Herr Kreß, Bad Nauheim eilt mit seiner Wärmeplanung den anderen Kommunen nicht nur in der Wetterau voraus und ist gut zwei Jahre früher fertig als gefordert. Weshalb?
Kreß: Es muss eine Wärmewende geben. Wir wollen sie nicht auf die lange Bank schieben. Die Wärmeplanung fällt zum einen in den Fachbereich Stadtentwicklung, zum anderen müssen Energieversorger mitmachen. Wir haben den Vorzug, über ein eigenes Stadtwerk zu verfügen. Die Wärmeplanung so früh fertig zu haben, entspricht dem Ziel, möglichst früh in den Genuss von Fördermitteln des Bundes, des Landes und der Staatsbank KfW zu kommen. Die Rückmeldungen aus der Bürgerschaft bei mehreren Infoveranstaltungen war überraschend gut. Einerseits. Andererseits fühlen sich Teile der Bevölkerung überfordert.
Wo treffen Sie auf Vorbehalte gegenüber der Wärmewende am Ort?
Kreß: Das betrifft vor allem Menschen außerhalb der von uns bestimmten Eignungsgebiete wie das Grießbreiviertel und das Gebiet um den Sprudelhof, in denen wir Wärmenetze schaffen wollen. Diese Bewohner müssten selbst etwas tun, und wir müssen sie dabei begleiten. Die größte Schwäche ist aus meiner Sicht: Keiner weiß, wer das alles bezahlt.
Noch eine Frage grundsätzlicher Natur: Wie verbindlich ist der kommunale Wärmeplan, und was folgt aus ihm?
Kreß: Wir wollen die Wärmewende nicht nur auf dem Papier haben. Aber um ehrlich zu sein: Ein Stück Unverbindlichkeit ist mit dem Plan schon verbunden. Denn über allem steht eben die Frage der Wirtschaftlichkeit. Wir können die notwendige Finanzkraft als Stadt nicht alleine entwickeln, auch nicht mit den Stadtwerken. Wir brauchen Partner und eine gigantische Summe an Fördermitteln, die noch nicht zu beziffern ist.

Es folgt keine Rechtsverbindlichkeit für den einzelnen Hausbesitzer, sondern mehr ein Wünsch-dir-was der Kommune und eine Leitlinie?
Reichel: Es gibt einen Punkt, den wir als Kommune schon erreichen müssen. Bis 2030 müssen 30 Prozent der Energie in Wärmenetzen aus erneuerbaren Quellen kommen. Daran müssen wir uns als Versorger auch halten, und das strahlt auf unsere Kunden aus. Das gilt etwa für die Transformationsgebiete Kaiserberg und Goldstein. Im Kaiserberg-Quartier wollen wir eine Großwärmepumpe einrichten, dort gibt es gut 220 Liegenschaften. Die Pflicht trifft den Versorger, aber die damit verbundenen Investitionen müssen auf die Kunden umgelegt werden. Das heißt, wir müssen die Wärmelieferverträge mit unseren Kunden irgendwann anpassen.
Wie sieht es mit anderen Vierteln aus, die kein Eignungsgebiet sind?
Reichel: Zunächst, und das ist für uns als Versorger ganz wichtig: Die Wärmeplanung hat uns gezeigt, welche Quartiere für Wärmenetze nicht geeignet sind. In diesen Fällen haben wir Klarheit: Einzige Alternative zur alten Gasheizung ist nach dem Stand der Dinge eine Wärmepumpe. Und von rund 10.000 Gebäuden in der Stadt kommen 8000 nicht für Wärmenetze infrage. Wenn wir bis 2045 in Bad Nauheim klimaneutral heizen wollen, müssen 300 Heizungen im Jahr auf die Wärmepumpe umgestellt werden, und der Strom muss aus erneuerbaren Quellen kommen. Private Anbieter werben schon massiv für Wärmepumpen in Verbindung mit Solaranlagen. In diesen Markt müssen wir als Stadtwerke hinein.

