Er spielt „unspielbare“ von Algorithmen generierte Stücke, liefert sich mit Popsänger Nico Santos ein Klavierduell, demonstriert, dass man nicht nur mit den Fingern Klavier spielen kann und begeistert damit ein Millionenpublikum in den sozialen Netzwerken. Louis Philippson hat geschafft, was sich viele Veranstalter und Künstler wünschen: klassische Musik für ein junges Publikum interessant, nahbar und erlebbar zu machen. In seinen kurzen Videos nimmt er seine Follower mit in seinen Alltag als Pianist, gibt Einblicke hinter die Kulissen, gibt sein Wissen weiter und stellt sich immer wieder lustigen Herausforderungen. Dabei schauen ihm auf Tiktok mittlerweile mehr als 800.000, auf Instagram immerhin fast 350.000 Menschen zu.
„Während der Corona-Pandemie habe ich gemerkt, dass ich mit Musik alles machen kann, was ich will“, sagt Philippson. Während er sich online auf das Abitur vorbereitete, saß er praktisch den ganzen Tag am Klavier und entdeckte nach und nach die sozialen Netzwerke für sich. „Es war so cool zu sehen, dass doch mehr Menschen einen Bezug zur klassischen Musik haben, als ich dachte. Nicht unbedingt über die Wiener Klassik oder die Romantik, aber ich wurde öfter gefragt, ob ich beispielsweise Werke von Hans Zimmer spielen könnte.“ Mit der Zeit habe er sich in die Filmmusik und Neoklassik eingearbeitet und gemerkt, „dass das eine wunderschöne Brücke zwischen Populärmusik und Klassik ist“.
Die Lederjacke ist zu seinem Markenzeichen geworden
Als Sohn eines Ingenieurs und einer Lehrerin in Mülheim an der Ruhr aufgewachsen, hatte Philippson als Kind selbst keine großen Berührungspunkte zur klassischen Musik. Allerdings stand das Klavier seiner großen Schwester noch zuhause, obwohl sie schon längst nicht mehr darauf spielte. „Meine Eltern erinnern sich noch heute daran, dass ich als drei oder vier Jahre altes Kleinkind die ganze Zeit darauf herumgeklimpert und dazu gesungen habe, sodass sie mich an der Musikschule angemeldet haben, um das nicht länger aushalten zu müssen“, erzählt der heute 22 Jahre alte Musiker lachend.
Mit sieben Jahren nahm er am Wettbewerb „Jugend musiziert“ teil und wurde dabei von der Pianistin und Klavierprofessorin Barbara Szczepanska an der Robert Schumann Hochschule in Düsseldorf entdeckt. Kurzerhand nahm sie ihn im 2008 gegründeten Hochbegabtenzentrum „Schumann Junior“ auf, wurde seine Lehrerin und förderte den Überflieger mit dem absoluten Gehör.
Und doch merkte Philippson früh, dass er nicht den Weg eines „klassischen“ Konzertpianisten gehen wollte. „Ich erinnere mich noch ganz genau an den Moment, an dem ich dann rebelliert habe. Da muss ich 15 Jahre alt gewesen sein und bin in einer schwarzen Jeans auf die Bühne statt einer Anzughose.“ Eigentlich keine große Sache, „aber ich hatte die ganze Zeit über noch zittrigere Hände als sonst und habe darüber nachgedacht, wie peinlich es ist, hier in Straßenklamotten zu sitzen“. Mittlerweile ist eine Lederjacke zu seinem Markenzeichen geworden.
„Für mich war es kein schneller Aufstieg“
Spätestens seit dem vergangenen Jahr dürfte Louis Philippson auch außerhalb von Tiktok und Co. einem breiteren Publikum ein Begriff sein. Zwei Tourneen, ausverkaufte Konzerte, Fernsehauftritte sowie zwei eingespielte Alben sind die Bilanz des Vorjahres. Daneben hat er vor Kurzem sein Musik- und sein Wirtschaftsstudium abgeschlossen. „Klar wirkt es jetzt so, als wäre meine Karriere erst im vergangenen Jahr plötzlich losgegangen“, sagt er. „Aber für mich war das kein schneller Aufstieg, denn ich mache das seit meinem achten Lebensjahr.“
Seinen Erfolg kann er daher umso mehr wahrnehmen und genießen. Vor allem die Momente auf der Bühne und im Kontakt mit seinen Fans seien für ihn die prägendsten. „Ich bin unendlich dankbar, diese Kunst ausüben zu dürfen und eine Verbindung zu den Menschen aufbauen zu können“, erklärt er. Seine Konzerte moderiert Philippson jedes Mal selbst. Handys sind bei ihm im Konzertsaal ausdrücklich erlaubt. „So kann ich mein authentisches Selbst sein und ganz persönliche Einblicke geben. Wenn man nur auf die Bühne gestellt wird, geht das nicht.“
Mit seinem Stilmix zwischen Vivaldi und Einaudi, Beethoven und Anime, Filmmusik und Eigenkompositionen hat es Philippson geschafft, eine große Bandbreite an Menschen zu erreichen. Klassikfans bewundern sein Musikverständnis, seine Neuinterpretationen bekannter Werke und seine Fingerfertigkeit. Die anderen finden es erfrischend, ein weniger spießiges Konzert zu erleben und Werke zu hören, die sonst nicht auf den großen Bühnen gespielt werden. „Mir ist es wichtig, allen Menschen klassische Musik nahezubringen“, sagt der junge Pianist.
Mit seiner lockeren Art, seinem niedrigschwelligen Zugang und seinem breiten Fachwissen hat Philippson viele Kinder und Jugendliche mittlerweile selbst zum Musizieren inspiriert. Ihnen möchte er Mut machen und auf den Weg geben, dass man an sich glauben sollte und mit seinen Zweifeln nicht alleine ist: „In der klassischen Musik gilt Perfektion oft als Standard. Wir sind aber alle Menschen und machen Fehler. Es ist nicht wichtig, perfekt zu sein“, findet er.
Das Konzert von Louis Philippson am 15. März im Großen Saal der Frankfurter Alten Oper ist seit Langem ausverkauft.
