An ein paar Schnüren spannen die Anhänger von Bayer Leverkusen meist mehrfach während ihrer Heimspiele dieses Banner vor ihrer Kurve auf, mit dem sie eine radikale Abneigung gegen den Videoassistenten (VAR) zum Ausdruck bringen.
„Ihr macht euch zum Affen. Videobeweis abschaffen“, steht dort, und beim sehr unterhaltsamen 1:1 von Bayer Leverkusen gegen den FC Bayern war das Banner besonders häufig im Einsatz. Denn der VAR Pascal Müller im nahegelegenen Kölner Keller prägte das Spiel stärker als Michael Olise, Joshua Kimmich, Patrik Schick oder Robert Andrich.
Zunächst annullierte der VAR ein Tor von Jonathan Tah, dessen Ellbogen den Ball vor dem Treffer touchiert hatte. Kurz vor der Halbzeit traf Nicolas Jackson den Leverkusener Angreifer Martin Terrier bei einer verunglückten Grätsche mit offener Sohle am Knöchel, nach abermaliger Intervention des VAR flog der Münchner vom Platz (42.). Ein Tor von Harry Kane wurde ebenfalls wegen eines Handspiels zurückgenommen, und tief in der Nachspielzeit zählte ein Tor von Jonas Hofmann nicht, weil sich zwei, drei Zentimeter seiner Schulter im Abseits befanden.
Hinzu kam eine Gelb-Rote Karte für Luis Díaz wegen einer Schwalbe, sodass Bayer 04 am Ende mehr als eine Viertelstunde mit elf gegen neun spielte. Diese Entscheidung des Schiedsrichters Christian Dingert, der viel zu wenige Szenen ohne Hilfe von außen korrekt bewertete, war ebenfalls umstritten, weil es einen Kontakt gab. „Heute mussten wir wirklich mit schwierigen Entscheidungen auf dem Platz umgehen, das eine oder andere ist schon fragwürdig“, sagte Tah. „Aber es geht darum, wie man damit umgeht, und das hat die Mannschaft überragend gemacht.“
„Das eine oder andere ist schon fragwürdig“
Es hat etwas Tragisches, dass solch ein tolles Fußballspiel derart vom VAR zersetzt wurde und der hochklassige Sport damit eindeutig entwertet worden ist. „Das war ein Topspiel von zwei sehr guten Mannschaften“, sagte Leverkusens Trainer Kasper Hjulmand. Den Rheinländern war eine fußballerisch brillante erste Halbzeit gelungen: gut sortiert, mutig im Spielaufbau, energisch in den Zweikämpfen und mit guten Momenten vor dem Münchner Tor.

Der Höhepunkt war der Treffer von Aleix García, den der 18 Jahre alte Montrell Culbreth mit einer starken Balleroberung gegen Luis Díaz vorbereitet hatte. Andererseits profitierte Bayer 04 aber auch von dieser Mischung aus Glück und kleinen Münchner Fehlern, die notwendig sind, um den Hegemon der Bundesliga zu bezwingen.
Leverkusen spielte seine Überzahl ungeschickt aus
Ein weiterer Faktor neben der starken Leverkusener Leistung und den Momenten des Spielglücks waren nämlich die für den FC Bayern ungewohnten Nachlässigkeiten – zumindest solange sie zu elft waren. In Díaz’ verlorenem Zweikampf gegen Culbreth war das am deutlichsten sichtbar, aber es gab etliche solcher Situationen, in denen Bayer 04 einfach etwas energischer agierte.
Das änderte sich allerdings nach der roten Karte, als diese typischen Kräfte des Zehn-gegen-Elf zu wirken begannen. Bayer spielte nicht mehr ganz so scharf, Patrik Schick und Malik Tillman ließen hervorragende Chancen zum 2:0 ungenutzt, als sie jeweils frei auf den Münchner Torhüter Sven Ulreich zugelaufen waren. „Ich glaube, das wäre die Entscheidung gewesen“, sagte Hjulmand.
In Überzahl waren die Leverkusener nicht mehr ganz so schlau und auch nicht mehr ganz so energisch wie zuvor. Es gingen immer mehr Zweikämpfe verloren, und Robert Andrich spielte einen fatalen Fehlpass tief in der eigenen Hälfte, der zum 1:1 führte. Olise hatte den Ball abgefangen, eine schöne Vorlage auf Díaz gespielt, der den Ausgleich schoss (69.). „Ich bin unglaublich stolz“, sagte der Münchner Trainer Vincent Kompany und hob „die mentale Leistung“ seiner Mannschaft hervor.
Und nun hatten sie den FC Bayern an den Rand einer Niederlage gebracht. Nach Díaz’ Platzverweis war noch ganz viel Zeit, mit zwei Spielern mehr auf dem Platz noch ein zweites Tor zu schießen. Das machte die Mannschaft aber recht ungeschickt; statt die Überzahl durch Ballstafetten zu nutzen, führten sie Zweikämpfe und schlugen hohe Bälle in den Strafraum.
„Das hätten wir ein bisschen besser machen können, ein bisschen mehr Geduld wäre gut gewesen“, sagte Hjulmand. Der in der Halbzeit eingewechselte Ibo Maza hatte zwar noch zwei Möglichkeiten, und Hofmanns Tor wurde annulliert. Aber am Ende war das Unentschieden auch ein Lohn für die gute Arbeit der Bayern in Unterzahl.
