Tu felix Britannia! Seit Kurzem gibt es die Website „badancient.com“, auf der falsche Behauptungen über die antike Welt überprüft und widerlegt werden. Wurde der „römische Gruß“ tatsächlich von den Römern praktiziert? Nein, die Rezeptions- ist eine Erfindungsspur, von Davids Historiengemälde „Der Schwur der Horatier“ über den faschistischen und den „deutschen“ Gruß hin zur viel diskutierten und perhorreszierten Geste von Elon Musk. Hat Iulius Caesar die Bibliothek von Alexandria niedergebrannt? War die „krypteia“ eine Geheimpolizei der Spartaner?
Bislang gibt es knapp sechzig einfache Fragen und ausführliche Antworten, Aufklärung im guten Sinn. Auch Josephine Quinn, die kürzlich das Konzept der antiken Ursprünge „des Westens“ gegen den Strich zu bürsten unternahm, wirkt an dem Unternehmen mit, dessen ausdrückliche Voraussetzung lautet: Wir sind von der Alten Welt umgeben! Sie wird benutzt und missbraucht, um uns Dinge zu verkaufen, uns von Dingen zu überzeugen, uns Dinge über uns selbst und die uns umgebende Welt glauben zu machen. Hier scheint es also noch zu existieren, das fest gefügte, zugleich reduktionistische Bild einer kulturell einheitlichen griechisch-römischen Antike, machtzentriert, mit Zentrum-Peripherie-Gefälle, logozentrisch, männlich, weiß und was der schrecklichen Dinge mehr sind.
Owen Rees untersucht die „Geschichten ganz normaler Menschen“
Trifft die Voraussetzung zu, stößt man also nicht in ein Vakuum des Nicht-mehr-Wissens, sondern auf Bastionen des Obsoleten, dann lohnt es sich selbstverständlich, die antike Welt ganz anders zu erzählen. Owen Rees, ein jüngerer britischer Althistoriker und leitender Betreuer der erwähnten Website, nutzt in diesem Sinne die Chance der Buchlänge, um über den punktuellen Faktencheck hinauszugehen. Doch auch in der Monographie wählt er die Vignettenstruktur, um kaleidoskopartig insgesamt dreizehn Orte aufzusuchen und sie für seine Agenda zu beleuchten.

Der eine große chronologische Bogenschlag, die Meistererzählung von den Anfängen der griechischen Polis (oder gar dem Alten Orient) bis zur Blütezeit und den Transformationen des Römischen Reiches, einst in den Ein- und Zweibändern von Gelehrten wie Rostovtzeff, Taeger, Dahlheim oder Lane Fox manifestiert, gilt inzwischen wohl als obsolet – zu viel Sinnstiftung und Gewissheit, zu wenig Offenheit und Staunen.
Doch einen roten Faden, eine leitende Idee gibt es selbstverständlich auch bei Rees. Die antike Welt soll als globale Lebenswelt betrachtet werden; der Akzent liegt dabei auf ihren Grenzregionen, weil dort „kulturelle Begegnungen und Austausch am häufigsten stattfanden“, sowie auf den „Geschichten ganz normaler Menschen“.
Nun lebten auch in multiethnischen und multireligiösen Metropolen der Antike wie Alexandria oder Rom zur Kaiserzeit viele einfache Menschen jenseits der Oberschichten, doch Rees möchte unter anderem zeigen, dass bereits die Rede von der Peripherie ein falsches Bild erzeugt. Sein Zugriff hat den Vorteil, dass er mit detektivischem Spürsinn und einiger historischer Phantasie sperrige Überlieferungsbestände, in erster Linie archäologische Befunde, ergänzt durch primäre Schriftzeugnisse wie Inschriften und Papyri, zum Sprechen bringen kann. Seien diese doch näher an der Wirklichkeit als die stilisierten und von elitären Vorurteilen gegen „Barbaren“ geprägten Werke der hohen Literatur. Selbst fachkundige Leser werden so auf aktuelle Spezialforschung gestoßen, die ansonsten kaum je ins Blickfeld getreten wäre.
Trotzdem war den sozialen Hierarchien nicht zu entkommen
Anfang und Ende der Reiseroute bilden nicht zufällig Orte, die räumlich weit von der gängigen antiken Welt entfernt liegen. Am Turkana-See im heutigen Kenia waren es Hirtennomaden, die ohne erkennbare Machtbildung und soziale Hierarchie monumentale Strukturen schufen und sich der Landwirtschaft zuwandten, ihre Wanderweidewirtschaft jedoch nicht aufgaben.
