
Ich sitze auf der Bettkante in einem fremden, loftartigen Zimmer. Rundherum herrscht Chaos. Klamotten, die nach dem Ausziehen einfach auf den Boden geworfen wurden, schmutzige Teller, die sich auf dem Couchtisch stapeln. Eine brüchige Männerstimme fängt an zu sprechen: „Ich muss endlich aufstehen und mich fertig machen, aber ich habe einfach keine Kraft dazu.“
Auch ich bin unfähig, mich zu bewegen. Aber bei mir liegt das an einer Zehn-Kilo-Bleiweste auf den Schultern, die mich auf meinen Sitz drückt. Und was ich durch eine VR-Brille sehe, ist eine künstliche Realität. In der ist nun eine Frau zu hören. „Jetzt steh endlich auf und hör auf zu grübeln, davon wird gar nichts besser“, sagt sie. „Das ist ja nicht auszuhalten.“ Die Männerstimme schluchzt: „Ich fühle mich ganz alleine auf der Welt. Ich habe das Gefühl, ich verliere den Boden unter meinen Füßen.“
Dann wird es plötzlich finster. Die Wände und die Decke des Zimmers kommen näher. Ich stehe in einem langen, dunklen Tunnel. Allein mit meinen Gedanken und der Stimme. „Ich bin so traurig, dass ich es kaum noch ertrage“, sagt der Mann. „Wenn ich wenigstens weinen könnte, aber in mir ist gar nichts mehr.“ Und schließlich: „Ich mag nicht mehr.“
In diesem Moment richtet sich eine Nachricht auf einem virtuellen Handy direkt an mich: Ich soll an ein schönes Erlebnis der letzten zwei Wochen denken. Aber ich kann nichts Positives empfinden. Ein seltsames Gefühl. Ich verstehe plötzlich, wie sinnlos der Satz „Denk doch mal an etwas Schönes“ eigentlich sein kann.
Eintauchen in die Welt eines Erkrankten
„Impression Depression“ heißt das spendenfinanzierte Projekt, mit dem die Robert-Enke-Stiftung seit 2019 Menschen für die Krankheit Depression sensibilisieren will. Das Frankfurter Netzwerk für Suizidprävention (FRANS) hat die Stiftung kürzlich in die Räume des Frankfurter Gesundheitsamts eingeladen, damit 60 Interessierte mithilfe von Kopfhörern und VR-Brillen einen Einblick in die Gedankenwelt eines depressiv Erkrankten bekommen konnten.
Die Animation ist schlicht: erst ein Zimmer, dann ein Tunnel. Umso intensiver hört man deshalb der Stimme des Kranken zu. Weil der Zuschauer nicht eingreifen kann, verliert die Animation den Videospielcharakter, den VR-Brillen oft vermitteln. Er wird zum stillen Beobachter im Kopf eines depressiven Menschen und folgt der Abwärtsspirale seiner Gedanken. Die Ausweglosigkeit der Szenen bedrückt und macht hilflos und gibt zumindest einen ersten Eindruck davon, was Menschen mit Depressionen erleiden.
Fußballtorwart Robert Enke nahm sich mit 32 Jahren das Leben
Das Projekt der Enke-Stiftung richtet sich ausdrücklich an Nichtbetroffene. „In die Animation sind Erfahrungsberichte von Betroffenen, Tagebucheinträge von Robert Enke und das Fachwissen von Experten eingeflossen“, sagt Gianluca Maione, der das Projekt in Frankfurt betreut hat. Weil ehemals Erkrankte bestätigt haben, wie realitätsnah die Animationen sind, raten die Veranstalter früheren oder akut depressiven Menschen dringend von einer Teilnahme ab.
Die einstündige Vorstellung ist in drei Phasen aufgeteilt: Erst wird ein Erklärfilm über Depressionen gezeigt, dann folgt das zwölfminütige Eintauchen in die virtuelle Realität. Dabei kann man zwischen der geschilderten Alltagserfahrung und der Situation eines depressiven Profifußballers vor einem Spiel in der Umkleidekabine wählen.
Die Szene kommt nicht von ungefähr: Der Fußballtorwart Robert Enke, der über Jahre an schweren Depressionen litt und sich im Alter von 32 Jahren das Leben nahm, ist Namensgeber der von seiner Frau gegründeten Stiftung. Sein Suizid rückte die Krankheit stärker in den Blick der Öffentlichkeit. In Deutschland erkranken laut Robert-Enke-Stiftung jedes Jahr etwa fünf Millionen Menschen an Depressionen.
Vor allem bei Männern sind Depressionen noch immer ein Tabuthema
In der dritten und letzten Phase des Experiments sprechen die Teilnehmer über ihre Eindrücke und Gefühle. Eine zentrale Einsicht: Nichtbetroffene können selten hilfreiche Tipps geben, wie sich Depressive besser fühlen. Maione erklärt das so: „Wer nie einen Bandscheibenvorfall hatte, gibt anderen auch keine Ratschläge zur Heilung. Bei Depressionen meinen viele dennoch, dass ihre Ratschläge angebracht sind.“ Gespräche mit anderen Betroffenen hingegen können sehr hilfreich sein.
Dass das Projekt für die Öffentlichkeit zugänglich ist, kommt eher selten vor. Meist besucht die Stiftung Firmen oder Vereine. Für die Veranstaltung im Gesundheitsamt konnte sich jeder anmelden. „Die Plätze waren superschnell ausgebucht“, berichtet Inga Beig von FRANS. Wegen der großen Nachfrage denkt sie über einen weiteren Termin in Frankfurt nach.
Beig hofft, durch den Namen Robert Enke möglichst viele Männer für das Thema zu gewinnen. Obwohl deutlich mehr Frauen eine Depression diagnostiziert wird, sind drei Viertel aller Menschen, die einen Suizid begehen, männlich. „Das Thema Depression ist gerade bei Männern, die oftmals mit dem Rollenbild eines starken, unverletzlichen Mannes sozialisiert wurden, noch immer ein Tabuthema“, sagt Victoria Dichter von FRANS. Jährlich sterben in Deutschland etwa 10.000 Menschen durch Suizid. Rund 70 Prozent von ihnen litten vorher an Depressionen.
