
So Typen, die sich über die Bedingungen ihrer Möglichkeiten täuschen, nennt man seit dem 19. Jahrhundert Schnösel. Der Schnösel verkennt die sozialen, institutionellen, systemischen Voraussetzungen seines Tuns und Lassens; die Nase vorn zu haben dünkt ihm daher einerseits selbstverständlich, andererseits und tragischerweise eine Ausgeburt seines ihm eigenen Genius zu sein. In Betrieben, Familien und Vereinen lassen sich solche Deformationszusammenhänge beobachten, wenn mal wieder jemand von seinem ganzen Gehabe her sich selbst zuschreibt, was ihm eigentlich erst durch günstige Konstellationen als Mehrwert zufällt.
Der Schnösel, dem ein substanzieller Begriff von Gegenseitigkeit abgeht, kommt eingebildet und eitel rüber, er weiß alles immer schon besser, weil er nicht weiß, dass er nichts weiß. Die gegen reziproke Lebenserfahrung abgedichtete Sattheit lässt das methodologisch fragile Gegenüber denken: So eine Type will ich nicht stören, soll er sich seine Groupies doch bitte woanders suchen. Helm Stierlin, jener Psychotherapeut, der den systemischen Gedanken zumal in der Familientherapie etabliert hat, brachte seinen Ansatz auf den prägnanten Buchtitel: „Das Tun des Einen ist das Tun des Anderen“.
Wer hat das goldene Händchen?
Womit ein Zweifaches gesagt ist: Mein Tun bleibt – erstens – auf das Tun von Anderen angewiesen, der Mensch ist von Haus aus ein anknüpfendes, kein selbstherrliches Wesen, wie du mir, so ich dir. Weswegen – zweitens – die Verantwortung im Beziehungsgeschehen eine prinzipiell geteilte ist, nie hat nur einer, nur eine schuld, wenn die Zerrüttung ihren Lauf nimmt, nie hat nur eine, nur einer das goldene Händchen, wenn ein dream team agiert, wenn Verständigung den fehlenden Konsens ersetzt, wenn ein Miteinander erwiderter Liebe hält, was es sich versprach.
Stierlin, als Philosoph ein Karl-Jaspers-Schüler, als Psychiater bei Kurt Kolle sozialisiert, wäre am 12. März hundert Jahre alt geworden, er starb am 9. September 2021 fünfundneunzigjährig. Antischnöselig im persönlichen Umgang trat diese philosophische Natur am Universitätsklinikum Heidelberg rigoros als Theoretiker der Wechselseitigkeit auf, wo er die Abteilung für psychoanalytische Grundlagenforschung und Familientherapie verantwortete.
Was inzwischen oft auch therapeutisch den verstrickten Klienten als absolute emanzipatorische Leistung eingeredet wird – der schematische Kontaktabbruch zwischen Beziehungspartnern, zwischen Kindern und Eltern –, war für Stierlin lediglich Ultima Ratio in einem dynamischen Geschehen, das sich nicht linear-kausal begreifen lässt, sondern mit seinen Brüchen, Irrsinnigkeiten und unabgeschlossenen Gestalten auf ein Außen angewiesen bleibt, zu dem man sich befugt, aber eben stets nur nachträglich verhält. In Stierlins systemischer Weltsicht hatte eine Type keinen Platz: der Wichtigtuer.
