Natürlich gibt es einige gut gemachte Talkformate mit phantastischen Gästen, unbequemen Fragen, offensichtlichen Missstimmungen und zur Schau gestellten Eitelkeiten. Aber keines, wirklich keines, war und ist annähernd so gut wie Sara Arslans „Take Me Späti“. Die 28-jährige Tiktokerin, die ursprünglich aus Hamburg stammt und dort Jura studierte, lebt inzwischen in Berlin und lädt dort seit vergangenem Herbst Rapper in Berliner Spätshops ein. Selbst wenn man diese vielleicht nicht kennt, weil man altersmäßig nicht die Zielgruppe ist, ist das, was sie daraus machen, beste Bewegtbildunterhaltung.
Das Konzept erinnert an das „Chicken Shop Date“ der britischen Journalistin Amelia Dimoldenberg. Zwischen Chipsregalen und gefüllten Weingläsern spricht Arslan mit Cro darüber, wie alle Leute zur Hochzeit seiner Schwester nach Bali gejettet sind, „um Jules Bruder mal ohne Maske zu sehen“, mit Sängerin Esther Graf, Model und Social-Media-Star Laura „Abla“ (der Freundin von Barcelona-Star Dani Olmo), Mo Douzi, Alicia Awa oder Ali Bumaye.
Nicht bekannt? Kein Problem. Mitten im Späti, an einem Tisch, der ein fiktives Date initiieren soll, geht es nicht um Trivialitäten oder nette Hochzeitsanekdoten von Stars – sondern vollständig ums Eingemachte. Hinterher hat man ein sehr gutes Bild von den Gästen, am liebsten könnten einige der Folgen zwei Stunden dauern. So gehaltvoll, spannend und lustig ist das, was Sara Arslan ihrem Gegenüber entlockt (und manchmal umgekehrt).
Was bedeutet eigentlich LGBTQI+?
Der Rapper Ali Bumaye, der heute ziemlich erfolgreich auf Twitch unterwegs ist, wird ganz trocken mit der Frage konfrontiert, was die Buchstaben in LGBTQI+ bedeuten. Oder ob er meine, dass Frauenhygieneartikel kostenlos sein müssten. Das Winden um die korrekte und dann noch mal um die politisch korrekte Antwort zu beobachten, ist ein großer Spaß, den es so wirklich länger nicht gab.
In den folgenden 40 Minuten versucht er, sich mit recht viel Charme aus Arslans Fallen zu manövrieren, in denen auch jeder das Wort „Mansplaining“ verstehen lernt, der es vorher nicht kannte oder für ein Gerücht hielt. Am Ende sagt er: „Willst mich canceln und mein Leben zerstören.“ Fazit vom Gespräch: „Du warst jetzt eher so cool und nicht so eine liebe Maus.“
Das will Sara Arslan natürlich auch nicht sein. Sie macht sehr klar, was sie von Typen hält, die ihr mit Schmeicheleien für ihr Äußeres kommen. Dass sie etwa Leute hasst, die ihr DMs schreiben. Oder wie Bumaye selbst sagt: „Ich glaub, einige Dinge müssen wir schneiden, sonst war’s das morgen mit Ali Bumaye!“ Was nicht komplett untertrieben ist.
Sara Arslan: „Findest du, Hygieneartikel für Frauen sollten umsonst sein?“
Ali Bumaye: „Gute Idee eigentlich, wa?“
Ali Bumaye: „Weil viele die nicht so benutzen, oder worauf willst du hinaus jetzt?“
Dabei kommt er nicht unsympathisch rüber. Arslan geht ihre Gäste hart an, lässt sie aber stehen. Am Ende weiß man trotzdem, dass er seine kranke Mutter pflegt und heute noch Ärger bekommt, wenn er sich schlecht zu Leuten verhält. So denkt man sich, wenn das Gespräch vorbei ist: total sympathisch, der Typ. Obwohl er ihr nicht immer erklären müsste, wie man richtige Fragen stellt.
„Jetzt übertreib mal nicht“
Ali Bumaye: „Weißt du, mit wem du Ähnlichkeit hast?“
Ali Bumaye: „Penélope Cruz. Hast du das schon mal gehört?“
Sara Arslan: „Ja. Tatsächlich schon ziemlich oft.“
Sara Arslan: „Manche sagen auch Salma Hayek.“
Ali Bumaye: „Jetzt übertreib mal nicht.“
„Take Me Späti“ ist die beste Unterhaltung für einen verkaterten Sonntag, den man nur übersteht, weil man zum Späti geht. Man lernt dabei so viele großartige Menschen und Macken kennen, so viele tolle Fragen – „Wann schreibst du für dich mal einen Hit?“ –, und am Ende ist man mit dieser Welt sehr versöhnt.
Manchmal ermüdend
Natürlich sind nicht alle Folgen gleich stark. Es schwankt mit den Gästen. Während Cro und Yung Saint Paul sehr, sehr interessant daherkommen, schaffen nicht alle Gäste, dieses Level zu halten. Auch wirkt bei den vielen Rappern das Rollenklischee manchmal zu eintönig: Dort Sara, die klar und provokant nachfragt. Da der Rapper, der die Frage nicht versteht oder nicht weiß, worauf sie hinauswill. Sie können ihr oft nicht das Wasser reichen. Manchmal ermüdet das.
Davon abgesehen würde man sich auch noch mehr von der Moderatorin wünschen, die mit ihrem Privatleben gut haushaltet. Wenig ist bisher über sie bekannt, abgesehen von ihren Formaten auf Tiktok. Dort ist sie mit ihrem Vater zu sehen, der ihre Nabelschnur nach einem alten Brauch an der Hamburger Uni vergraben hat. Damit sie eines Tages dort studiert. Mit ihm lässt sie sich auf ihren Privatkanälen ablichten, wie sie zusammen eine Autowerkstatt besuchen. Und immer dann merkt man, sie wäre auch selbst eine gute Gesprächspartnerin für ihr eigenes Format.
Natürlich funktioniert dieses auch deshalb so gut, weil es eine klassische Verschiebung von Deutungshoheit, von Macht im Rap darstellt: auf der einen Seite die Rapper mit ihren bisweilen sehr problematischen Ansichten über Frauen und Dating (auch wenn sie betonen, das sei alles das Künstler-Ich und nur in den Texten). Auf der anderen Seite die junge Moderatorin, die eindeutig die Hosen anhat und die Gesprächsführung behält, während sie die Männer mit Fragen zu Feminismus und ihren Rollenvorstellungen entwaffnet.
Wenn man dann beim nächsten Mal selbst in der Schlange beim Späti steht, weiß man, was großes Wirken ist: Man vermutet – und das ist Sara Arslans unwiderstehlicher Take –, es könnten überall, an jeder Ecke, wahnsinnig gute Leute sein.
