Das Szenario könnte idyllischer kaum sein. Ein sonniger Nachmittag in Paris, 18 Grad, und gut gekleidete Menschen strömen vom Place de la Concorde in den Jardin des Tuileries. Dior präsentiert am zweiten Tag der Prêt-à-porter-Woche die Kollektion für Herbst und Winter. Vermutlich konnte Kreativdirektor Jonathan Anderson, aufgewachsen in Nordirland, nicht glauben, dass es nach einem harten Winter, der gerade eben noch Schneemassen durch Europa peitschte, an diesem Märztag sommerliche Temperaturen geben könnte.
Die Zuschauerplätze rund um das Bassin Octogonal hat er vorsichtshalber mit einem Glasgerüst überdachen lassen. Aber am Himmel ist keine einzige Wolke zu sehen, kein einziger Regentropfen fällt auf die künstlichen Seerosen, die in aller Ruhe auf grünen Blättern im Wasser schweben, während die Models über einen quergelegten Laufsteg defilieren.

Die Inspiration für Andersons zweite Prêt-à-porter-Kollektion für Dior ist der Flaneur, der sich durch den berühmten Tuileriengarten treiben lässt, seit ihn 1564 Katharina von Medici hat anlegen lassen und er 1664 von Ludwig XIV. neu gestaltet wurde. Damals gab es einen strikten Dresscode, was beim Promenieren im Park zu tragen ist. Das ist heute nicht mehr so, aber immer noch geht es ums Sehen und Gesehenwerden. Als Zugereister habe er auf Paris den Blick eines Touristen, der durch Paris flaniere, erzählt Anderson in einem Video mit der Modedesignerin und Podcasterin Bella Freud, das kurz vor der Show im Netz zu sehen ist, während beide auf grünen Metallstühlen im Park sitzen und im Hintergrund die Vögel zwitschern.
Der Dresscode der Models als moderne Flaneure an diesem Nachmittag lautet eklektisch. Das Rüschenkleid der Belle Époque wird zum Minirock mit schwungvoller Schleppe verkürzt, die berühmte Barjacke von Dior mit Rüschenvolants unterfüttert und Brokatjacken warten mit schwungvollen Schößchen auf. Das wirkt heiter und beschwingt, fast frühlingshaft, wenn man die Blumenmotive betrachtet, die sich in den Drucken oder übergroß auf Broschen und grünen High Heels wiederfinden und die als Weiterführung der Haute-Couture-Kollektion vom Januar zu verstehen sind.

Für Anderson, der in seiner Mode gerne mit der Überwindung der Geschlechtergrenzen experimentiert, ist es eine bemerkenswert feminine Kollektion. Vielleicht macht er der Idylle deshalb an manchen Stellen einen Strich durch die Rechnung und präsentiert mit maskulinen Karokleidern oder dekonstruierten Spitzenkleidern irritierende Kontrapunkte.
Das Spiel mit Volumen bestimmt viele Kollektionen bei der Modewoche, die noch bis zum Dienstag nächster Woche läuft – übergroße Fake-Fur-Jacken bei Saint Laurent oder Abendkleider mit riesigen Rosenblüten bei Kilian Kerner. Der deutsche Designer feierte am Dienstag sein Debüt in Paris, und zwar gleich an einem spektakulären Ort, der Opéra Garnier. Die Theatralik seiner Entwürfe fügte sich perfekt in das Szenario aus Marmorsäulen und Deckenmalereien ein. Schon jetzt ist klar: Der nächste Winter wird dramatisch. Für Flaneure und alle anderen, die gesehen werden wollen.
