
Herr Mercogliano, zurzeit liegen 250 bis 300 Tanker und Frachtschiffe mit Öl, verflüssigtem Gas und anderen Gütern im Persischen Golf fest. Sie trauen sich nicht, die Straße von Hormus zu passieren. Präsident Donald Trump sagte jetzt, sie sollten ein bisschen Courage zeigen. Hat er nicht recht?
Seine eigene US-Seeschifffahrtsbehörde warnt davor, die Meerenge zu durchqueren. Die USA hätten sich vor den Angriffen auf Iran mit der kommerziellen Schifffahrt und der Versicherungsindustrie abstimmen sollen. Außerdem hätten sie sich darauf vorbereiten müssen, Tanker und Frachtschiffe mit Kriegsschiffen zu eskortieren. Aktuell ist kein einziges amerikanisches Marineschiff im Persischen Golf. Wenn die Marine keine Schiffe in den Persischen Golf schickt, warum sollten private Schiffseigner dieses Risiko eingehen?
Finden Sie es normal, dass eine Regierung die Versicherungsbranche konsultiert, bevor sie Militärschläge initiiert?
Wahrscheinlich nicht. Aber das ist eben kein normaler Fall. Weil es keinen Dialog gab, fürchteten die Schiffseigner, dass die Versicherungsprämien zu niedrig seien, um mögliche Schäden zu decken. Am ersten Märzwochenende kündigten die Versicherer an, ihren Schutz gegen Kriegsrisiken für Iran und Teile des Persischen Golfs bis zum 5. März zu streichen.
Trump hat ein Rückversicherungsprogramm in Höhe von 20 Milliarden Dollar angekündigt. Ist das nicht hilfreich?
Das ist schon positiv. Ich glaube aber nicht, dass er die damit verbundene Haftung wirklich durchdacht hat. Wenn ein Tanker sinkt, muss für das Schiff, die Ladung, mögliche Todesfälle, die Ölpest und womöglich sogar für Entschädigungen aufgekommen werden, weil andere die ölverseuchte Fahrrinne nicht mehr nutzen können. Als in Baltimore ein Schiff eine Brücke zum Einsturz brachte, entstand ein Versicherungsschaden von geschätzt 3,5 Milliarden Dollar. Grundsätzlich vermute ich, dass die Schiffseigner, ganz abgesehen von der Versicherung, wenig Anreiz haben, in den Persischen Golf hineinzufahren. Sie können ihre Schiffe auch anderswo einsetzen.
Aber einige griechische Reeder haben ihre Tanker durch die Straße von Hormus fahren lassen. Sind die einfach mutiger?
Stereotype sind nicht mein Ding. Aber griechische Schiffseigner sind schon einzigartig. Wenn sie eine Gelegenheit wittern, Geld zu verdienen, dann nutzen sie sie. Wenn sie plötzlich Frachtraten von 750.000 Dollar am Tag statt 50.000 Dollar erzielen können, dann können sie es sich als Reeder auch leisten, philippinischen oder indischen Crews einige Hunderttausend Dollar zusätzlich zu zahlen. Dafür riskieren diese ihr Leben. So hat John Fredriksen, der reichste Mann Norwegens, sein Geld verdient. Er ließ während des Iran-Irak-Kriegs seine Tanker durch den Persischen Golf fahren. Von 1981 bis 1988 wurden damals 455 Schiffe von Iranern und Irakern angegriffen, 55 davon sanken.
Wie riskant ist es denn, die Straße von Hormus zu durchqueren?
