
Man wird lange in den Mediatheken suchen müssen, bevor man eine Talkshow findet, die im Grundton netter, lieber, rücksichtsvoller und menschenfreundlicher gewesen wäre als diese Ausgabe von „Maischberger“. Möglicherweise lag das daran, dass sich die meisten der an diesem Abend Anwesenden duzen. Die Moderatorin zum Beispiel duzt sich mit der „Emma“-Herausgeberin Alice Schwarzer, wie wir kurz nach Mitternacht in der letzten, keineswegs unwitzigen Plauderrunde der Sendung feststellen durften.
Der parlamentarische Staatssekretär der CDU im Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (Sandra Maischberger musste für den Titel mal kurz auf die Karteikarte gucken) Philipp Amthor duzt sich mit dem ehemaligen SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert, der in den letzten Wochen als Abteilungsleiter beim Verein „Bürgerbewegung Finanzwende“ wieder in der Öffentlichkeit auftaucht. Und in der Dreierrunde am anderen Tisch duzen sich alle miteinander, also der Autor Klaus Brinkbäumer mit dem Kabarettisten Florian Schroeder, dieser mit der „Welt“-Kolumnistin Anna Schneider und diese selbstredend auch mit Brinkbäumer.
Weitere Duzbeziehungen, die es unter den Anwesenden noch geben könnte, wurden an diesem Abend nicht aufgedeckt; aber sie hätten die wohlige Studioatmosphäre kaum nachhaltig verändert. All das zusammengenommen, um es Neudeutsch auszudrücken, „macht was mit einem“. Wenn dann noch die geäußerten Meinungen ungefähr auf derselben Wellenlänge liegen, kann man die politische Debatte, um nicht von Streit zu sprechen, so ziemlich vergessen. Andererseits könnte dieser Eindruck auch ein Merkmal des gerade zurückliegenden Landtagswahlkampfs in Baden-Württemberg gewesen sein, der noch ein paar Tage lang jede Sendung einschläfert, die sich mit ihm befasst.
Was gibt es auch groß zu sagen, wenn die reale Wahlmöglichkeit allenfalls zwischen Schwarz-Grün oder Grün-Schwarz bestand, und das bei zwei so freundlichen Spitzenkandidaten, die einander mit ihrer Kooperationsbereitschaft und Konsensfähigkeit so zart auf die Wangen gehauen haben wie mit sehr weichen Topflappen? Man muss schon bösartig oder aber die Moderatorin selbst sein, um den Einsatz des zu so plötzlichem Ruhm gekommenen „Rehaugen-Videos“ (was für ein Wort!) für eine „Schmutzkampagne“ zu halten oder auch nur die Frage in die Runde zu werfen, ob es sich bei besagtem „Rehaugen-Video“ (man kommt nicht davon los, unser ganzes Land bildet sich darin ab) nicht um eine „Schmutzkampagne“ gehandelt haben könnte?
Dauerbrenner „Niedergang der SPD“
Hier gab Florian Schroeder klare Auskunft: Nein. Keine Schmutzkampagne. Die Sache sei ja nicht erfunden gewesen, der Sexismus-Vorwurf an die Adresse des CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel also berechtigt. Klaus Brinkbäumer, der am Journalistentisch den analytischsten Blick auf das politische Geschehen hat, erinnerte an die Möglichkeit, die CDU könne von dem Video gewusst, aber die rechtzeitige Reaktion darauf verschlafen haben – Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther hatte drei Tage zuvor bei „Caren Miosga“ so etwas angedeutet, und sollte etwas daran sein, wäre die CDU gut beraten, nie wieder davon zu sprechen und das Wort „Rehaugen“ aus dem Wortschatz der Partei zu verbannen.
Abermals Einigkeit – aber was auch sonst? – herrschte beim Dauerbrenner „Niedergang der SPD“. Sie sei „zur Partei der Bürgergeldempfänger“ geworden. Besonders furchtbar: In weiten Teilen unseres Landes sei die Partei nicht einmal mehr physisch präsent. Splitterparteien haben es nicht leicht.
Dieser Zuschauer gesteht, dass er zumindest ein bisschen Zoff zwischen Florian Schroeder und Anna Schneider erwartet hatte, inkompatibler ideologischer Neigungen wegen, aber der blieb vollständig aus. Schneider argumentierte braver als in ihren Kolumnen, und wo sie sich ein wenig aus der Deckung traute wie bei ihrer Trump-Verteidigung vor dem Faschismus-Verdacht, konnte Brinkbäumer sie leicht korrigieren. Es gibt in der amerikanischen Politikwissenschaft einen umfangreichen Kriterienkatalog, den man im Falle Trump nur durchblättern muss, um den Tatbestand „Faschismus“ in seinem Fall erhärtet zu finden: Personenkult, Kampf gegen demokratische Spielregeln, Ausgrenzung von Minderheiten, Bekämpfung oppositioneller Medien, Verdrehung der Tatsachen, eine massentaugliche Bewegung mit inszenierten Großereignissen und einiges mehr. „Faschismus“ heißt ja nicht automatisch Hitler oder Mussolini.
