
Neurotechnologie entwickelt sich vom Nischenthema der Medizin zum strategischen Leitmarkt. Die Disziplin umfasst technische Möglichkeiten, Signale des Gehirns zu erfassen, zu verarbeiten oder gezielt zu beeinflussen, und verbindet damit Gesundheitsversorgung, Künstliche Intelligenz und industrielle Wertschöpfung. Die entscheidende Frage lautet längst nicht mehr, ob sie relevant wird, sondern wer sie gestaltet, reguliert und skaliert. Wer heute Standards setzt, bestimmt morgen nicht nur wirtschaftliche Dynamiken, sondern auch gesellschaftliche Normen im Umgang mit Gehirn und Maschine.
International ist ein Wettlauf entstanden, vergleichbar mit dem um Künstliche Intelligenz. In den USA wächst eine dynamische Start-up-Szene, getragen von Risikokapital und Tech-Milliardären. Unternehmen wie Neuralink, Synchron, Precision Neuroscience, Paradromics oder Blackrock Microsystems treiben Schnittstellen zwischen Gehirn und Computer voran. Investitionsrunden im dreistelligen Millionenbereich sind üblich. Entscheidend ist weniger die einzelne Technologie als die Geschwindigkeit, mit der Prototypen in skalierbare Plattformen überführt werden. Risikokapital akzeptiert lange Entwicklungszyklen, solange das Wachstumspotential stimmt. Diese Logik schafft einen Vorsprung, der sich später kaum aufholen lässt.
Neurotechnologie hat in Europa Tradition
China verfolgt einen anderen Ansatz. Dort wird Neurotechnologie im Wesentlichen staatlich orchestriert. Programme wie das China Brain Project verbinden Forschung, klinische Studien und industrielle Umsetzung in einer Agenda. Groß angelegte Humanstudien sind bis Ende des Jahrzehnts geplant, eingebettet in eine klare industriepolitische Steuerung. Rechnet man Kaufkraftparitäten ein, entstehen Investitionsvolumina, die mit westlichen Programmen vergleichbar sind. Der Unterschied liegt in der engen Verzahnung zwischen Staat, Kliniken und Unternehmen.
Das Thema ist in der Gesellschaft unsichtbar
Dabei sind die strukturellen Voraussetzungen in Deutschland vorhanden. In Baden-Württemberg arbeiten ähnlich viele Menschen in der Medizin- und Biotechnologie wie im Automobilbau. Neurotechnologie kann zu einem neuen Made-in-Germany-Segment werden, geprägt von hochwertigen, sicherheitskritischen Anwendungen statt schneller Plattformskalierung. Der Vergleich mit der S-Klasse drängt sich auf: Qualität, Validierung und regulatorische Robustheit stehen über kurzfristigen Marktanteilen. Neben Berlin mit der Charité und der Berlin University Alliance verfügen auch Baden-Württemberg und Bayern über exzellente Voraussetzungen für einen Neurotechnologie-Hub. Entscheidend ist, die regionalen Stärken zu bündeln und zu entwickeln. Das Defizit liegt in der strategischen Umsetzung.
Ein zentrales Problem ist die gesellschaftliche Unsichtbarkeit des Themas. Wird es diskutiert, dann meist aus neurophilosophischer Perspektive mit geringem Technikbezug, im Kontext von Datenschutz oder als spekulative transhumanistische Vision. Selten geht es um industrielle Wertschöpfung und gesellschaftliche Innovation. Auf nationaler wie EU-Ebene fehlen strategische Entscheidungen. Großprojekte wie das Human Brain Project haben zwar Grundlagen geschaffen, blieben aber nur begrenzt geeignet für die Überführung in Produkte, also die industrielle Translation, weil Hardwareentwicklung und Skalierung kaum adressiert wurden. Erst seit Kurzem greifen Ingenieurverbände das Thema explizit auf. Für einen Markt mit globaler Dynamik kommt diese Aufmerksamkeit recht spät.
Wir brauchen industriepolitische Entscheidungen
Hinzu kommt ein strukturelles Kapitalproblem. Wachstumskapital ab etwa 15 Millionen Euro bleibt in Deutschland knapp. Viele Gründer gehen deshalb in die USA – nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil dort die Skalierungsphase finanziert wird. Gewinne entstehen in dieser Phase und nicht im akademischen Prototyp oder der ersten Validierung. Europa produziert starke Ideen, exportiert jedoch oft die Wertschöpfung.
Neurotechnologie lässt sich nicht allein über Förderprogramme entwickeln. Nachhaltige Umsetzung entsteht nur durch Unternehmen, die Produkte zur Marktreife bringen. Ohne private Investitionen bleibt Europa im Prototypstatus. Investoren wiederum zögern, weil regulatorische Unsicherheit und fragmentierte Märkte Planung erschweren. Daraus entsteht ein Teufelskreis: zu wenig politischer Fokus, zu wenig Kapital, zu wenig industrielle Skalierung.
Was es jetzt braucht, ist keine neue Vision, sondern eine industriepolitische Entscheidung: Neurotechnologie muss ausdrücklich Teil der deutschen und europäischen Zukunftsagenda werden. Sie ist der zentrale Anwendungsbereich der Schlüsseltechnologien der Hightech-Agenda – von der Mikroelektronik über Künstliche Intelligenz bis hin zu Quantentechnologie und Biomedizin – und muss entsprechend als strategische Priorität verankert und gefördert werden.
Die Technologie muss schneller beim Patienten ankokmmen
Förderprogramme sollten stärker auf klinische Translation und regulatorische Validierung ausgerichtet sein, damit die Forschung beim Patienten ankommt. Matching-Funds, also die öffentliche Aufstockung privater Investitionen, könnte privates Kapital mobilisieren. Zusätzlich braucht es spezialisierte Venture-Fonds mit substanziellem Wachstumskapital, etwa einen europäischen Wachstumsfonds, idealerweise als Teil oder in Ergänzung bestehender Instrumente wie des Deutschlandfonds, der internationale Investoren einbindet.
Notwendig sind auch die systematische Einbindung von Endnutzungsperspektiven, Reallabore und beschleunigte Genehmigungsverfahren, um Neurotechnologie unter realen Bedingungen schneller zu testen, zu validieren und bedarfsgerecht in die Anwendung zu bringen. Dies geschähe im Einklang mit den ethisch-regulatorischen Rahmen zu verantwortungsvoller Innovation, die derzeit weltweit, etwa durch UNESCO und OECD, entstehen. Europa hat die Chance, technologische Entwicklung mit klaren Standards zu verbinden, statt nur auf externe Dynamiken zu reagieren.
Wir können es uns nicht leisten, die Neurotechnologie Elon Musk, Sam Altman oder Mark Zuckerberg zu überlassen. Daher müssen Politik, Forschungsförderung und Wirtschaft jetzt gemeinsam handeln – entschlossen, fokussiert und investitionsfähig.
Surjo R. Soekadar ist Chief Innovation Officer der Charité in Berlin und leitet dort den Forschungsbereich Translation und Neurotechnologie.
Christopher Coenen leitet die Gruppe „Gesundheit und Technisierung des Lebens“ am Karlsruher Institut für Technologie.
Thomas Stieglitz arbeitet am Institut für Mikrosystemtechnik und ist im Sprecherteam des BrainLinks-BrainTools Centers der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.
