr Büro erreicht.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Diese wenigen Internetminuten kosten die Architektin aus Teheran viel Geld. Manchmal vergeht ein ganzer Tag, an dem keine Nachricht durchdringt. Ein einsamer Haken an den fragenden Nachrichten aus Deutschland, ist alles okay?
Seit sechs Jahren sind Vida und ich immer wieder in Kontakt, ihr Vorname lautet eigentlich anders. Immer wieder findet sie Wege, um die Zensur zu umgehen, den Schergen des Regimes zu entwischen. Aber wie lange noch? Quälende Fragen, bis plötzlich wieder ein Lebenszeichen kommt. „Sie sind so lächerlich“, schreibt Vida und schickt das Foto einer Veranstaltung zu Ehren des neuen Obersten Führers. Statt des leibhaftigen Modschtaba Khamenei feiern die Anhänger eine Pappfigur mit seinem Foto. Vida schickt ein Tränen lachendes Emoji.
Sobald die Explosion verhallt, klingelt das Telefon
Jeden Morgen sendet auch Tara ein Lebenszeichen aus Karadsch. Auch sie heißt eigentlich anders. Auf Instagram führt sie ein Kriegstagebuch, eine Freundin aus Deutschland übersetzt die Einträge vom Persischen ins Deutsche. „Türen und Fenster zittern“, schreibt die junge Iranerin. „Der Strom geht an und aus.“ Sobald die Explosion verhallt, klingelt das Telefon: „Hast du es gehört? Was haben sie getroffen?“
Die junge Frau lebt noch bei ihren Eltern. Sie ist Mitte zwanzig, und wenn kein Krieg ist, dann ist sie Designerin, geht ins Fitnessstudio und zum Französischkurs. Jetzt schreibt sie in ihr Tagebuch: „Letzte Nacht wurde der Flughafen bombardiert.“ Sie höre die Spatzen zwitschern, aber der brennende Himmel sehe nicht nach Frühling aus. Und sie notiert die Eilmeldung im Staatsfernsehen: „Das Öllager von Karadsch ist angegriffen worden.“

Es ist der schwarze Regen, den Vida auch in Teheran sieht.
Anders als Vida ist Tara sich nicht so sicher, was sie sich wünschen soll. Sie fürchtet das Regime, aber noch mehr fürchtet sie Chaos und Zerstörung. Was, wenn Kurden, Belutschen, Azeri und Araber sich abspalten, das Land im Bürgerkrieg versinkt? „Ich habe Angst vor den Revolutionsgarden“, schreibt sie. Aber auch: „Ich habe Angst vor fremden Soldaten in meiner Heimat.“
Es ist diese Ambivalenz, die sich durch all ihre Tagebuchverse zieht. „Ich fürchte, dass die Islamische Republik bleibt“, schreibt sie. Und: „Ich habe ebenso Angst davor, dass die Islamische Republik untergeht.“
„Netanjahu und Trump wollen nichts Gutes“
Samaneh, eine ältere Galeristin aus Teheran, zweifelt ebenfalls. Auch sie heißt eigentlich anders. „Netanjahu und Trump wollen nichts Gutes für mein Land“, schreibt sie, als es ihr nach längerer Funkstille wieder gelingt, sich mit dem Internet zu verbinden. Trotzdem hält sie eines für gewiss: „Wenn diese Islamische Republik bleibt, wird unser Leben noch düsterer.“
Vor zehn Jahren haben wir uns in Teheran kennengelernt, in einem dieser schicken Cafés, in denen sich die Nachrichten von Hinrichtungen auf dem Handy genauso abstrakt anfühlen wie in Berlin. Samaneh hatte mich damals durch ihr Teheran geführt: durch Kunstmuseen, über Hipster-Flohmärkte und in elegante Restaurants. Nun ist die Galeristin vor den Bomben in den Norden geflohen. Sie schickt ein Foto von ihrem Balkon mit Blick auf das Kaspische Meer. Es sieht ruhig aus.
Vida, Tara und Samaneh sind drei von 90 Millionen Iranerinnen und Iranern. Sie kommen aus verschiedenen Generationen, haben verschiedene Perspektiven, aber sie verbindet die Liebe zur Kunst. Und der Wunsch nach einem ganz normalen Leben.
