
Für Papst Leo XIV. stellt der Irankrieg eine besondere Herausforderung dar. Dafür gibt es mindestens drei Gründe: Erstens, weil er Amerikaner ist, zweitens, weil er einem Orden angehört, dessen theologischer Patron der heilige Augustinus ist. Auf diesen Kirchenvater der Spätantike geht die „Lehre vom gerechten Krieg“ zurück.
Sie definiert, unter welchen Voraussetzungen ein Krieg als letztes Mittel geduldet werden kann und beschreibt im Kern bis heute die offizielle katholische Position zur Anwendung militärischer Gewalt. Und drittens, weil es sich um einen Konflikt handelt, in dem sich Juden und Christen auf der einen und Muslime auf der anderen Seite gegenüberstehen, wenngleich es sich nicht um einen Religionskrieg handelt.
Papst Leo vermied bisher eine allzu direkte Kritik am Vorgehen der Vereinigten Staaten und Israels. Ebenso verzichtete er auf Augustinus-Zitate, die er sonst gerne verwendet. So beschränkte sich der Papst auf einen Friedensappell an die „beteiligten Parteien“. Diese müssten „ihrer moralischen Verantwortung nachkommen und die Spirale der Gewalt stoppen“, sagte er nach seinem sonntäglichen Angelus-Gebet am 1. März. Um eine „drohende Tragödie“ abzuwenden, müsse „die Diplomatie ihre Rolle zurückgewinnen“, denn Stabilität und Frieden könnten „nicht durch gegenseitige Drohungen oder Waffen, die Zerstörung, Leid und Tod säen“, erreicht werden.
Ungewöhnlich deutlich wurde hingegen der oberste Diplomat des Papstes, Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin. Die Nummer zwei im Vatikan beklagte, dass das Völkerrecht „zunehmend ausgehöhlt“ werde. Wenn sich Staaten das Recht auf einen Präventivkrieg „nach eigenen Kriterien und ohne einen überstaatlichen Rechtsrahmen“ anmaßten, könne bald „die ganze Welt in Flammen stehen“, sagte Parolin den „Vatican News“, dem offiziösen Nachrichtenportal des Vatikans.
„Auf gefährliche Weise setzt sich ein Multipolarismus durch, der vom Primat der Macht und der Selbstbezogenheit geprägt ist“, sagte Parolin. Dadurch würden das Selbstbestimmungsrecht der Völker, die territoriale Souveränität der Staaten und die Regeln der Kriegsführung selbst untergraben.
Kritik an „widerwärtigem“ Video des Weißen Hauses
In diesem Sinne äußerte sich auch der amerikanische Kardinal Blase Cupich. Der Erzbischof von Leos Heimstadtstadt Chicago sagte „Vatican News“ kurz nach einem Gespräch mit dem Papst in Rom: „So wie ich es verstehe, gab es keine unmittelbare Bedrohung.“ Wenn der Papst dies anders sehen würde, hätte „Vatican News“ die Aussage nicht veröffentlicht.
Das Medienportal steht unter strenger Aufsicht der Oberen im Vatikan. Der Kardinal veröffentlichte zudem einen „Appell an das Gewissen“. Darin kritisiert er ein vom offiziellen X-Account des Weißen Hauses verbreitetes Video scharf, in dem Szenen aus Actionfilmen mit Aufnahmen vom Irankrieg zusammengeschnitten sind. Es sei „widerwärtig“, dass „ein echter Krieg und echtes Leid“ wie ein Videospiel behandelt würden.
Grundsätzlich-theologisch begründete der Erzbischof von Washington, Robert Kardinal McElroy, seine Ablehnung. Der Angriff der Vereinigten Staaten sei „moralisch nicht legitim“ sagte McElroy, weil er nicht die Voraussetzungen für einen „gerechten Krieg“ im Sinne der katholischen Lehre erfülle. Es gebe weder einen gerechten Grund noch ein gerechtes Ziel, weil nicht klar, sei, was Präsident Trump überhaupt erreichen wolle. Ebenso ungewiss sei, ob die positiven Folgen des Krieges die negativen überwögen.
McElroy und Cupich, beide von Papst Franziskus zum Kardinal ernannt, blieben damit bisher Einzelstimmen unter den Bischöfen ihres Landes. Die amerikanische Bischofskonferenz positionierte sich in einer Stellungnahme zurückhaltender: man sei besorgt über eine drohende „Spirale der Gewalt“ und teile die Ansicht des Papstes.
In Deutschland fielen die kirchlichen Stellungnahmen zum Irankrieg unterschiedlich aus. In seiner ersten offiziellen Erklärung nach der Wahl zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz war Heiner Wilmer darum bemüht, keinen Zweifel an seiner Verbundenheit mit Israel aufkommen zu lassen. Er vermied eine eindeutige Festlegung. Israels Sicherheit sei für ihn „von herausragender Bedeutung“. Und jeder, der die Freiheit liebe, „sehnt sich nach dem Moment, an dem die iranische Bevölkerung das Joch einer brutalen Herrschaft abschütteln kann“, sagte der Hildesheimer Bischof.
Innerhalb der Bischofskonferenz gibt es offenbar keine gemeinsame Linie
Wilmer stellte die Frage, ob die Angriffe mehr Freiheit und Sicherheit bringen – und ließ die Antwort offen. Damit trug er wohl auch dem Umstand Rechnung, dass es innerhalb der Bischofskonferenz offenbar keine gemeinsame Linie gibt. Deutliche Kritik am Vorgehen der USA und Israels formulierte der Bischof von Essen, Franz-Josef Overbeck, der zugleich deutscher Militärbischof ist. Auch Overbeck sprach – einen Tag nach Parolin – von einem „Verstoß gegen das Völkerrecht, der die ohnehin schon geschwächte regelbasierte Ordnung weiter aushöhlt“.
Der Augsburger Bischof Bertram Meier, der in der Bischofskonferenz für die Weltkirche zuständig ist, deutete hingegen Verständnis für den Angriff auf Iran an: „Auch wenn natürlich Staaten das Recht haben, sich zu verteidigen oder unter Umständen Gewalt zum Schutz ihrer Bürgerinnen und Bürger einzusetzen, sollten wir nie vergessen: Gewalt allein schafft keinen Frieden“, äußerte Meier.
Aus den Reihen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) meldete sich der Auslandsbischof Frank Kopania zu Wort. Auch er forderte dazu auf, die Gewaltspirale aus Schlag und Gegenschlag zu durchbrechen“. Er verwies auf die gefährlichen Folgen für die Christen und andere religiöse Minderheiten in Iran. Zumindest so viel lässt sich zu den kirchlichen Reaktionen auf den Irankrieg sagen: Sie fallen insgesamt weniger kritisch aus als gegenüber dem Irakkrieg 2003. Damals hatte sich Johannes Paul II. mit seinem öffentlichen Nein an die Spitze der Kriegsgegner gestellt.
