Zwei Wochen dauert der Irankrieg nun an, und erste Hoffnungen, er könne schnell vorübergehen, sind verflogen. Ein Ende des Krieges ist nicht in Sicht, ein Regimewechsel in Teheran ebenso wenig, nachdem Modschtaba Khamenei die Macht übernommen hat, der Sohn des getöteten Führers. Im persischen Golf gehen Öltanker in Flammen auf, die iranische Marine verlegt Minen. Khamenei denkt überhaupt nicht daran, die Blockade zu beenden. Mehr und mehr setzt sich die Erkenntnis durch, dass es noch dauern könnte, bis die Straße von Hormus, diese Lebensader der Weltwirtschaft, wieder für den Schiffsverkehr offen ist.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Die F.A.S. wagt einen Ausblick, was auf Deutschland und die Weltwirtschaft zukommt, wenn die Blockade weitergeht. Die Antwort lautet: Mit jedem Tag kommen weitere verheerende Konsequenzen hinzu. Zieht sich die Blockade Wochen oder gar Monate hin, wird es sogar richtig schlimm.
Die nächsten Tage
Die ersten Konsequenzen sind schon jetzt zu spüren. Der Irankrieg habe binnen weniger Tage „zur größten Versorgungsunterbrechung in der Geschichte des Ölmarkts geführt“, bilanzierte am Donnerstag die Internationale Energieagentur (IEA) in Paris. Gut 20 Millionen Fass (zu 159 Litern) täglicher Lieferungen sind durch die Blockade der Straße von Hormus fast über Nacht weggebrochen, rund ein Fünftel des globalen Bedarfs.
Auch beim Flüssiggas (LNG) kommt es zu drastischen Angebotsverknappungen. In der vergangenen Woche stieg der Preis für Rohöl der Sorte Brent vorübergehend auf fast 120 Dollar je Fass, gut 60 Prozent mehr als Ende Februar. In Mitteleuropa sind die Folgen am unmittelbarsten beim Tanken zu spüren: Der Preis für E10-Benzin hat die Marke von zwei Euro erreicht, Diesel ist noch weit teurer geworden.
Sofort kommt das Problem bei einer Branche an, die eine wichtige Querschnittsfunktion in der deutschen Wirtschaft hat: den Speditionen, die Waren aller Art quer durchs Land bewegen. Viele mittelständische Betriebe gerieten durch den plötzlichen Kostenschub beim Diesel binnen weniger Tage an die Grenze ihrer wirtschaftlichen Belastbarkeit, warnt der Logistikverband BGL. 85 Prozent der Güter werden von Lastwagen transportiert, und fast alle fahren weiterhin mit Diesel, Elektro-Trucks sind noch immer eine Rarität. Die Logistikbranche fordert deshalb Hilfen vom Staat.
Die Weltmärkte stehen noch durch einen weiteren Faktor unter Druck. Viele Schiffsversicherungen wurden in den vergangenen Tagen aufgekündigt. „Die Unsicherheit ist groß. Die Lage muss jeden Tag neu analysiert werden“, sagt Markus Spielmann, Marinefachmann des Rückversicherers Munich Re. Die Verträge enthalten häufig eine Klausel, die Kriegshandlungen und Terrorismus ausschließt. „Der Persische Golf und die Gegend darum herum sind mittlerweile als Hochrisikogebiet eingestuft“, sagt Spielmann. Die bestehenden Versicherungsverträge sind dann nichtig, stattdessen müssen die Schiffe zu neuen, höheren Prämien versichert werden. Es kursieren Zahlen, dass die Kosten dafür um das Zwölffache gestiegen sind.
Die nächsten Wochen
Kurzfristige Effekte lassen sich teilweise abfangen. Die 32 Mitgliedstaaten der Internationalen Energieagentur, darunter auch Deutschland, haben gerade die bislang größte Freigabe strategischer Ölreserven beschlossen. 400 Millionen Fass geben sie frei, so viel wie noch nie. Den Wegfall des Öls aus dem Golf kann das allerdings für maximal 20 Tage ersetzen. Insgesamt verfügten die im Industriestaatenverbund OECD zusammengeschlossenen Länder vor Freigabe der Reserven über eigene staatliche Vorräte von 1,25 Milliarden Fass.
