
Ein Mann ist seit 41 Jahren SPD-Mitglied. Dann verlässt er die Partei und tritt dem BSW bei. Knapp zwei Jahre später kehrt er zurück zur SPD. Was ist passiert?
Manche werfen dem Mann, Robert Crumbach, 63, Minister in Brandenburg, verunglücktes Glücksrittertum vor. Er habe sich von der Erfolgswelle des BSW ganz nach oben, an die Macht, spülen lassen, und als die Welle brach, eine Rettung gesucht.
Tatsächlich war Crumbach Anfang Januar nach viel Streit beim BSW ausgestiegen, sowohl aus der Partei als auch aus der Fraktion. Einen Tag später brach die Regierungskoalition. SPD-Ministerpräsident Dietmar Woidke kündigte das Bündnis mit dem BSW auf. Crumbach war zu diesem Zeitpunkt Vizeministerpräsident und Finanzminister. Ihm drohte der Absturz in die Opposition.
„An meinen Grundwerten hat sich nichts geändert“
Doch Crumbach wechselte kurzerhand in die SPD-Fraktion. Da wurde er dringend gebraucht, denn ohne BSW-Überläufer hätten SPD und CDU keine Mehrheit für eine neue Regierung gehabt. Zwei Monate blieb Crumbach parteilos, nun hielt er diese Woche sein rotes SPD-Parteibuch in die Kameras. Der neuen Regierung soll er als Minister für Infrastruktur angehören. Opportunismus am Ziel?
Dem Vorwurf, der sowohl aus dem BSW als auch von der AfD kommt, widerspricht Crumbach vehement. Dafür nimmt er in Kauf, sich selbst als Verirrten zu beschreiben. „An meinen Grundwerten hat sich nichts geändert“, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z. „Mein Irrtum war, dass ich meinte, dass sie sich mit dem BSW umsetzen ließen. Aber es geht wohl doch nur mit der guten alten Tante SPD.“
Dass es Crumbach ums Umsetzen ging und geht, erscheint angesichts seiner Laufbahn plausibel. Er arbeitete als Richter in Brandenburg, bevor er für den Landtag kandidierte; in der BSW-Fraktion zählte er zu denen, die sich immer wieder um Kompromisse bemühten. So war es auch im Streit um die Rundfunkstaatsverträge. Dieser zeigte schon im November, wie zerrüttet die Koalition war. Die BSW-Fraktionsführung lehnte – ebenso wie die Spitze der Bundespartei – die Zustimmung zu den Verträgen ab; Crumbach war dafür.
Crumbach sagt, Wagenknecht wollte das BSW in der Regierung sehen
Heute sieht er sich von der Parteispitze sabotiert. „Frau Wagenknecht wollte unbedingt, dass wir in Brandenburg regieren“, sagt er. „Als einmal die Koalitionsverhandlungen zu scheitern drohten und wir telefonierten, drang sie wieder darauf.“ Aber als man dann wirklich regiert habe, „wurde dagegengearbeitet“.
Einen Grund für die veränderte Lage sieht er darin, dass das BSW bei der Bundestagswahl an der Fünfprozenthürde scheiterte. Danach hätten manche sich strategisch anders aufgestellt. Er, Crumbach, habe aber weiter seine Arbeit in der Landespolitik tun wollen. Er kennt auch den Vorwurf, dass er die Wähler betrüge, indem er von BSW-Stimmen an die Macht gebracht worden sei und nun SPD-Politik mache. „Ich weiß schon, dass ich das Mandat nicht bekommen habe, weil ich so ein toller Kerl bin“, hält Crumbach dem entgegen. Aber wenn man gewählt sei, trage man Verantwortung für das ganze Land und könne nicht „rein parteitaktisch“ entscheiden.
Als Vorbild nennt Crumbach Ministerpräsident Woidke; ausgerechnet – vor nicht allzu langer Zeit erzählte man sich in Potsdam, gerade dieser habe mit seinem parteiinternen Führungsstil Crumbrach verärgert. Doch womöglich hat die neue politische Verantwortung Crumbach auch zu neuen Einsichten geführt; wie anspruchsvoll eine Aufgabe ist, merkt man ja manchmal erst, wenn man sie bewältigen statt – wie zuvor – nur bewerten muss.
Jedenfalls sagt Crumbach nun, der Erfolg von Woidke zeige, dass die Menschen es goutierten, wenn Politiker gestalten wollten und den Wählern zugleich klar sagten, warum. Woidke selbst – der bald der dienstälteste unter den amtierenden Ministerpräsidenten ist – musste in seinem Amt selbst schon verschiedenste Neuanfänge wagen. Wie er unlängst durchblicken ließ, verlangte auch ihm das Bündnis mit dem BSW allerhand ab. Schluss machte er trotzdem erst, als es gar nicht mehr anders ging. Und als sich eine alternative Lösung für das Land abzeichnete.
Der Fall zeigt, dass eine Partei wie die SPD und ein Ministerpräsident wie Woidke mindestens eine Sache zu bieten haben, die das BSW nicht bieten kann: Regierungserfahrung. Crumbachs Fazit fällt düster aus: „Das BSW ist nicht nur regierungsunfähig, sondern auch politikunfähig.“
