Zuhause ist ein großes Wort. Für die einen sind die gewohnten Mauern ein schützender Ort, für die anderen ein Käfig. Auf dem neuen Album „Nothing’s About to Happen to Me“ der Indie-Künstlerin Mitski ist das verwahrloste Haus eher von letzterer Sorte, in das sich eine Frau mit ihren Katzen zurückzieht. Die elf Songs gleichen unterschiedlichen Räumen in diesem Haus, die sich kaum in eine Genre-Schublade einsortieren lassen und unterschiedliche Facetten von Einsamkeit zeigen: die Flucht vor Interaktionen, die eigene Vernachlässigung oder Formen emotionaler Abhängigkeit in Beziehungen.
Die Bilder, die Mitski durch ihre Musik entstehen lässt, sind so klug wie poetisch. Der erste Song der Platte „In a Lake“ spielt in einem Dorf, wo nur eine Seife verkauft wird und alle Menschen gleich riechen, denen man nahekommt. Der zweite Song verschiebt die Kulisse in die Stadt. Wieder sind es banale, einfache Situationen, die in existentielle Überlegungen übergehen, etwa wenn sich der Verlust des Handys mit dem Verlust der eigenen Identität vermischt und die Frage „Where’s my phone?“ zu „Where’d I go?“ wird. Gerade in dieser entstehenden Paranoia liegt ein surrealer, oft absurder Humor, beispielsweise wenn eine Katze an die Hausfassade pinkelt und Mitski fragt, wem nun das Haus gehört: Der Katze oder noch ihr?
Schnurrende Katzen, seelische Abgründe
Im Laufe des Albums ziehen diese elegischen, originellen Geschichten einen immer mehr in den Bann, wobei Mitski nicht davor zurückscheut, auch die Abgründe einer einsamen Seele zu beschreiben. Ästhetische Referenzen aus der ähnlich düsteren viktorianischen Schauerliteratur liegen augenblicklich nahe. Das mag verstörend sein, wenn sie von Suizid und Kontrollverlust singt, jedoch macht der Kontrast zwischen den romantisch anmutenden Klängen und den pathologischen Themen die Platte nur noch besser. Trost spenden dann höchstens die Katzen, doch ist es vor allem die Musik, die einem sanften Wiegen in den Schlaf ähnelt.
Nach ihrem Tiktok-Erfolg und dem daraus resultierenden Einzug in den Mainstream scheint Mitskis achtes Studioalbum eine Rückkehr zu den Indie-Rock Einflüssen ihrer musikalischen Angänge. Songs wie „Where’s My Phone“ oder „That White Cat“ sind ähnlich rockig wie ihre Lieder aus den 2010ern und steigern sich zu einem lauten Gefühlsausbruch, die den Flow der Platte und mit der Rezeptur vieler Popsongs brechen. Was hier vor allem über die Instrumente funktioniert: das Energetische, das Enthemmte, ebenso wie das Stille und Zögerliche. Mitski hat keine Angst davor, verzerrte E-Gitarren so sehr zu übersteuern, dass ihre quietschenden Töne nicht jedem gefallen und neue Klangexperimente wagen.
Vor allem sind es aber die countryinspirierten Lieder, die zu den Höhepunkten zählen und in direkter Referenz zu ihrem Vorgängeralbum stehen, dessen Titel sich sogar mit „Nothing is about to happen to me“ reimt. Songs wie „Cats“ erinnern in ihrer schwelgerischen Melancholie und den Americana-Bezügen an Lana del Rey. Diese Phase zeichnete sich bereits auf der Platte „The Land is Inhospitable and So Are We“ ab, doch ihre Weiterentwicklung ist kryptischer, erwachsener und morbider, voller mystisch verpackter Geheimnisse: In „Charon’s Obol“ finden sich Referenzen zu griechischer Mythologie, in „Dead Women“ zu Virginia Woolfs Tod.
Kulturkritik verpackt in sanfte Melodien
Vielleicht will die Japanerin gar nicht von allen verstanden werden, oder nur von denjenigen, die genau hinhören. So kann der Song „Dead Women“ als Anspielung auf die Popkultur interpretiert werden, in der Künstlerinnen zu Projektionsflächen werden und die Kontrolle über die erzählten Geschichten verlieren. „Would you have liked me better if I’d died so you could tell my story the way it ought to be?“, fragt Mitski darin, die ihre Fans womöglich auf ähnliche Weise als „Sad Girl“ romantisieren. Es ist ein ehrliches, intimes Album, mit dem sich die Japanerin als eine der wichtigsten zeitgenössischen Indiekünstlerinnen beweist.
Grandios ist die Leadsingle „I’ll change for you.“ Kein Trennungssong von der starken Sorte, sondern eher ein schmerzhaftes, sogar erniedrigendes Eingeständnis in Erinnerung eines Ex-Partners, das die Fünfunddreißigjährige in ihrer fragilen Engelsstimme ausspricht. Inspiriert vom brasilianischen Musikstil des Bossa Nova, gleicht das langsame Schmachten einem betrunkenen Anruf an den Ex, den man am liebsten morgens wieder rückgängig machen würde. Noch glaubwürdiger wird der swingende Loungetrack, weil die Orgel, das Gläserklirren und die warme E-Gitarre an jene Siebzigerballade erinnern, die nachts in einer solchen Bar laufen würde.
Zwischen dichten Zeilen sind wortlose Refrains das klangliche Äquivalent zu der beschriebenen inneren Leere, wie in „That White Cat“ oder „Dead Women“. Vor allem in den Songs, in denen sich die Gefühle nur schwer übersetzen lassen, bleibt es ein rhythmisches Verharren in einer endlosen fast geisterhaften Schleife. Mitskis Singsang gleicht einer solchen Gedankenspirale. Das Motiv des Wartens, der Passivität oder des Gefangenseins zieht sich durch das Konzeptalbum, was bereits im Haus angelegt ist: Wie ein Käfer im Wachs, wie ein ewiges Rückwärtsschwimmen im See, wie ein Kind, das von seinen Eltern abgeholt wird.
Mit diesem Motiv spielt auch der Titel des Albums, „Nothing’s About to Happen to Me“, der die Erwartungen umkehrt und vielleicht eine Warnung in Bezug auf psychische Krankheiten ist: Äußerlich ist der Schmerz nicht sichtbar, weil er im Inneren liegt. Beim Zuhören geschieht die Veränderung.
Mitski: „Nothing’s About to Happen to Me“. Dead Oceans (Cargo)
