Jürgen Habermas war ein politischer Denker, der unermüdlich kämpfte: gegen die Irrationalität, für Vernunft und die bedrohten westlichen Werte. Ein Nachruf
Eigentlich kann man sich die Philosophie ohne ihn nicht vorstellen. Jürgen Habermas war der große Philosoph. Wann immer man in die Verlegenheit kam, einen deutschen Denker von Weltrang nennen zu müssen, fiel sein Name. Es gab ihn, danach kam lange nichts.
Dabei war ihm der Weg auf den Olymp des Denkens nicht in die Wiege gelegt. Habermas stammte aus einem im Nationalsozialismus politisch angepassten Elternhaus im bergischen Gummersbach. Jahrgang 1929, gehörte er zur legendären sogenannten Flakhelfer-Generation: alt genug, um die NS-Zeit noch bewusst mitzuerleben, jung genug um sich nach 1945 neu zu orientieren. Er, der mit einer Gaumenspalte auf die Welt gekommen und als Kind mehrmals daran operiert worden war, hat im Rückblick den Augenblick des Erwachens immer als Schock beschrieben, als ihm im Frühsommer 1945 als Jugendlicher in einer Wochenschau im Kino schlagartig bewusst wurde, in welcher Nähe er bis dahin zum Ungeheuerlichen, diesen gar nicht zu begreifenden Massenverbrechen gelebt hatte. Da lagen Berge von Leichen, die sich doch eben noch bewegt hatten!
