
Der Streit mit der amerikanischen Regierung hat dem auf Künstliche Intelligenz spezialisierten Unternehmen Anthropic offenbar einen Popularitätsschub beschert. Der Rivale Open AI, der inmitten dieser Auseinandersetzung ein Abkommen mit der Regierung schloss, ist derweil in Erklärungsnot geraten. Anthropics KI-Programm Claude ist im App Store von Apple zur am meisten heruntergeladenen Gratis-App aufgestiegen und hat damit erstmals ChatGPT von Open AI hinter sich gelassen. In sozialen Medien bekundeten viele Nutzer, von ChatGPT auf Claude gewechselt zu sein. Popstar Katy Perry schrieb, sie habe ein kostenpflichtiges Abonnement für Claude abgeschlossen. Anthropic sprach von „noch nie dagewesener Nachfrage“. Claude fiel für manche Nutzer sogar kurzzeitig aus, weil das Interesse zu groß war.
Derweil gab Sam Altman, der Vorstandsvorsitzende von Open AI, Fehler im Umgang mit der Regierung zu. Auf der Plattform X nannte er es „falsch“, nur kurz nach der Eskalation im Streit zwischen Anthropic und der Regierung am vergangenen Freitag selbst eine Vereinbarung mit dem Verteidigungsministerium präsentiert zu haben. Dies habe Open AI „opportunistisch und schlampig“ aussehen lassen, sagte Altman. Er kündigte eine Modifizierung des Abkommens mit dem Pentagon an, die nach seiner Darstellung die Verwendung der Technologien von Open AI für die Überwachung von Amerikanern verhindern soll.
Streitpunkt: Inländische Überwachung und autonome Waffensysteme
Der Streit mit Anthropic dreht sich um die Frage, wofür die Regierung KI-Modelle einsetzen darf. Anthropic hatte in Verhandlungen mit dem Pentagon auf zwei Einschränkungen bestanden. Demnach darf Claude nicht zur Massenüberwachung von Amerikanern oder zur Entwicklung vollständig autonomer Waffensysteme verwendet werden. Die Regierung wollte aber durchsetzen, Claude für „alle rechtmäßigen Zwecke“ einsetzen zu dürfen. Verteidigungsminister Pete Hegseth setzte Anthropic eine Frist bis vergangenen Freitag, um die Restriktionen zu lockern. Die beiden Seiten kamen aber zu keiner Einigung. Am Freitag gab dann zunächst der Präsident Donald Trump eine Anweisung an alle Bundesbehörden bekannt, ihre Arbeit mit Anthropics KI-Technologien einzustellen. Hegseth setzte das Unternehmen auf eine schwarze Liste und erklärte es zum Risiko für die nationale Sicherheit. Das bedeutet nach seiner Darstellung, dass Vertragspartner des Pentagons keine Geschäfte mehr mit Anthropic machen dürfen. Diese Sanktion wurde noch nie gegen ein amerikanisches Unternehmen verhängt.
Nur wenige Stunden nach der Eskalation um Anthropic hatte Altman bekannt gegeben, dass Open AI eine Vereinbarung mit dem Pentagon geschlossen habe. Dies sorgte für einige Verwirrung, zumal die von Altman beschriebenen Konditionen des Abkommens den von Anthropic geforderten Restriktionen zu ähneln schienen. Altman stellte Verbote des Einsatzes von KI-Systemen für inländische Massenüberwachung und für autonome Waffensysteme als „zwei unserer wichtigsten Sicherheitsprinzipien“ dar. Er sagte, das Pentagon stimme mit diesen Prinzipien überein und habe sie zu einem Teil der Vereinbarung machen lassen. Andererseits steht in dem Vertrag aber auch, dass das Pentagon die Technologien von Open AI „für alle rechtmäßigen Zwecke“ nutzen dürfe. Gegen diese Klausel hatte sich Anthropic gewehrt. Viele Beobachter meinen, dass das Abkommen mit Open AI dem Pentagon mehr Freiheiten gebe, als dies Anthropics Konditionen erlaubt hätten.
Viel Zuspruch für Anthropic – Kritik an Open AI
Anthropic wurde für seine Haltung von manchen Vertretern der Technologiebranche wie Elon Musk kritisiert, bekam aber auch viel Zuspruch. Mehrere Hundert Mitarbeiter von Google und Open AI bekundeten in einem offenen Brief ihre Solidarität mit Anthropic und forderten ihre Unternehmensführungen auf, den Konditionen des Pentagons nicht zuzustimmen. Eine Gruppe von Aktivisten schrieb am Montag vor der Anthropic-Zentrale in San Francisco mit Kreide ermutigende Botschaften wie „Danke“, „Wir sind mit Euch“ oder „Gott liebt Anthropic“. Vor der Zentrale von Open AI wurden weitaus weniger freundliche Sätze in Kreide geschrieben, etwa „Können wir Open AI vertrauen?“ oder „Vielleicht ist es Zeit, zu kündigen“.
Altman gab jetzt zu, dass Open AI das Abkommen mit dem Pentagon „übereilt“ geschlossen habe. Dies sei in einem „aufrichtigen“ Versuch geschehen, „die Dinge zu eskalieren“. Für ihn sei das eine „gute Lernerfahrung“ gewesen. Auf eine entsprechende Frage eines Nutzers auf der Plattform X schrieb Altman zudem, er sei nicht glücklich darüber, dass Claude ChatGPT im App Store überholt habe. Der Vertrag mit dem Pentagon ist nun nach seinen Worten um eine Klausel erweitert worden, dass das KI-System von Open AI „nicht absichtlich für die inländische Überwachung von US-Personen“ genutzt werden darf. Das Pentagon habe zugesichert, dass die Technologie nicht von seinen Geheimdiensten wie der National Security Agency eingesetzt werde.
Anthropic-KI Claude wird von US-Militär genutzt
Anthropic war bis vor Kurzem der einzige Partner des Pentagons, dessen KI-Modelle für geheimhaltungsbedürftige Zwecke verwendet werden konnten. Wie das „Wall Street Journal“ berichtete, kam Claude noch am Wochenende bei den Angriffen der USA im Iran zum Einsatz. Auch bei der jüngsten Intervention der Amerikaner in Venezuela, die zur Gefangennahme des Machthabers Nicolás Maduro führte, soll Claude eine Rolle gespielt haben. Vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass künftig auch Musks Unternehmen X.AI geheimhaltungsbedürftige Aufgaben übernehmen kann. Open AI kommt nun als weiterer Partner auf dieser Geheimhaltungsebene hinzu.