„Ayatollah Khamenei is dead“, sagt Trumpo, dann setzt der Beat ein
Als die Nachricht vom Tod Ajatollah Khameneis die Runde machte, tanzte Vida auf der Straße. „Die Polizei kam auf Motorrädern und glotzte“, sagt sie. „Aber es war mir egal.“ Auf Instagram kursiert das Video einer Party in Teheran. „Ayatollah Khamenei is dead“, sagt die Stimme von Donald Trump, dann setzt der Beat ein. Und der Jubel.
Wenn sie zur Arbeit geht, sieht Vida die Milizionäre der Revolutionsgarden auf der Straße schlafen. Weil ihre Kasernen bombardiert werden, weichen sie auf Schulen und Krankenhäuser aus. Oder auf die Straße. Vida sagt, es fühle sich nach Genugtuung an. „Das sind die Mörder meiner Freunde.“
Zehntausende hat das Regime bei den Massenprotesten vor wenigen Wochen ermordet. Auch Vidas Kollegen, deren Foto sie mir schickt. Sie strahlen in die Kamera, im Anzug und mit akkurat gestutzten Bärten, herausgeputzt für eine Hochzeit. In ihrem verschlüsselten Telegram-Kanal veröffentlichte Vida zu dieser Zeit etliche Verse. „Ich habe den Tod gesehen. Er hat ein junges Gesicht. Das Gesicht von Jungs und Mädchen von zwanzig Jahren. Schön und rein. Wer kann den Tod von nun an noch hässlich nennen?“
Ein Video voller Leichen, dann setzt die Periode aus
Auch Tara, die junge Designerin aus Karadsch, ging im Januar protestieren. „Die Straßen waren voller hoffnungsvoller Menschen“, erzählt sie. Und wie sie nach Hause eilte, als plötzlich Schüsse fielen.
Bis heute kann sie die Videos nicht vergessen, die sie in jener Nacht trotz des gedrosselten Internets sah: Ein Kühlhaus voller Leichen, „blutverschmierte Menschen, die nackt übereinanderlagen. Menschen mit Kopfschüssen, an Krankenhaussonden angeschlossen.“ Und Videos von den Straßen, überall Blut. „Meine Periode blieb elf Tage aus“, schreibt sie. „Dann wurde ich krank.“

Es waren die Jüngsten, die im Januar voller Hoffnung durch die Straßen strömten. „Kinder“, sagt Samaneh, die in ihren Fünfzigern ist. Bis heute gibt es keine zuverlässigen Totenzahlen. Unzählige sind spurlos verschwunden. Die Leichen den Familien nie übergeben worden.
Samaneh möchte sich nicht ausmalen, wie die Rache eines Regimes aussehen wird, das den Krieg Amerikas und Israels gerade so überlebt.
Rufe „Es lebe der Schah“ hallen durch die Straßen
„Noch zwei Wochen bis zum Neujahrsfest Nouruz“, schreibt Tara in ihr Tagebuch. Normalerweise würde sich ihre Familie um diese Zeit an den Frühjahrsputz machen. Aber jetzt gibt es anderes zu tun: Der Vater klebt die Fenster ab. Die Mutter nimmt die Bilder von den Wänden. Die Tochter sucht im Bücherregal nach „einem Buch, das der aktuellen Situation nahekommt“. Sie findet eines, es heißt: „Der Sturz des Schahs.“
Jetzt, wo die Islamische Republik stürzen könnte, rufen viele wieder nach dem Schah. Vor allem im Exil, doch auch in Iran ist der ehemalige Kronprinz zur Hoffnungsfigur geworden. Die Rufe „Es lebe der Schah“ und „Pahlavi wird zurückkehren“ hallen immer wieder durch die Straßen.
Tara ist sich nicht sicher, was sie von Pahlavi halten soll. Ist er unabhängig oder eher eine Marionette Israels? Ist er überhaupt Iraner oder nicht viel eher Amerikaner? Immerhin hat er fast sein ganzes Leben in den USA verbracht. Und wofür steht er eigentlich? „Ich habe Angst, dass die Menschen ihn nur wollen, weil er die einzige Option ist.“
Sie geht ohne Kopftuch durch die Straßen
Wenn Neujahr bevorsteht, vermisst Vida ihren verstorbenen Vater ganz besonders. Sie hat ihn als einen sanften Mann in Erinnerung, nur einmal sah sie ihn wütend, wie sie erzählt: Als ein Fremder die unverhüllten Zöpfe der zwölfjährigen Tochter rügte. Da habe der Vater den Fremden angeschrien und der Tochter eingeschärft, sich nie von solchen Männern einschüchtern zu lassen.
