
Die erste Prognose in der ARD sah die Grünen gestern weit vorne. Warum wurde es trotzdem knapp?
Herr Merz, Sie sind Wahlforscher bei Infratest dimap. Gestern lagen in der ersten Prognose Grüne und CDU mehrere Prozentpunkte auseinander, am Ende wurde es deutlich knapper. Wie kam das?
Stefan Merz: Prognosen sind eben Prognosen, die im Wesentlichen auf Umfragen vor den Wahllokalen beruhen. Umfragen haben statistische Schwankungsbreiten und es ist dann eine Frage des Zufalls, ob sich zwei Parteien den Abend über dann aufeinander zu- oder voneinander wegbewegen. Wenn die Parteien aufeinander zugehen, verschwindet ein vermeintlich sicherer Vorsprung schnell. Unsere Prognose lag beim CDU-Ergebnis am Ende 0,7 Prozentpunkte daneben.
Die Grünen hingegen lagen gemäß dem vorläufigen amtlichen Endergebnis 1,8 Prozentpunkte niedriger als zunächst erwartet. Hat das mit dem neuen Wahlrecht in Baden-Württemberg mit Erst- und Zweitstimme zu tun?
Bei den Modellierungen hängt viel mit Rückschlüssen aus der Vergangenheit zusammen. Je mehr Verschiebungen es gibt, umso schwieriger werden die Berechnungen. Das neue Wahlrecht war eine kleine Zusatzherausforderung, aber die Zahlen waren im Rahmen des Erwartbaren.
Wann waren Sie gestern sicher, dass die Grünen vorne liegen?
Eine Restwahrscheinlichkeit besteht, solange sie mathematisch nicht auszuschließen ist. Dass es Bewegungen am Wahlabend gibt, ist nichts Ungewöhnliches. Bei uns ist immer das Problem, dass statistisch sehr gute Arbeit nicht zwingend mit politischer Relevanz zusammenfallen muss. Wenn wir einer Partei 5,0 Prozent prognostizieren und sie landet am Ende bei 4,9 Prozent, ist das statistisch ein winziger Fehler – politisch aber bedeutet das die Welt.
Lässt sich eigentlich sagen, wie die 16- und 17 Jahre alten Wähler gestern abgestimmt haben?
Das ist schwierig, weil in einzelnen Wahllokalen die Fallzahlen sehr klein sind. Deshalb wird das nicht erhoben, damit das Wahlgeheimnis nicht ausgehebelt wird. Wir haben die Erstwähler insgesamt erfasst, da zählen auch junge Erwachsene dazu. Bei denen lagen die Grünen vorne.
