Herr Milani, vor zwei Wochen schlossen die Basarhändler in Iran aus Protest ihre Läden. Hat Sie das überrascht?
Das Ausmaß hat mich überrascht, aber nicht, dass es überhaupt zu einem Streik kam. Jeder, der sich mit Iran beschäftigt, weiß: Die Wirtschaft steckt in einer tiefen Krise. Dass gerade die Basarhändler streiken, hat das iranische Regime aber geschockt.
Weil die sogenannten Bazaris immer zu den treuesten Anhängern des Regimes zählten. Wenn der Basar in der iranischen Geschichte schloss, war das immer ein Wendepunkt in der Geschichte des Iran – so auch 1979, als die Basarhändler mit ihren Streiks entscheidend zum Sturz des letzten Schahs beitrugen.
Und damit den Aufstieg des islamischen Regimes ermöglichten.
Genau. Sie waren damals die wichtigste Finanzquelle des Regimes. Das hat sich heute zwar verändert, aber: Das Schließen des Basars war immer ein sehr ernstes Signal – ein Zeichen für Widerstand. Das ist es bis heute.
Mittlerweile gehen im ganzen Iran Menschen auf die Straße.
Und trotzdem tat das Regime zunächst so, als ginge die Bewegung ausschließlich von den Basarhändlern aus. Das ist falsch. Sehen Sie sich Bilder aus Teheran, Qeschm oder Schiras an– sogar in kleinen Städten wird protestiert. Und es stimmt zwar, dass die Bazaris wirtschaftliche Interessen haben, aber sie haben längst auch kulturelle. Sie sehen, wie ihre Töchter von Polizei und Schlägern dieses Regimes misshandelt werden. Und sie sehen, wie ihre Familien sich vom Islam entfremden.
Wie entfremdet ist die iranische Bevölkerung denn insgesamt vom Regime?
Die iranische Jugend – allen voran die Frauen – hat dieses Regime längst hinter sich gelassen. Sie leben ein anderes, modernes Leben. Die iranischen Frauen haben die erfolgreichste Bewegung zivilen Ungehorsams seit der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung geschaffen.
Sie sprechen von den „Frauen, Leben, Freiheit“-Protesten im Jahr 2022.
Indem die Frauen ihr Kopftuch abnahmen, haben sie die Herrschaft des Terrors gebrochen. Und erstmals standen Männer dabei an ihrer Seite. Die Studie des niederländischen Forschungsinstituts Gamaan zeigt, dass nur rund zehn Prozent der Iraner das Regime unterstützen. Nur zehn Prozent! Neunzig Prozent der Bevölkerung wollen dieses Regime nicht mehr.
Lassen Sie uns noch mal auf den Ausgangspunkt der Proteste schauen: die Wirtschaft. Auf den ersten Blick hat der Iran vieles, was eine florierende Wirtschaft braucht . . .
Richtig! Wir haben Öl, wir haben Gas. Die iranische Bevölkerung ist überdurchschnittlich gebildet, technologieaffin und weltoffen. Der Iran könnte ein zweites Singapur sein.
Warum steckt das Land dann in so einer schweren Krise?
Das fragen sich auch viele Iraner. Die Wahrheit ist, das Regime hat in vier Jahrzehnten Korruption und Vetternwirtschaft kultiviert. Heute wird die Wirtschaft von räuberischen Konzernen beherrscht, die eng verbunden sind mit den Geistlichen und der Revolutionsgarde . . .
. . . die Eliteeinheit der Streitkräfte, die direkt dem religiösen Führer Ali Khamenei untersteht. Sie betreiben zudem Wirtschaftsunternehmen.
Genau. Die Revolutionsgarden verfügen etwa über eigene Hafenanlagen, über die sie Waren ohne staatliche Kontrolle importieren und damit Milliarden verdienen. Die iranische Wirtschaft vereint also die schlechtesten Elemente eines korrupten sozialistischen Systems mit den schlechtesten eines hemmungslos kapitalistischen Systems, das zerstört die gesamte Wirtschaft. Und wenn man dann noch Sanktionen hinzufügt, wird eine bereits zerstörte Wirtschaft vollends zugrunde gerichtet.
