
Seit den begeisternden Europapokal-Auftritten in der Saison 2018/19 hat die Eintracht in fremden Stadien viele Fans gewonnen. Erst im Halbfinale endete damals die Reise; nach Siegen gegen Inter und Benfica stand der FC Chelsea im Weg. Sicher war danach nicht mehr jedes Spiel im Norden der Republik ein offensives Spektakel. Was auch daran lag, dass der Hamburger SV in der zweiten Liga abgetaucht war und der FC St. Pauli im Unterhaus ganz andere Sorgen hatte, Frankfurt also notgedrungen lange einen großen Bogen um die Hansestadt machen musste.
Wie auch immer, das stabile Image der Frankfurter als Anbieter feinen Fußballs und erfolgreiche Stürmer-Verkäufer reichte bis nach Hamburg und weit darüber hinaus – und da überraschte der Auftritt der SGE am Sonntagnachmittag am Millerntor durchaus.
Acht Torschüsse und 0,38 erwartete Tore brachten die nominell fünf Offensiven zustande; das war recht kümmerlich gegen einen Abstiegskandidaten. Das 0:0 war somit das erklärbare Ergebnis.
Erklärbar war auch, dass Kapitän Robin Koch, Nathaniel Brown und Trainer Albert Riera später die stabile Defensive lobten.
„Wir haben viel außen herum gespielt“
Nach zwei Schreckmomenten durch Aluminiumtreffer des FC St. Pauli in der ersten Halbzeit ließ die Viererkette nichts mehr zu. Man freute sich über null Gegentore; eine Wertung, in der die Eintracht in den vier Wochen unter Riera ein gutes Stück weitergekommen ist, rechnet man erwartbare drei Gegentore in München heraus. Collins, Koch, Aurèle Amenda und Nnamdi Collins harmonierten hinten; es war das dritte Spiel unter Riera, bei dem der Gegner nicht zum Jubeln kam.
Doch in Tateinheit mit der neuen Stabilität kommt der versprochene Abenteuerfußball zu kurz. Da war mehr Ballgeschiebe als Geschwindigkeit, mehr Rotation als Rasanz. Das monierte auch der wortgewaltige, 43 Jahre alte Spanier: „Wenn jeder Spieler drei Kontakte hat, drei Kontakte und noch mal drei Kontakte, kannst du den Gegner nicht überraschen.“ Stürmer Jonathan Burkardt assistierte: „Wir haben viel außen herum gespielt und dabei zu wenig die Tiefe gesucht und auch zu wenig geflankt.“
Der Nationalspieler litt besonders am Frankfurter Tempolimit – kein einziges Mal konnte er Gegenspieler Hauke Wahl weglaufen, weil die geeigneten Pässe ausblieben. Was auch für Arnaud Kalimuendo gegen Eric Smith galt. Beide Stürmer hätten Zeit gehabt, dem munteren Aufbau des Frühlingsdoms auf dem Heiligengeistfeld zuzuschauen, so selten waren sie eingebunden. Auch Farès Chaïbi und Jean-Mattéo Bahoya blieben weitgehend ohne Einfluss. Wenigstens Bahoya verzeichnete eine Halbchance.
Der Eintracht-Sturm ist nur nominell bedrohlich
Es wirkt ja nominell bedrohlich, was die Eintracht auffährt an Offensivakteuren, auch denjenigen, die von der Bank kommen. Doch am windigen Millerntor wehte nur ein laues Angriffslüftchen. Der Ballvortrag dauerte so lange, dass St. Pauli sich im tiefen Block bequem stellen konnte und am Ende fast noch unzufrieden mit nur einem Punkt sein musste.
Die Eintracht aber hatte den schwächsten Auftritt unter dem neuen Coach hingelegt – war ihnen weder gegen die „hoch“ verteidigenden Hamburger der ersten Halbzeit etwas eingefallen noch gegen das Abwehrbollwerk von der 60. Minute an.
Ein flinker Dribbler hätte womöglich etwas ausrichten können. Auch jemand, der passende Eckbälle verwertet. Weil beides diesmal fehlte, konnte sich Trainer Alexander Blessins Team recht bequem befreien und schaltete sogar noch ein paar Mal gefällig um. Dann aber kam der einzig positive Aspekt zum Tragen: die aufmerksame Eintracht-Defensive. „Manchmal muss man mit einem solchen Punkt zufrieden sein“, sagte Nathaniel Brown.
Die Frankfurter Flaute soll jedenfalls bald enden. „Ich bin erst einen Monat da“, warb Riera für Geduld, „natürlich müssen wir es besser machen als diesmal. Ich verlange aber viel. Das braucht Zeit. Vor allem offensiv.“ Den Abstand auf Rang sechs hat die Eintracht unter ihm kaum verringern können.
So wirkten die Bestaunten von einst an diesem Nachmittag nur wie ein Team, das mit dem SC Freiburg das winzige Mittelfeld der Bundesliga bildet. Mittelfeld = Mittelmaß: Hoffentlich ist das aus Frankfurter Sicht nur eine kleine Image-Delle.
Wenigstens Rieras blumige Rhetorik blieb positiv in Erinnerung. Als er eine Reporterfrage offenbar missverstand, antwortete er minutenlang über seine Ideen und Einfälle hinter Ein- und Auswechslungen und zur Aufstellung. Das war unterhaltsam. Und: Ja, die beiden Fouls des Hamburgers Tomoya Ando hätten in eine Gelb-Rote Karte münden müssen.
