Herr Zizka, in Frankfurt gibt es nach Untersuchungen auf knapp 250 Quadratkilometern 1129 Pflanzenarten, auch viele Brutvögel und Fledermäuse – mehr Arten jedenfalls als in größeren Gebieten im Hochtaunus. Ist es um die Stadtnatur in Frankfurt also gut bestellt?
Ja und nein. Großstädte zeichnen sich allgemein durch eine höhere Biodiversität aus als das ländliche Umland. Das hängt einfach mit der Stadtstruktur zusammen, die viele Lebensräume bietet. Wenn man aber die historische Entwicklung betrachtet, haben wir bei den Pflanzen viele Arten verloren, auch bei den Tieren.

Frankfurt hat allein zwischen 2018 und 2024 mehr als 80 Hektar an Grün- und Freiflächen eingebüßt. Durch den Zuwachs an Menschen ist der Druck in Frankfurt ganz enorm. Im Nordwesten plant die Stadt noch ein großes Neubaugebiet, den sogenannten Stadtteil der Quartiere. Wenn ich richtig gerechnet habe, dann wird das auch etwa 90 Hektar Land in Anspruch nehmen.
Alle reden derzeit von den fehlenden Wohnungen. Zugleich soll die Stadtnatur geschützt werden – ein klassischer Zielkonflikt. Wie kann man damit richtig umgehen?
Es gibt leider kein Patentrezept. Den Zielkonflikt gibt es seit Langem und auch die Versuche, nachhaltig mit Flächen umzugehen. Derzeit werden in Frankfurt rund 50 Prozent der Fläche für Siedlung und Verkehr genutzt, die andere Hälfte sind Grün- und Freiflächen. Das große Ziel muss es sein, einen Flächenkreislauf zu haben, also ohne Netto-Neuversiegelung auszukommen. Bauprojekte müssen dann auf bereits versiegelten Flächen realisiert werden, oder es müssen dafür entsprechend andere Flächen im Stadtgebiet entsiegelt werden. Deutschland hat sich dies bis 2050 zum Ziel gesetzt, in dicht besiedelten Städten sollte das Ziel meiner Meinung nach viel früher erreicht werden.
Gerade jetzt im Kommunalwahlkampf ist der Druck auf die Stadtnatur besonders groß. Zwischenzeitlich gab es sogar den Vorschlag, etwa für den Bau der Europäischen Schule auch Kleingärten zu opfern. Was halten Sie davon?
Ein schwieriges Thema. Ja, der Druck wird immer größer, wie man auf den Wahlplakaten sehen kann. Kleingärten sind für die Biodiversität und Stadtnatur wichtig. Besonders die kulturellen Leistungen wie Erholung und Freizeit sind ein großer Faktor für die Städter. Bei der Stadtentwicklung wird es sicherlich immer wieder zu notwendigen Nutzungsänderungen wie Wohnen oder Bildung kommen. Ziel muss aber sein, dass Fläche und Qualität der Stadtnatur insgesamt nicht abnehmen.
Im Abwägungsprozess in den politischen Gremien zieht dann aber die Stadtnatur in der Regel den Kürzeren. Wie erklären Sie sich das?
Ich glaube, der Wert der Stadtnatur muss anders, also höher bemessen werden. Wir wissen heute ja alle um die Leistungen der Stadtnatur für das Ökosystem, zum Beispiel für das Stadtklima, die Luftreinhaltung oder den Wasserkreislauf. Aber es ist schwierig, diese Leistungen angemessen in Wert zu setzen. Das ist immer noch ein großes Forschungsgebiet. Auf der anderen Seite ist sehr leicht ökonomisch zu quantifizieren, was uns der Bau von mehr Wohnungen oder von Straßen bringt.
Wo steht Frankfurt beim Schutz der Stadtnatur im Vergleich zu anderen Metropolen in Deutschland?
Frankfurt ist nach München und Berlin die drittdichtestbesiedelte Großstadt in Deutschland. Daraus ergeben sich Herausforderungen. Außerdem ist Frankfurt nach Hannover die Stadt mit der größten Lärmbelastung. Stichworte dafür sind der große Pendlerstrom und auch der Fluglärm. Auf der anderen Seite haben wir den drittgrößten Stadtwald unter den Großstädten nach Berlin und Augsburg. Das ist sicherlich ein großes Pfund.
Wo ist Frankfurt beim Schutz der Natur vorbildlich vorgegangen?
Die Stadt begann schon 1985 mit der Kartierung der Biotope, das war sinnvollerweise von vorneherein als dauerhaftes und flächendeckendes Projekt angelegt. Die Schaffung des Grüngürtels 1991 war ein großartiger Schritt. Aus der jüngeren Zeit möchte ich das Baumkataster – also das Verzeichnis der Bäume außerhalb des Stadtwaldes – nennen. Es gibt noch andere Erfolgsgeschichten, zum Beispiel die großen Fortschritte bei der Gewässerqualität des Mains, die Renaturierung der Nidda, des Alten Flugplatzes in Bonames und die begonnene Renaturierung des Fechenheimer Mainbogens.
Wäre es nicht sinnvoll, weitere Gebiete in Frankfurt wie etwa am Alten Flugplatz oder am Monte Scherbelino noch stärker der Natur zu überlassen?
Ja, und man kann sich auch fragen, ob im Stadtwald der kommerzielle Holzeinschlag sein muss. Die Stadt erzielt damit zwar Einnahmen. Dafür verschwinden aber viele Altbäume, die für die Artenvielfalt außerordentlich wichtig sind. Auch das Wegenetz im Stadtwald könnte auf das notwendige und sinnvolle Maß beschränkt werden. Die Zerschneidung des Waldes mit vielen Wegen führt dazu, dass immer mehr alte Bäume wegen der Verkehrssicherung gefällt werden müssen.
Und wo und wie könnte die Stadt noch mehr Grün und zusätzliche Diversität schaffen?
Eine Chance bieten die Friedhöfe, die sich stark verändern, weil durch kulturelle Veränderungen im Bestattungswesen nicht mehr so viele Gräber benötigt werden. Auf dem Hauptfriedhof hat die Stadt bereits mit einer extensiveren Nutzung der Flächen angefangen. Eine weitere Möglichkeit ist die Entsiegelung von Flächen auf den Firmengeländen. Die Europäische Zentralbank (EZB) ist ein gutes Beispiel für die ökologische Aufwertung der Grünflächen auf einem Betriebsgelände.
Zur Person
Der 70 Jahre alte Biologe Georg Zizka war bis 2021 Professor an der Goethe-Universität und Leiter der Abteilung Botanik und molekulare Evolutionsforschung am Senckenberg-Institut. Das Institut erstellt im Auftrag des Umweltamts der Stadt Frankfurt seit mehr als 40 Jahren die Biotopkartierung für Frankfurt, an der Zizka maßgeblich mitgewirkt hat. Er ist auch weiter am Senckenberg-Institut tätig und forscht dort insbesondere zum Thema Stadtnatur. Ein Vortrag von Zizka war jetzt Auftakt für eine Reihe des Instituts zum Thema Stadtnatur. Die weiteren Termine sind unter www.senckenberg.de/reihe-stadtnatur zu finden.