Aber haben die Sanktionen nicht auch ihren Teil zur schlechten wirtschaftlichen Lage beigetragen?
Das Regime selbst und seine Apologeten – ob in den USA oder in Europa – schieben es immer auf die Sanktionen.
Ja, natürlich wirken die Sanktionen auf die Wirtschaft. Aber sie treffen auf ein bereits korruptes, inkompetentes System, das ohnehin kurz vor dem Kollaps steht.

Ist es nicht eigentlich so: Durch die Sanktionen rückt die legale, private Wirtschaft immer weiter an den Rand – während die Revolutionsgarde mit ihren eigenen Netzwerken davon profitiert.
Natürlich haben Sanktionen die Revolutionsgarden gestärkt. Aber dieses Argument wird oft von den Verteidigern des Regimes benutzt, um die Sanktionen grundsätzlich infrage zu stellen. Die Revolutionsgarden haben schon lange vor den Sanktionen eine räuberische Struktur aufgebaut.
Wie zeigt sich diese Krise im Alltag der Menschen?
Ich habe mich oft gefragt, wie die Menschen überhaupt überleben können. Schauen Sie sich den Wechselkurs an: Der Rial steht jetzt bei etwa 140.000 zum Dollar. Als diese Leute an die Macht kamen, waren es 70. Die Währung ist kollabiert. Und ich fürchte, es wird noch schlimmer werden, weil sie nicht genügend Devisen haben, um die Märkte zu stabilisieren.
Wie überleben die Menschen dann?
Ich erkläre es mir so: Ich kenne kaum eine iranische Familie, die keine Unterstützung aus dem Ausland erhält. Und natürlich senken die Menschen ihren Lebensstandard. Viele Jugendliche ziehen wieder zu ihren Eltern zurück, weil sie sich eine eigene Wohnung nicht mehr leisten können. Es gibt eine grundlegende Verarmung. Selbst wenn man nur die offiziellen Einkommensstatistiken der Regierung betrachtet – die ohnehin häufig geschönt oder erfunden sind –, zeigen sie, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebt.
Es soll nun neue finanzielle Hilfen vom Regime geben. Was bringt das?
Überhaupt nichts. Sie wollen pro Kopf sieben Dollar im Monat zahlen. Sieben Dollar! Es geht den Menschen nicht um diese lächerlichen Almosen. Das Problem ist das korrupte System, das die Wirtschaft ausbluten lässt und Milliarden stiehlt.
Was müsste denn passieren, damit die Wirtschaft im Iran wieder floriert?
Die einzige Lösung ist, dass der Iran von diesem Regime befreit wird – und dadurch wieder internationale Investoren anzieht.
Sie klingen sehr zuversichtlich, dass westliche Länder dann tatsächlich investieren würden.
Natürlich! Westliche Staaten handeln nach wirtschaftlichen Interessen. Wenn der Iran einmal eine stabile Demokratie ist, steht dort ein Markt mit 90 Millionen Menschen offen.
Das klingt optimistisch. Würde es nicht dauern, bis Investoren tatsächlich Vertrauen fassen?
Sehr viel würde sich sofort ändern. Viele Iraner aus der Diaspora würden zurückkehren – Menschen mit Kapital und Erfahrung. Allein in den USA besitzt die iranische Diaspora ein Vermögen von schätzungsweise zwei Billionen Dollar.
Das setzt voraus, dass das Regime fällt.
Das iranische Regime ist heute schwächer denn je. Ich selbst habe schon vor Jahren geschrieben, dass es schwach ist – und viele haben mich ausgelacht. Sie meinten, das sei der Traum eines Exilanten. Aber die Fakten sind, dass der Iran in einer tiefen Krise steckt – wirtschaftlich, kulturell und politisch. Das Regime ist dem Untergang geweiht.
Aber das hören wir doch seit Jahren. Bei den großen Frauenprotesten zum Beispiel.
2022 war die Welt eine völlig andere.
Sie spielen auf wichtige Verbündete wie Baschar al‑Assad in Syrien und Nicolás Maduro in Venezuela an. Sie sind heute nicht mehr an der Macht.