Auch Schneiders Unbehagen angesichts der „Brandmauer“, die sie „undemokratisch“ findet, ließ sich nicht zu einer kohärenten These aufpumpen. Klaus Brinkbäumer nannte die Brandmauer „komplett legitim“. Und Florian Schroeder konterte den Versuch, die AfD zur einer wählbaren Partei zu adeln, mit der strengen Aussage, die AfD wolle „die komplette Zerstörung dessen, was da ist. Sie will das System in die Luft jagen. Warum also sollte man sich mit einer Partei auseinandersetzen, von der man weiß, dass sie so zerstörerisch ist?“
Amthor und ein sehr penetrant herumfuchtelnder Zeigefinger
Das Politikergespräch zwischen Kevin Kühnert und Philipp Amthor zeigte einen gewohnt eloquenten ehemaligen SPD-Generalsekretär, der diesmal lediglich einen anderen Text aufsagte, darunter die weder Beifall heischende noch kokett vorgetragene Bemerkung, eigentlich könne man auf das gewohnte Kandidateninterview im Fernsehen gleich am Wahlsonntag um 18:03 Uhr auch verzichten, viel komme nicht dabei heraus. Er jedenfalls, Kühnert, stelle sich „unter einem Gespräch etwas anderes vor“.
Ein paar Sekunden lang gab er damit den Blick in sein Inneres im Herbst 2024 frei, als er sich plötzlich und übergangslos aus Politik und Parteiamt zurückzog und danach für die Öffentlichkeit lange Zeit unsichtbar blieb. Amthor wiederum gestand, er vermisse jemanden wie Kühnert, trotz aller ideologischen Differenzen, einen „mit Leidenschaft“. Das war überaus nett gemeint wie fast alles an diesem Abend, kam aber auch ein bisschen gönnerhaft rüber. Amthor bespielt aber auch das andere Register. Dann gibt er seiner Neigung nach, in seinem kaum je versiegenden Redestrom das Lob Ranghöherer mitschwimmen zu lassen, darunter natürlich Bundeskanzler Merz, aber auch Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche.
Er ist ja eine Kategorie für sich, dieser immer noch junge Mann mit der korrekten Kleidung, der Bügelfalte, der Brille, dem blonden Seitenscheitel, dem Deutschland-Anstecker und dem leider sehr penetrant herumfuchtelnden Zeigefinger, der auch Maischberger etwas zu viel wurde. Aber er kommt sicherlich gern in die Talkshow. Und er weiß tatsächlich, wovon er redet, selbst wenn er einem von einer Sekunde auf die andere stark auf die Nerven gehen kann mit der Amthor-Fernseh-Persona, die er sich als Authentizitätsmaske zugelegt hat.
Selbst das Ballen der Fäuste (beide, synchron) hat er sich von Kanzler Merzens „Teilzeit“-Rede abgeschaut, wenn er es nicht schon lange vorher drauf hatte, denn in der Sache findet Philipp Amthor das auch: Es werde viel zu wenig gearbeitet in Deutschland, und Leistung „muss sich wieder lohnen“, wie es schon in einem alten CDU-Wahlslogan einmal hieß und neuerdings wieder, die Älteren werden sich daran erinnern. Zum Thema Abschaffung des Bürgergelds trug Amthor flüssig wie alle seine Sätze vor: „Der Sozialstaat lebt davon, dass er von irgendjemandem erwirtschaftet wird.“ Wer mehr von dem Kaliber braucht („Gestalten statt Verwalten“, „Stabilität in unruhigen Zeiten“ und so weiter), kann sich auf der CDU-Website bedienen.
Es gab einen Augenblick echten Erstaunens, der zu den Höhepunkten dieser wohltemperierten Talkshow gehörte: als nämlich Kühnert zu erkennen gab, recht zufrieden in seinem neuen, mit überschaubarer Einflusssphäre ausgestatteten Leben zu sein, was Amthor – er verbarg es kaum – im Grunde nicht fassen konnte. So viel Talent, schien sein ganzer Körper auszudrücken – und raus aus der Politik? Für immer? Der Sinn der Politik sei es doch, sagte er, „einen Unterschied zu machen“. Schade, dass der gruselige Amerikanismus „to make a difference“ sich auch in diesem blonden Kopf festgesetzt hat. Ein angenehmer Abend, wie gesagt, sehr harmonisch, und als er rum war, wurde es wirklich Zeit fürs Bett, theoretisch jedenfalls.