Wir wissen es nicht. Einen Hinweis geben die Vorfälle im Roten Meer, wo die Huthis binnen zwei Jahren 125 Schiffe angegriffen haben; rund zwei Dutzend wurden beschädigt, vier sanken. Ich würde dafür plädieren, dass die USA einige leere Tanker durch die Straße von Hormus in den Golf eskortieren und so die Lage testen. Fünf amerikanische Schiffe stecken im Golf fest, vielleicht versucht man zunächst, diese herauszubringen. Die USA müssen demonstrieren, dass sie Schiffe trotz der Gefahr durch iranische Drohnen und unbemannte Wasserfahrzeuge durch die Meerenge führen können. Es geht ja nicht nur um die Meerenge, die gerade einmal 55 Kilometer breit ist. Der Persische Golf selbst ist an vielen Stellen nicht breiter als rund 180 Kilometer. Die Iraner können dort praktisch jedes Schiff treffen.
Große Schiffe senden ihren Standort über das Automated Identification System. Können die Iraner diese Positionsdaten sehen und danach ihre Angriffe ausrichten?
Die Schiffsbesatzungen können das System abschalten. Aber das bringt nicht viel. Satellitenbilder sind generell verfügbar, oft sind die Schiffe auch von der Küste aus zu sehen. Zudem wimmelt es im Golf von kleinen Fischerbooten. Niemand kann verhindern, dass ein Fischer zum Satellitentelefon greift und die Position eines Tankers weitergibt.
Warum ist die US-Marine noch nicht vor Ort?
Sie sieht die Eskorte der Handelsflotte offenbar nicht als besonders wichtig an. Die Kriegsschiffe haben die Hauptaufgabe, die Flugzeugträger zu schützen. Drei bis vier Zerstörer schützen einen Flugzeugträger. Dann bleiben noch drei oder vier Zerstörer, um Militärschläge gegen den Iran auszuführen. Dazu kommt das Problem, dass die Schiffe alle paar Tage auftanken und ihre Raketenbestände auffüllen müssen. Dafür müssen sie weit fahren. Die Wahrheit ist: Die US-Marine hat nicht genug Schiffe, um eine Eskortmission umzusetzen. Schon um einen Abschnitt im Roten Meer vor Angriffen der Huthis auf Handelsschiffe zu schützen, waren vor zwei Jahren fünf Zerstörer im Einsatz. Der Persische Golf ist deutlich größer.
Sie haben in einem Social-Media-Beitrag geäußert, dass die Versenkung einer iranischen Fregatte vor Sri Lanka negative Folgen haben könnte. Können Sie das erläutern?
Ich lasse mich nicht auf die Debatte ein, ob die Attacke gerechtfertigt war. Aber sie ereignete sich auf einer stark frequentierten Schifffahrtsroute. Wir wissen, dass die US-Marine alles versucht hat, um Schäden für Dritte zu vermeiden. Trotzdem haben die USA ein Schiff auf hoher See angegriffen und dafür laut dem Fernsehsender CBS zwei Torpedos eingesetzt. Der erste Torpedo ist also fehlgegangen. Am darauffolgenden Wochenende haben sich Vertreter von Rückversicherungsgesellschaften zusammengesetzt und angekündigt, dass sie womöglich höhere Versicherungsprämien verlangen müssten, weil die USA die Kriegszone ausgeweitet hätten, indem sie ein Schiff im Indischen Ozean angegriffen haben. Nun könnten die Iraner auch im Indischen Ozean zurückschlagen. Mein Punkt ist: Diesen wichtigen Aspekt hat die US-Regierung offenbar nicht ausreichend berücksichtigt.
Das amerikanische Zentralkommando hat offenbar erwogen, die iranische Insel Kharg im Persischen Golf einzunehmen, über die 90 Prozent des iranischen Öls exportiert werden. Sie halten nichts davon, haben Sie geäußert. Warum nicht?
Aus einer Reihe von Gründen. Die Iraner verladen von dort immer noch Öl. Solange sie das tun, haben sie kein Interesse daran, die Straße von Hormus zu schließen. Um die Straße wirklich zu blockieren, könnten sie Minen einsetzen. Minen können selbst von kleinen Fischerbooten oder Schnellbooten ins Meer gelassen werden. Sie sind sehr schwer zu finden. Allein die Drohung damit reicht, um den Verkehr komplett zum Erliegen zu bringen.
