
Wo Leon Goretzka, 31, von der nächsten Saison an Fußball spielen wird, ist noch nicht bekannt. Einige Spuren weisen nach Italien, andere nach England. Man wird sehen. Was man jedenfalls mit Gewissheit sagen kann: Dass Goretzka praktisch keine Spuren hinterlassen hat, als am Samstag im Dortmunder Stadion Fußball gespielt wurde, der sogenannte Klassiker, der gemeinhin auch als Statement zur Lage der Fußballnation gelesen wurde.
Da bestand Goretzkas Beitrag darin, in der zweiten Minute der Nachspielzeit für Joshua Kimmich eingewechselt zu werden, jenen Mann, der nicht nur aus Sicht des Dortmunder Trainers den Unterschied gemacht und auf der „Sechser“-Position im Zentrum Weltklasse verkörpert hatte. Das brachte noch einmal Goretzkas Situation im Verein auf den Punkt: Für die Bayern, die seinen Vertrag nicht mehr verlängert haben, ist er zwar gut genug, um ein paar Minuten von der Uhr zu nehmen. Aber eigentlich ist seine Zeit bei der besten deutschen Fußballmannschaft abgelaufen.
Gibt es keinen zweikampfstarken Sechser?
In der Auswahl der besten deutschen Fußballspieler sieht die Lage hingegen anders aus. „Stand jetzt wird Leon Goretzka, trotz weniger Spielzeit bei Bayern, gute Chancen haben, zu spielen und eine ähnliche Rolle zu haben wie in der WM-Quali“, sagte Julian Nagelsmann in seinem Interview zur Lage der (Fußball-)Nation, das an diesem Montag im „Kicker“ erschien. Man sollte zwar nicht für ausgeschlossen halten, dass der Bundestrainer damit indirekt auch andere Adressaten meinte, denen er Beine machen will (zumal es in seinem Team auch einige gibt, denen er das direkt sagen wollte).
Aber so wie er insgesamt sprach, ist es ihm schon ernst mit seiner Antwort auf die seit der Heim-EM 2024 ungeklärte Zentrumsfrage: mit Goretzka nicht nur in einer festen, sondern auch in einer tragenden Rolle, als offensiver von zwei „Sechsern“, im Zusammenspiel womöglich mit seinem Münchner Kollegen Aleksandar Pavlovic.
Die Spurensuche, wie das zusammenpasst, die Geschichte vom Bayern-Goretzka und die vom Bundes-Goretzka, beginnt mit einer Vermisstenanzeige, die Nagelsmann selbst im „Kicker“ aufgab: „Einen richtig stabilen, zweikampfstarken Sechser – auch in der Luft“, den gebe es in Deutschland nicht, sagte er. Er habe zwar elf Sechser auf seiner Liste, „alles Weltklasse-Fußballer“, wie er behauptete, aber: „Alle mit einer ähnlichen Grundstruktur.“ Spieler, die vor allem mit dem Ball etwas anfangen wollten und nicht so gern „gegen“ ihn arbeiteten, wie es oft heißt. Und die einen Nebenmann bräuchten, mit dem sie sich abstimmen, um ein funktionales Paar zu bilden. Neben Pascal Groß, Angelo Stiller, Felix Nmecha, Robert Andrich und Pavlovic nannte Nagelsmann auch jenen Kimmich, der im Verein Weltklasse im Zentrum verkörpert, im Nationalteam aber Rechtsverteidiger spielt: „Dabei bleibt es“, versicherte Nagelsmann im „Kicker“.
Dass Nagelsmann nicht einfach das Bayern-Modell kopiert, mit Kimmich und Pavlovic, wird gemeinhin darauf zurückgeführt (auch von ihm selbst), dass er sonst für die Position rechts hinten eine Vermisstenanzeige aufgeben müsste. Es ist aber auch so, dass man in einer Mannschaft, die einen Harry Kane hat, im Zentrum ein bisschen anders Fußball spielen (und gegen den Ball arbeiten) kann, als wenn man hoffen muss, dass Nick Woltemade, Tim Kleindienst oder Niclas Füllkrug in Form oder überhaupt erst mal gesund sind. Optimistischer, könnte man sagen, weil dann manches defensive Defizit, wie auch bei Kimmich hin und wieder zu sehen, nicht so sehr ins Gewicht fällt.
Nagelsmanns Risiko
Dafür, dass Nagelsmann auf seiner Suche nach Halt bei Goretzka hängen bleibt, gibt es ein paar gute Argumente. Der gebürtige Bochumer und frühere Schalker hat sich über die Jahre einen regelrechten Panzer zugelegt, nicht nur was Muskelmasse angeht, sondern auch in Sachen (mentaler) Resilienz. Nagelsmann war beeindruckt davon, wie Goretzka mit Rückschlägen umgegangen ist, im Verein, aber auch bei der Nationalmannschaft. Und anders als bei vielen anderen definiert sich sein Figurenwert auf dem Brett kaum in Abhängigkeit von den Kollegen um ihn herum: Goretzka steht für sich, bei ihm weiß man, was man bekommt.
Es wäre insofern eine späte, aber schöne Pointe, wenn der Rollenkonflikt, der Goretzka durch seine Turniergeschichte mit dem Nationalteam begleitet, sich nun auflösen ließe. Zur Erinnerung: Das Aus bei der WM 2022 hatte mit Hansi Flicks Versäumnis zu tun, die Rollen zwischen Goretzka und Ilkay Gündogan zu klären. Und vor der Heim-EM 2024 verzichtete Nagelsmann ganz auf ihn, weil er glaubte, dass Goretzkas Anspruch nicht mit einer Nebenrolle zu vereinbaren sei. Dass er nun voll auf ihn baut, ist insofern noch mal eine Geschichte in der Geschichte.
Zu der allerdings bis auf Weiteres auch der Zweifel gehört. Weil noch nicht gesagt ist, dass Goretzka diese Resilienz auf höchstem Niveau verkörpert. Und weil man beim Blick auf die Entwicklung seit der EM 2024 manchmal den Eindruck haben konnte, dass Goretzkas gelungenes Comeback vor einem Jahr die Suche nach anderen Lösungen behinderte. Sollte es die deutsche Mannschaft bei dieser WM nicht so weit tragen wie erhofft, wird die Spurensuche womöglich hier beginnen.