Daran denkt Vida, wenn sie heute ohne Kopftuch durch die Straßen geht – gegen das Gesetz. Sie trägt schon lange keine Zöpfe mehr. Nach dem blutigen Januar hat sie sich die Haare ganz abgeschnitten. „Es ist Zeit zu kämpfen, da kann ich nicht jeden Morgen meine Haare richten“, schreibt sie. Dazu ein Zwinkersmiley.

Was Vida von Pahlavi hält, sieht man schon auf ihrem Profilbild bei Whatsapp. Da weht die Flagge der iranischen Monarchie mit dem goldenen Löwen. „Er liebt Iran, er hat Pläne“, sagt Vida über den Schah-Sohn. Außerdem wolle er ja nur den Weg bereiten zu den ersten freien Wahlen. Dann könne das Volk entscheiden.
Opposition? „Sie haben alle umgebracht“
Ein israelisches Café in Frankfurt, Yeled Korner, voll und stickig. Die Juristin Donja Hodaie hält einen Vortrag: Warum es so schwer ist, die Islamische Republik zu stürzen. Sie erklärt, wie die Milizen miteinander konkurrieren, gegenseitige Abhängigkeiten das System absichern. Ein Putsch: schwierig. Selbst wenn alle Kasernen und Waffendepots zerbombt werden: „Was macht man mit den Hunderttausenden bewaffneten Männern?“
Im Anschluss gibt es eine bewegte Diskussion. „Mein Volk hat die Wahl zwischen Pest und Cholera!“, ruft eine Frau. „Bald wird dieses Regime hinweggefegt!“, hält ein älterer Mann dagegen. Doch wer soll dann übernehmen? Schnell ist auch hier die Rede von Pahlavi, dem Schah-Sohn aus Amerika. Donja Hodaie, die Frau auf der Bühne, fürchtet, dass Pahlavi nicht der demokratische Wegbereiter ist, als der er sich ausgibt – dass er die Minderheiten in Iran wieder unterdrücken wolle.

Wenn die Nahostexperten sich aus der Ferne über das Land beugen, dann heißt es oft: Wieso hat die Opposition es in all den Jahren nicht geschafft, sich zu organisieren? Wieso hat sie keinen ernst zu nehmenden Anführer im Land selbst?
Die Mutter der Referentin sitzt im Publikum und hat eine simple Antwort: „Sie wurden alle umgebracht.“ Dann erzählt sie von ihrer Familie, dem Schwager, der Schwägerin, dem Cousin – alle hingerichtet. Sie waren Kommunisten, Teil jener Opposition in Iran, nach der heute gesucht wird.
Auch sie hat damals Ajatollah Khomeini zugejubelt, als er 1979 aus dem Flugzeug stieg. Sie dachte, er bringe die Demokratie. Man kann der Ärztin also glauben, dass sie keine Anhängerin der Monarchie ist. „Aber jede Revolution braucht einen Anführer“, sagt sie. „Natürlich würde ich Gandhi lieber nehmen, oder Mandela – haben wir aber nicht.“ Deshalb sieht sie die Sache pragmatischer als ihre Tochter, „Mit Pahlavi kann man diskutieren“, sagt sie. „Mit den Mullahs kann man nicht diskutieren.“
Eine junge Frau im Publikum weint. „Kopf hoch“, tröstet sie eine ältere Dame mit persischem Akzent. „Irgendwann wird die Demokratie kommen.“
Elfter Kriegstag, Kampfjets und violette Astern
Am elften Kriegstag notiert Tara: „Vom Moment, in dem man das Geräusch der Kampfflugzeuge hört, bis zur Explosion vergehen ein paar Sekunden. Diese wenigen Sekunden!“ Sie schreibt, wie ihr Herz schneller schlage, ihr Atem stocke. „Ich denke nur an meine Liebsten – an den Wunsch, sie noch einmal berühren zu können.“
An anderen Tagen schafft sie es, dem Krieg zu trotzen. „Ich habe einen ganzen Strauß violetter Astern gekauft“, berichtet sie. „Vielleicht bringt ihr Duft einen Hauch von Frühling.“