Doch dämpfen konnte die beispiellose Notmaßnahme den Ölpreis bisher kaum. Ohne ein rasches Ende des Krieges bliebe die Freigabe der Ölreserven „ein Notbehelf“, schreibt die Energieagentur in ihrem aktuellen Lagebericht. Die US-Regierung lockert nun sogar vorübergehend die Sanktionen gegen Käufer russischen Öls, um die Engpässe zu lindern.
Mit jedem weiteren Tag der Blockade kommt noch ein weiteres Problem hinzu. Am Golf werden bisher noch weiter Öl und Gas gefördert, doch die Lagerkapazitäten gehen zur Neige. Die Betreiber müssen deshalb die Förderung drosseln. Bis gegen Ende des Monats könnte damit eine tägliche Produktionsmenge von zwölf Millionen Fass Rohöl und Ölprodukten wegfallen, kalkulieren Analysten der US-Bank J.P. Morgan. Das Problem: Nach einem Ende des Konflikts kann die Produktion nur langsam wieder hochgefahren werden, sonst drohen Schäden an den Ölanlagen. Wochen und teilweise Monate könne das dauern, prognostiziert die Energieagentur.
Auch die Nahrungsmittelpreise dürften steigen
Schon recht bald dürfte Deutschland die Folgen des Krieges über eine höhere Inflation spüren. Der Chemiekonzern Wacker hat gerade bereits angekündigt, die Preise zu erhöhen. Auch auf die Nahrungsmittelpreise dürfte die Krise durchschlagen. Die Ernährungsindustrie ist sehr energieintensiv. „Ohne Energie läuft kein Backofen, keine Trocknungsanlage und keine Kühlung“, sagt Christoph Minhoff, Geschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie. Als drittgrößter Industriezweig in Deutschland verbrauche die Branche jährlich mehr als etwa die Stahlindustrie. Steigen die Energiepreise, bemerken das die Lebensmittelunternehmen sofort. „Gleichzeitig verteuern sich Transporte durch höhere Frachtkosten, Spritpreise, und auch Verpackungen werden teurer, weil ihre Herstellung ebenfalls stark von Energie abhängt“, sagt Minhoff.

Und während in Deutschland vor allem die Preise steigen, stehen Entwicklungsländer bereits jetzt vor der Frage, wie sie überhaupt noch an Öl kommen. Viele asiatische Länder beziehen einen großen Teil ihrer Energieimporte direkt aus den Golfstaaten. Indonesien etwa hatte zu Beginn der vergangenen Woche noch genug Öl für 25 Tage. Mehrere Wochen sind die Öltanker für gewöhnlich unterwegs, noch kommen also Schiffe an, die vor der Blockade losgefahren sind. Bleibt die Straße geschlossen, wird dieser Nachschub irgendwann versiegen.
Wenn Öl teurer wird, beeinflusst das auch die Preise für Grundnahrungsmittel wie Weizen, Mais oder Speiseöle. Immerhin: Mit Engpässen in den Lebensmittelregalen der deutschen Supermärkte rechnet bisher kaum ein Experte.
Anders als in Deutschland droht in der Golfregion eine Nahrungsmittelkrise. Die Vereinigten Arabischen Emirate importieren rund 90 Prozent ihrer Nahrungsmittel – fast alles per Schiff durch die Straße von Hormus. Auch Qatar, Bahrain, Kuwait und Saudi-Arabien sind stark auf Lebensmittelimporte angewiesen. Alternative Landrouten durch Saudi-Arabien sind teuer. Das trifft vor allem ärmere Länder wie Jemen, Sudan und Somalia.
Es droht eine Chipknappheit
Die Versorgung der Golfstaaten mit Lebensmitteln wird auch deshalb zu einem Problem, weil einer der größten Häfen der Welt in Dubai nicht mehr angelaufen werden kann. Dort werden in Friedenszeiten doppelt so viele Container wie in Hamburg umgeschlagen. Während es in Europa weitere vergleichbar große Häfen gibt, ist das im Mittleren Osten anders, seit der Persische Golf zur „größten Sackgasse der Welt“ geworden ist, wie es Matthias Magnor vom Logistikdienstleister BLG formuliert. Der größte noch zugängliche Hafen befindet sich im Oman, er kommt nur auf ein Viertel der Kapazität von Dubai. Richtig ernst könnte die Lage für die Iraner werden. Große Mengen Mais sowie große Mengen Sojabohnen und Weizen gelangen über die Straße von Hormus ins Land – ein Weg, der nun blockiert ist.

