
Das ist doch mal eine erfreuliche Nachricht: Der Radsport hat kein Dopingproblem. Wer das behauptet? Alex Carera, der Agent des Fahrers, der diesen Sport gerade beherrscht wie kaum jemand vor ihm: Tadej Pogačar. Der Manager überbrachte die frohe Kunde jüngst im Gespräch mit dem Portal „road.cc“ und leitete daraus etwas im Hinblick auf neue Dopingbekämpfungsmaßnahmen ab: „Wir müssen keine anderen dummen Dinge finden, die nur Probleme machen.“
Die „dummen Dinge, die nur Probleme machen“, sind in diesem Fall von der Internationalen Test-Agentur (ITA) gesammelte Leistungswerte der Fahrer. Seit dem vergangenen Sommer gibt es einen auf zwei Jahre angelegten Testversuch der Kontrollinstanz, an dem etwas weniger als 60 Pedaleure aus fünf Teams teilnehmen. Die Idee: Daten dieser Art sollen helfen, Betrüger zu überführen. Doch im Profiradsport regt sich Widerstand.
„Wir sind zu hundert Prozent dagegen“
Neben Carera hält auch Adam Hansen, der Präsident der Fahrergewerkschaft CPA, den Test für keine gute Idee: „Die Position der CPA ist ganz klar: Wir sind zu hundert Prozent dagegen.“ Skepsis und Ablehnung speisen sich aus verschiedenen Fragen, die Hansen stellt: Was passiert, wenn das Powermeter mal nicht richtig funktioniert oder der Fahrer vergisst, sein Training hochzuladen? Wie wollen Ermittler die Trainingsleistungen richtig bewerten, ohne zu wissen, was auf dem Plan stand? Carera sorgt sich hingegen, das die unterschiedlichen Trainingsansätze der Teams offengelegt werden könnten.
Das sind berechtigte Punkte. Die ITA kann aber viele Sorgen entkräften. Die Daten würden anonymisiert an Universitäten geschickt, heißt es. Niemand könne aufgrund von Auffälligkeiten sanktioniert werden. Es gehe vor allem darum, die Leistung im Rennen zu bewerten und bei erkennbar ungewöhnlichen Sprüngen mit gezielten Tests reagieren zu können. Die Stärke dieses Ansatzes ergibt sich aus der Gesamtheit der über einen langen Zeitraum gesammelten Werte. Emily Brammeier, die Präsidentin der Bewegung für einen glaubwürdigen Radsport (MPCC), kommt deshalb zu einem anderen Schluss: „Ich denke, das kann nur eine gute Sache sein.“
„Übermedikalisierung des Pelotons“
Und damit zurück zu Carera. Der Italiener ist einer der einflussreichsten Agenten im Radsport, seine Agentur vertritt rund einhundert Fahrer. Besser vernetzt sind nur wenige. Das lässt im Grunde zwei Schlüsse zu, wenn sich seine vorgebrachte Sorge zum Trainingsgeheimnis der Rennställe leicht durch die Anonymisierung der Daten und den Fokus auf die Rennen entkräften lässt: Er ist trotz seines guten Netzwerks schlecht informiert oder er gibt sich ahnungslos. Gegen das Projekt ist Carera auch, weil er es nicht für nötig erachtet: „Der Sport hat sich verändert“, sagt er: „Jetzt hat der Radsport Glaubwürdigkeit.“ Warum braucht der Radsport, so seine Argumentation, da noch die Sammlung von Daten?
Weil es nicht nur darum geht, Careras Behauptung zu überprüfen, sondern um den aussichtsreichen Versuch, jedem eine Manipulation so schwer wie möglich zu machen. Die MPCC listet für 2025 einen Rückgang der entdeckten Dopingfälle auf, warnt aber gleichzeitig vor einer „Übermedikalisierung des Pelotons“ und der Nutzung von Substanzen aus dem Graubereich. Negative Tests in Hülle und Fülle gab es auch, als fast das ganze Peloton Blutdoping praktizierte und zu anderen Mitteln griff.
Von einem funktionierenden Daten-Kontrollsystem, das Careras propagierte Sauberkeit stützen oder zu ihr führen könnte, würde auch Pogačar profitieren. Dessen Leistungen werden immer wieder hinterfragt. Careras Interesse an der Methode müsste groß sein. Dass davon kaum etwas zu spüren ist, trägt nicht dazu bei, seiner Behauptung zu folgen.