Aber die Marine hat Minenräumschiffe.
Ja, aber das würde lange dauern. Die alten Minenräumschiffe sind gerade erst ersetzt worden. Wäre Kharg verloren, hätten die Iraner kein Interesse mehr daran, die Schifffahrtsroute offen zu halten. Sie könnten sie komplett dichtmachen. Damit würden übrigens auch lebenswichtige Lebensmittellieferungen nach Kuwait, Bahrain und Qatar unterbunden. Ich habe eine bessere Idee.
Die Marine sollte iranische Tanker kapern. Das wäre so ähnlich wie in Venezuela. Sie könnte Tanker der VLCC-Klasse, also Very Large Crude Carriers, aufbringen, ohne sie zu versenken. Dann könnte man über die Rückgabe der Schiffe verhandeln. Wenn man Kharg erobert oder gar zerstört, dann haben die Iraner nichts mehr zu verlieren.
Nutzen Schiffseigner neue Routen, weil die klassischen Wege zu riskant geworden sind?
Wir sehen immer häufiger sogenanntes Re-Routing. Die Containerschiffe waren gerade dabei, wieder durch das Rote Meer zu fahren. Dann haben die Huthis nach den Militärschlägen gegen Iran angekündigt, erneut Schiffe anzugreifen. Jetzt nehmen viele Reeder aus Sicherheitsgründen wieder den längeren Weg rund um Afrika. Aber es ist auch lukrativ. Containerschifffahrtsgesellschaften verdienen mehr Geld damit, die Schiffe um Afrika fahren zu lassen statt durchs Rote Meer und den Suezkanal. Vieles wird dadurch teurer: Erste Reedereien verlangen Zuschläge für Treibstoff. Diesel und Kerosin sind bereits deutlich teurer geworden. Das trifft den Güterverkehr.
Saudi-Arabien und die Emirate verfügen über Pipelines zum Abtransport von Öl. Hilft das nicht?
Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die Iraner nicht auch diese Pipelines angreifen könnten. Die saudische East-West-Pipeline endet am Roten Meer. Dort wurde sie 2019 von den Huthis attackiert und beschädigt.
Bevor sie den Iran angriffen, hätte es den USA nicht zu denken geben müssen, dass es noch nicht einmal gelungen ist, die Huthis aus dem Jemen komplett zu neutralisieren?
Ich wünschte, die US-Regierung hätte das alles besser durchdacht. Die Marine hat ihre Aufgabe im Kampf gegen die Huthis herausragend erfüllt. Das ändert aber nichts daran, dass seit den Attacken zehn Prozent des Schiffsverkehrs rund um Afrika geleitet werden. Denn die Versicherungsprämien gingen nicht zurück. Statt eine Million Dollar für die Passage durchs Rote Meer und eine halbe Million für die Durchquerung des Suezkanals zu zahlen, nehmen viele lieber für die Hälfte davon den Umweg rund um Afrika in Kauf. Militärisch hat die Marine die Huthis besiegt, strategisch jedoch nicht. Das ist aber kein Versagen des Militärs, sondern der Politik.
Wie lange hält der Westen diese Situation noch aus?
Wir sind noch nicht am kritischen Punkt. Das System kann einige Erschütterungen verkraften. Wenn wir das Problem nicht binnen der nächsten sieben Tage lösen, wird es allerdings Ernst. Die Flüssiggaslieferungen aus Qatar können nicht ersetzt werden, bei Öl wird das ebenfalls schwierig, auch wenn einige Länder wie China, Japan und die USA ihre Reserven anzapfen können. Das wird schwerwiegende Auswirkungen auf die Preise und die Weltwirtschaft haben.
Salvatore „Sal“ Mercogliano leitet den Fachbereich Geschichte, Strafrecht und Politikwissenschaft an der Campbell University in North Carolina.