In Deutschland kommen die Versorgungsprobleme in Asien über die Lieferketten an. So droht eine Chipknappheit, weil der wichtige Lieferant Taiwan auf Flüssiggas und Helium aus der Golfregion angewiesen ist. Neun Prozent des weltweiten Aluminiums kommen aus der Golfregion, was all die Branchen träfe, die das Metall verarbeiten – nicht zuletzt die deutsche Autoindustrie. Porsche klammerte in seiner Jahresprognose in der vergangenen Woche die Auswirkungen des Irankriegs noch explizit aus.
Kaskadeneffekte erreichen noch weitere Branchen: Erste heimische Unternehmen, berichtet der Geschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie, Wolfgang Große Entrup, hätten bei Bestellungen in China Absagen von ihren dortigen Zulieferern erhalten. Dabei handelt es sich laut Große Entrup um Kunstharze, die etwa in Klebstoffen, Farben und Schaumstoffen stecken. Denn für China ist der Nahe Osten eine viel wichtigere Bezugsquelle für Energie als für Europa. Ob die dortigen Unternehmen nun ihre Produktion insgesamt drosseln oder aus industriepolitischen Erwägungen heimische Abnehmer bevorzugen, lässt sich schwer sagen.
Klar aber ist, dass die betroffenen Vorprodukte nicht wie erwartet in sechs bis acht Wochen in Deutschland ankommen werden. Bis dahin müssen die hiesigen Unternehmen Ersatzlieferanten gefunden haben – oder sie werden ihre Produktion nicht fortführen können. Wie ernst der Chemieverband dieses Risiko einschätzt, lässt sich daran ablesen, dass er seine für Freitag angekündigte Jahresprognose für 2026 kurzfristig abgesagt hat, was die Beteiligten als ein Novum in der Geschichte des Verbands einschätzen.
Die nächsten Monate
Und wenn es noch länger dauert? Die Investmentbank Goldman Sachs hat verschiedene Szenarien des Schreckens am Golf durchgespielt. Bleibt die Straße von Hormus für 30 Tage geschlossen, rechnet sie mit einem Ölpreis zwischen 85 und 100 Dollar, wie man ihn derzeit in etwa sieht. Bei zwei Monaten Handelsunterbrechung müsste der Preis schon auf bis zu 110 Dollar steigen, bei vier Monaten auf bis zu 140 Dollar. Das wäre der höchste Ölpreis aller Zeiten. Auch die Gaspreise könnten bis in den Juni hinein hoch bleiben, analysiert das Beratungshaus Wood Mackenzie.
Es sind Summen, die in den Prognosen der Wirtschaftsforscher noch nicht abgebildet sind. Eine Rezession droht Deutschland in diesem Jahr bisher nicht, lediglich ein gedämpfter Aufschwung mit 0,6 Prozent Wachstum, wie es in der Prognose des Ifo-Instituts heißt. Aber das Institut geht in seinem „Eskalationsszenario“ nur von einem Ölpreis von 100 Dollar aus. „Bei 140 US-Dollar wären die Effekte definitiv größer“, sagt Timo Wollmershäuser, der beim Ifo-Institut die Konjunkturprognosen leitet.
Die Golfstaaten sind auch als Düngemittelproduzenten für weite Teile der Welt schwer zu ersetzen. Vor allem die Herstellung von Stickstoffdüngemitteln verbraucht sehr viel Energie. Wird Düngemittel auf dem Weltmarkt so teuer, dass die Landwirte in ärmeren Ländern es sich nicht mehr leisten können, werden darunter in einigen Monaten die Ernten leiden. Auch das würde dann wiederum höhere Preise bedeuten – und in ärmeren Ländern die Nahrungsmittelversorgung bedrohen. Die traurige Nachricht lautet: Selbst wenn der Krieg schneller endet als erwartet, werden die Konsequenzen der Blockade die Weltwirtschaft noch lange beschäftigen.