Richtig. Das Regime hat Milliarden nach Venezuela geschickt, die sind einfach verloren. Es sind Milliarden an Baschar al‑Assad geflossen, um ihn in Syrien an der Macht zu halten. Heute kann das Regime seine Unterdrückungsmaschinerie kaum noch finanzieren. Um die Proteste 2022 niederzuschlagen, wurden Zehntausende verhaftet und Hunderte getötet – vermutlich weit mehr. Könnte das Regime das heute noch tun? Es hat die Kapazität dafür nicht. Und: Europa schaut hin. Selbst Donald Trump hat gedroht, militärisch einzugreifen, wenn das Regime weiter tötet.

Trump sagte, Amerika werde der iranischen Bevölkerung zu Hilfe kommen, falls das Regime Demonstranten tötet. Braucht der Iran Rettung von außen?
Ich war nie für militärische Interventionen. Aber die Realität ist: Das Regime kämpft hart gegen das iranische Volk mit Technologie aus China und Russland. Wenn der Westen klar macht, dass es Konsequenzen geben wird – etwa durch eingefrorene Konten oder geschlossene Botschaften –, dann unterstütze ich das voll und ganz.
Das iranische Volk selbst kämpft seit 45 Jahren. Es braucht keine fremden Soldaten. Aber der Westen sollte dafür sorgen, dass der Kampf wenigstens fairer geführt wird – indem man das Internet offen hält und die Wahrheit sichtbar macht.
Angenommen, Khamenei fällt. Könnte es sein, dass das Regime auch ohne ihn fortbesteht?
Ja, die Revolutionsgarden könnten eine Militärdiktatur errichten, vielleicht mit einem Mullah als Fassade. Aber das wird nicht funktionieren. Khamenei und seine Leute haben alle Brücken verbrannt. Ohne einen klaren Bruch mit der Vergangenheit und der Hilfe der Diaspora kommt der Iran nicht aus der Krise.
Einer, der lange im Exil lebte, war Ihr Kollege und Freund Bahram Beyzai. Er ist vor kurzem verstorben. Er gilt als einer der wichtigsten Dramatiker und Filmregisseure Irans.
Einst war er Leiter der Theaterfakultät an der Universität Teheran. Man hat ihn dort entlassen, nur weil seine Familie oppositionell war. Er hat dann bei uns an der Universität unterrichtet , ganze 15 Jahre lang. Er liebte den Iran von ganzem Herzen. In seinen letzten Atemzügen sagte er: ‚Wer nicht in seiner Heimat leben kann, trägt das Exil wie eine Wunde mit sich.‘
Sie saßen in den Siebzigerjahren unter dem letzten Schah ein Jahr im berüchtigten Evin‑Gefängnis. Sie sagen, es sei „eines der lehrreichsten Jahre“ gewesen. Warum?
Ich habe so viel gelernt. Im Gefängnis war ich mit Menschen zusammen, die später die Islamische Republik anführten. Da erkannte ich, wie rückwärtsgewandt die meisten von ihnen waren. Sie rührten uns buchstäblich nicht an.
Wenn jemand das Gefängnis verließ, standen die Gefangenen in einer Reihe und gaben sich die Hand. Einer der Mullahs, der mit uns einsaß, begrüßte die Muslime herzlich, mich aber nur an den Fingerspitzen, damit er nicht „unrein“ werde. Da dachte ich: Was sind das für Menschen? Als mir klar wurde, dass solche Leute bald an der Macht sein würden, wusste ich, welches Unheil bevorstand.
Sie sind 77 Jahre alt. Glauben Sie, dass Sie zu Lebzeiten noch einen freien Iran erleben werden?
Ja, ganz sicher. Wir werden einen freien Iran erleben. Und dann werde ich zurückkehren in den Iran. Und ich werde als Erstes die Gräber dieser Männer besuchen – falls überhaupt einer von ihnen ein Grab hat – und sie verfluchen für das, was sie meinem Land angetan haben.
Abbas Milani
Abbas Milani, 77, ist Gründer und Leiter des Iranforschungsprogramms in Stanford und des Iran-Demokratie-Projekts an der Hoover Institution. Er gilt als einer der einflussreichsten Iran-Forscher der Welt.