Heinzel: Wir haben uns als Stadt schon in der Vergangenheit mit der künftigen Energieversorgung in einzelnen Quartieren beschäftigt. Etwa für das Wohngebiet Bad Nauheim Süd, wo wir ein Versorgungsnetz dank „kalter Nahwärme“ verwirklicht haben. Dank der Wärmeplanung haben wir dieses Thema aber nun auf einen Schlag für die gesamte Stadt bearbeiten und klären können. Das ist eine gute Grundlage für künftige Planungsprozesse.
Reichel: Wir wissen nun um die Potentiale, und die werden sich nicht ändern.
Was sagen Menschen aus den Quartieren, für die keine Wärmenetze vorgesehen sind oder es keine Großwärmepumpe der Stadtwerke geben soll?
Kreß: Da sind die Rückmeldungen unterschiedlich. Die einen bedanken sich, nun Klarheit zu haben. Andere, und das sind vor allem ältere Bewohner, die wissen wollen, ob sie umrüsten müssen, haben Furcht vor hohen Kosten. Und unsere Auskunft, sie seien nicht verpflichtet, hat viele erleichtert. Diese Leute informieren sich auch nicht weiter. Sie sagen vielmehr: Darum sollen sich die Erben oder die Käufer unseres Hauses zu gegebener Zeit kümmern.
Heinzel: Manche sagten, es wäre doch schön, wenn wir auch in einem Eignungsgebiet lägen. In diesem Fall müssten sie sich nicht selbst kümmern und bekämen von der Stadt und den Stadtwerken eine Lösung präsentiert.
Reichel: In diesen Fällen gehen wir als Stadtwerke jetzt in die Beratung, was möglich und sinnvoll ist, um privat umzurüsten. Das ist schon eine große Umstellung für ein Stadtwerk. 52 Prozent unseres Umsatzes beruht noch auf dem Vertrieb von Gas. Dieser Anteil wird nach dem Stand der Dinge schrittweise wegfallen, und den müssen wir ersetzen. Zu diesem Zweck positionieren wir uns als Energiedienstleister. Wir sagen den Hausbesitzern, ob ihr Dach eine Solaranlage trägt, die Strom für die Wärmepumpe liefert, ergänzt durch ein Energie-Managementsystem für das Eigenheim, das die Wallbox für das Elektroauto einschließt. Wir wollen alles einer Hand anbieten. Allerdings bedeutet dies alles auch eine Ertüchtigung des gesamten Stromnetzes. Hierzu legen die Stadtwerke zusammen mit der Technischen Hochschule Mittelhessen im Rahmen einer digitalen Zielnetzplanung aktuell die Grundlagen.

In Bad Nauheim sprudelt 34 Grad warme Sole als Wärmequelle weitgehend ungenutzt aus dem Boden, das soll sich ändern. Welche anderen erneuerbaren Quellen wollen Sie anzapfen?
Reichel: Die Kläranlage. Für die Salus Kliniken nutzen wir schon Abwärme daraus. Über die Sole als natürliche Wärmequelle haben wir jahrzehntelang nicht geredet, weil die Notwendigkeit nicht da war. Mittlerweile ist Dynamik in der Sache, und zwar auch mit Blick auf die Versorgungssicherheit. Spätestens auf den zweiten Blick begreift jeder, dass auch Flüssiggas aus den USA im Zweifel auch keine sichere Lösung ist. Da wird das Thema Unabhängigkeit plötzlich ganz anders beurteilt.
Kreß: Das gilt zum Beispiel für die kalte Nahwärme in dem kleinen Baugebiet in Rödgen. Da gab es anfangs schon eine Reihe von Gegenstimmen und Bedenken. Mittlerweile sind die Rückmeldungen total positiv. Die Leute merken und sagen: Wir sind autark und total unabhängig von Gas oder Öl und auch von großen Wärmenetzen.
Reichel: Und die spannende Frage lautet: Was wollen die Anlieger etwa im Grießbreiviertel für diese Form der Unabhängigkeit künftig ausgeben?
Kreß: Viele Mieter unserer Wohnungsbaugesellschaft interessieren sich aber vor allem für die Frage, ob sie sich künftig die Wohnung noch leisten können. Unabhängigkeit kommt danach. Das gilt besonders für alte Mieter.
Nun steigt der CO₂-Preis, um den Verbrauch an fossilen Energien zu senken, weiter. Dadurch verteuern sich Gas und Öl. Ist das nicht ein gutes Verkaufsargument in Sachen Wärmenetze und Wärmepumpe?
Kreß: Das kommt auf das Alter der Mieter und Hausbesitzer an. Bei Menschen über 80 und solchen mit schmalem Geldbeutel zieht das Argument nicht. Ansonsten ist es in der Tat ein gutes Argument.
Reichel: Nicht nur der CO₂-Preis steigt, auch die Netzentgelte gehen nach oben und die Gaspreise gleich mit. Denn: Auch wenn weniger Kunden am Gas hängen, müssen die Netze ja unterhalten werden. Das haben viele Verbraucher noch gar nicht vor Augen. Aus meiner Sicht wird dieses Thema die CO₂-Preise sogar noch überlagern. Und die Frage der Versorgungssicherheit mit Gas kommt obendrauf.
