
Als Alice Weidel am Sonntagabend das Wahlergebnis der AfD kommentierte, wirkte sie genervt. Ihr Ton war derselbe wie bei Berliner Pressekonferenzen, auf denen sie Fragen zu Fehltritten von Parteifreunden beantworten soll: halb gelangweilt, halb verärgert darüber, dass sie zu so schnöden Themen überhaupt befragt wird. Das war insofern überraschend, als die AfD einen Erfolg zu feiern hatte: Die Partei erreichte in Baden-Württemberg 18,8 Prozent, verdoppelte also ihr Wahlergebnis von 2021. Die Parteivorsitzende hätte entspannt auftreten können, bürgerlich im Ton, um das Angebot zur Zusammenarbeit, das die AfD immer wieder an die CDU richtet, attraktiver erscheinen zu lassen.
Stattdessen attackierte sie den SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf, als der sie in einer ARD-Wahlsendung unterbrach, mit der herablassenden Feststellung, er sei ja offenbar von der SPD, sie habe ihn „irgendwie noch nie gesehen“. Als der Moderator eine Frage an sie formulierte, hörte man sie im Hintergrund – anders als die Studiogäste war sie zugeschaltet – fragen: „Ey Daniel, was kann ich eigentlich noch sagen?“ Mutmaßlich war die Frage an ihren Sprecher gerichtet; er trägt den entsprechenden Vornamen. Dann wieder wetterte Weidel gegen die anderen Parteien. Während manche AfD-Anhänger im Netz feierten, dass sie wie Trump klinge, kritisierten andere genau das. Der Auftritt sei unsouverän, aggressiv, schnippisch gewesen; so gewinne man im Westen keinen Blumentopf.
Platz drei ist auch eine Niederlage
Nun sind 18,8 Prozent durchaus ein beachtliches Ergebnis. SPD, FDP und Linke können davon nur träumen. Aber gemessen daran, wie die AfD sich selbst sieht, nämlich als Volkspartei, die für die Mehrheit im Land spricht, ist Platz drei eben auch eine Niederlage. In den Wahl-Grafiken steht es schwarz auf weiß: Platz eins für die Grünen, Platz zwei für die CDU. Von den CDU-Wählern ist wiederum die große Mehrheit gegen ein Bündnis mit der AfD. Angesichts der Tatsache, dass allein in Baden-Württemberg fast so viele Menschen leben wie in ganz Ostdeutschland, ein bitterer Befund für die Partei.
Spitzenkandidat Markus Frohnmaier übernahm die Aufgabe, das Ergebnis dennoch wie ein Glanzstück zu feiern. Er hatte am Wahlabend ein freudiges Lächeln aufgesetzt. „Wir haben als AfD das beste Ergebnis eines Westverbands geholt“, sagte er. Es zeige, dass die Bürger keine grüne Politik mehr wollten. „Jetzt muss man in Berlin vielleicht mal nachdenken über die Brandmauer“, so Frohnmaier. Und der baden-württembergische AfD-Landesvorsitzende Emil Sänze analysierte: „Die überwiegende Mehrheit der Baden-Württemberger hat konservativ gewählt.“ Unter konservativ fasst er auch seine Partei. Auch der AfD-Vorsitzende Tino Chrupalla beschrieb das Wahlergebnis als Meilenstein: Man sei jetzt auch in Baden-Württemberg Volkspartei, sagte er am Sonntagabend.
Die Marschrichtung der AfD nach der Landtagswahl ist klar: Man betont die „bürgerlich-konservative“ Mehrheit, die man gemeinsam mit der CDU rechnerisch hätte. Dass der christdemokratische Spitzenkandidat Manuel Hagel eine Zusammenarbeit mit der AfD mehrmals ausgeschlossen hat, auch noch am Wahlabend, wird übergangen. Frohnmaier mutmaßte am Montagvormittag bei der Pressekonferenz sogar, Hagel könnte sich über das Angebot der AfD Gedanken machen, so nachdenklich wie er am Abend gewirkt habe, nachdem seine Wahlniederlage sich abgezeichnet hatte.
Überschaubares Interesse an der Landespolitik
Es wirkte allerdings nicht so, als glaubte Frohnmaier selbst sich sein Gedankenspiel. Es sollte wohl eher den Eindruck erwecken, an der AfD würde eine solche Zusammenarbeit nicht scheitern. Diese Taktik verfolgt die AfD im Kampf gegen die CDU schon länger: Immer wieder streckt sie dieser vermeintlich die Hand aus und signalisiert dann Überraschung, wenn diese nicht ergriffen wird.
Doch Frohnmaiers Wahlkampf strahlte eher die Verbindlichkeit eines Winkens denn die eines Handschlags aus. Er demonstrierte überschaubares Interesse an der Landespolitik – indem er nur als Spitzenkandidat fungierte, sich aber weder als Direktkandidat noch auf der Parteiliste für den Landtag aufstellen ließ. Ein Patriot, der nicht im Parlament des Landes vertreten sein möchte, das er regieren will, mag Demokraten der alten Schule irritieren; inwieweit es dem AfD-Ergebnis schadete, ist schwer zu messen. Doch viele AfD-Wähler entscheiden sich eher aus grundsätzlichen Erwägungen und Impulsen für die Partei, als dass sie das Programm auf Landesebene oder die Person des Spitzenkandidaten beschäftigten.
Das zeigt auch die Tatsache, dass die Debatte um Vetternwirtschaft und Überkreuzbeschäftigungen in mehreren AfD-Landesverbänden Wähler der Partei kaum abschreckte. Frohnmaier selbst war in den Wochen vor der Wahl in den Fokus gerückt. So stellte sich heraus, dass seine Ehefrau in den vergangenen zwölf Monaten bei drei AfD-Bundestagsabgeordneten angestellt war und dass sein Vater für die Bundestagsabgeordnete Diana Zimmer arbeitet – eine enge Vertraute Frohnmaiers und dessen Wahlkampfmanagerin. 29 Prozent der AfD-Wähler stimmten laut einer Befragung von Infratest Dimap jedoch der Aussage zu, dass es sie ärgere, wenn AfD-Politiker Angehörige von Parteifreunden in ihrem Büro beschäftigen.
Auch in der Partei hat Frohnmaier sich Ärger zugezogen: Den einen missfielen seine Russlandkontakte, den anderen – gerade im Osten – sein gerade in den vergangenen Monaten intensiviertes Vernetzen mit der amerikanischen MAGA-Bewegung. Auch in der Endphase des Wahlkampfs war Frohnmaier nochmals in die USA gereist. In der Parteiführung hatte man auf 20 Prozent oder mehr gehofft. Allerdings hatte sich in den vergangenen Wochen schon abgezeichnet, dass es damit wohl nichts würde. Insofern können Weidel und Chrupalla nicht zufrieden sein: Ihre Partei blieb hinter den Möglichkeiten zurück, die sie sich selbst zuschreibt.