Doch schon das, was Rees über die Lebenswelt von den Örtlichkeiten am zweiten Nilkatarakt im heutigen Sudan zu berichten weiß, bestätigt letztlich das alte Bild der frühen Hochkulturen: Mochte die nubische Küche in ägyptische Haushalte der Region Einzug halten und mochte es auch zur Vermischung religiöser Praktiken gekommen sein – den Machtzyklen zwischen einer starken, ethnozentrischen Zentralgewalt und anpassungsfähigen Peripherien war schon zu altägyptischen Zeiten nicht zu entkommen.
Sie bildeten, wie jüngst Raimund Schulz gezeigt hat, eine der leitenden Konstanten der frühen eurasischen Welt. Auch die prekäre Lage eines prominent dokumentierten Ortes wie Megiddo im heutigen Israel, zeitweilig Zentrum einer kanaanitischen Machtbildung, fügt sich in das längst nicht mehr neue Bild bronzezeitlichen Lebens, das nicht abgeschlossen, sondern mit einer viel größeren Welt verbunden war.
Schied der Hadrianswall wirklich Ordnung von Chaos?
Andere Stationen erscheinen noch geläufiger. Rees wählt Olbia in der Ukraine, Naukratis in Ägypten und Massalia, das heutige Marseille, und entwickelt aus der Schilderung treffende Beobachtungen. So durchlaufen Gruppen, die in neue Gebiete migrieren, zwei scheinbar gegensätzliche Prozesse gleichzeitig: Einerseits nehmen sie lokale Bräuche an und orientieren sich an ihrer neuen Umgebung, während sie gleichzeitig eine dezidierte, womöglich zuvor gar nicht so bewusste ethnische Identität stabilisieren, indem sie an alten Traditionen festhalten oder diese neu erfinden.

Methodisch sensibel fragt Rees, was mit dem Passepartout „kultureller Einfluss“ eigentlich gemeint sei, und gegen Josephine Quinns unvollständige Genealogien hält er fest: „Die dorischen Säulen mögen ägyptisch anmuten, aber der Parthenon im Athen des 5. Jahrhunderts wirkt doch eindeutig griechisch.“ Entscheidend ist, wie sich Übernommenes weiterentwickelt.
Der Hadrianswall darf in einem in England publizierten Buch selbstverständlich nicht fehlen. Er gab dem in der Antike relativ rezenten Konzept einer festen Grenze als Scheidelinie zwischen Ordnung und Chaos sichtbaren Ausdruck, auch wenn die Lebenswelt diesseits und jenseits natürlich viel unübersichtlicher war (wunderbar der Passus über die Langeweile beim Militär!).
Bei Taxila in Pakistan ist der Konnex zur erweiterten Mittelmeerwelt durch Alexander und die imperialen Bemühungen seiner Nachfolger noch erkennbar, im Fall von Co Loa in Vietnam ist der Verbindungsfaden schon dünn. Immerhin wird an diesem Beispiel noch einmal deutlich, wie der Handel tatsächlich alle Grenzen überwindet und Menschen weite Wege zurücklegen lässt – der Fund von Überresten zweier ostasiatischer Männer, die ins London der römischen Kaiserzeit gelangten, ist nicht gerade alltäglich. Aber was besagt er? Wirtschaftsmigration? Sklavenhandel?
Das wuselnde, vielfältige, lebenskräftige Treiben konkreter Menschen in ihren komplexen, uneindeutigen Lebenswelten ist ein legitimer Gegenstand historischen Interesses. Sie aufzusuchen mag auch optimistisch stimmen, ergeben sich doch „ähnliche Geschichten wie unsere eigene, Geschichten, die die Beharrlichkeit, den Erfindungs- und Einfallsreichtum der Menschen unterstreichen“. Von den großen Fragen nach Macht und politischer Organisation erlösen sie uns freilich nicht.
Owen Rees: „Eine unerzählte Geschichte der Antike“. Auf den Spuren vergessener Orte – von Britannia bis Vietnam. Aus dem Englischen von Karin Schuler. Aufbau Verlag, Berlin 2025. 411 S., Abb., geb., 30,– €.
