Zu den meistgebrauchten Floskeln im Fußball zählt das Bild von der „Momentaufnahme“, mit dem eigentlich eine akute Verführungsgefahr bekämpft werden soll. Sportler, die im bequemen Gefühl einer guten Ausgangsposition ein klein wenig nachlassen, haben schon oft die nächste Niederlage eingeleitet.
Bei Borussia Dortmund hingegen sind die entspannenden Kräfte eines angenehmen Momentes während der zurückliegenden Winterwochen in vollen Zügen ausgekostet worden. Kaum ein Gespräch während des Trainingslagers in Marbella endet ohne den Hinweis auf Platz zwei im Tableau, auf dem das Team den Jahreswechsel beging. Der Blick auf die Tabelle tut einfach zu gut nach einem Spätherbst der Konflikte. „Wir haben einen Riesenschritt gemacht: Platz zwei, viele gute Ergebnisse, viele Statistiken, die für uns sprechen“, sagt Sportdirektor Sebastian Kehl, und Kapitän Emre Can stellt sich in den Tagen vor dem Jahresauftaktspiel bei Eintracht Frankfurt an diesem Freitagabend (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga, bei SAT.1 und Sky) die Frage, ob der BVB in seinen Jahren in Dortmund überhaupt schon einmal solch eine starke Hinrunde gespielt habe.
„Als BVB ganz ordentlich aufgestellt und gut vorbereitet“
Die Antwort: Nein, und zwei Spiele stehen sogar noch aus. Zugleich hätten die Dortmunder jedoch bei ungünstigem Verlauf des letzten Spieltages im Jahr 2025 aus dem Champions-League-Bereich der Tabelle fallen können. Der entspannte Zustand ist also höchst fragil. Und dennoch sagt Carsten Cramer, der nach dem Rückzug von Hans-Joachim Watzke die Rolle als Sprecher der Geschäftsführung übernommen hat, im Gespräch mit der F.A.Z.: „Ich habe den Eindruck, dass wir als BVB ganz ordentlich aufgestellt und gut vorbereitet sind für das, was uns in den nächsten Wochen und Monaten erwartet.“

Sportlich hat das Team sich tatsächlich stabilisiert, in der Bundesliga ging überhaupt nur ein Spiel verloren – 1:2 beim FC Bayern. Zwölf Gegentreffer in 15 Partien sind ein Spitzenwert. Dass die Nachrichtenlage trotzdem von Negativschlagzeilen dominiert war, wird daher von manchen Dortmundern als ungerecht empfunden. Kurz vor Weihnachten musste der langjährige Kommunikationschef Sascha Fligge gehen, was zwar nicht unmittelbar mit dem Konfliktherbst zu tun hat, aber es gibt Leute in Dortmund, die auf die Diskrepanz zwischen den Innenansichten und der Außenwahrnehmung hinweisen. „Was in der öffentlichen Bewertung aus meiner Sicht wirklich ein wenig untergeht, ist die Entwicklung, die diese Mannschaft seit dem Frühjahr des vergangenen Jahres genommen hat“, sagt Kehl.
Dahinter steckt eine Grundsatzfrage, die so offen diskutiert wird wie lange nicht beim BVB: Welche Maßnahmen sind notwendig, um die nächsten Schritte zu machen, um wieder Titel zu gewinnen? Der externe Berater Matthias Sammer hat in den vergangenen Wochen mehrfach darauf hingewiesen, dass die Performance grundsätzlich gut sei, doch für sehr besondere Erfolge müsse der BVB von „‚gut‘ auf ‚sehr gut‘ kommen“. Nun wird intensiv darüber diskutiert, wie der Weg dorthin aussehen könnte. Etwas vage sagt der Klubchef Cramer, es gelte, „die Stärken in den Vordergrund zu stellen und unsere Potenziale noch besser zu entfalten“.
Geklärt werden muss zunächst die Frage, wie viel Raum Sammers Ideen in diesen Plänen finden und wie sich Anpassungen mit alten BVB-Traditionen in Einklang bringen lassen. Im Gespräch mit Cramer wird deutlich, dass eine Suche nach der passenden Balance zwischen tief im Klub verwurzelten Ruhrpottidealen wie Solidarität und Zusammenhalt auf der einen sowie einer von Ehrgeiz angetriebenen Streitkultur auf der anderen Seite begonnen wurde.
Sammer meint damit wohl vor allem Kehl
„Borussia Dortmund ist harmoniesüchtig“, sagt Sammer bei „Sky“. Konflikte, wie sie durch egozentrische Verhaltensweisen der Angreifer Karim Adeyemi und Serhou Guirassy nach Auswechslungen und der öffentlichen Kritik von Abwehrchef Nico Schlotterbeck an den beiden sichtbar wurden, tun weh. Mancher lasse sich von solchen Vorgängen „erschrecken“, statt die Energie dieser Momente zu nutzen, sagt Sammer. Es ist ein offenes Geheimnis, dass er zuallererst Sebastian Kehl meint.
Einige Beobachter nahmen im Dezember an, dass der Klub die Zusammenarbeit mit Sammer nach diesem Vorstoß beenden würde. Stattdessen hat Sammer seine Positionen in dieser Woche via „Sportbild“ noch einmal bekräftigt. „Borussia Dortmund hat halt Ecken und Kanten, und wir haben noch nie versucht, diese Kanten abzuschleifen“, sagt Cramer. Offenbar begrüßt die Klubführung neuerdings auch öffentlich formulierte, unangenehme Impulse des erfolgsbesessenen Mitarbeiters.

Ob auf dem Weg zu einer verbesserten Leistungskultur weitere personelle Änderungen bevorstehen, ist derzeit noch offen. Klar ist aber, wie kostbar die Arbeit von Niko Kovac im Kontext der Konfliktherde ist. Mit großer Gelassenheit hat sich der Trainer als ausgleichende Kraft zwischen allen Interessen, Verfehlungen und Streitpunkten profiliert. Die lange Serie von großen und kleinen Dramen im Sportlerleben des Karim Adeyemi verarbeitet er – zumindest nach außen – ebenso gelassen wie Schlotterbecks Wutausbruch, den verweigerten Handschlag von Guirassy oder die monatelange Schlammschlacht um den Wechsel Watzkes ins Präsidentenamt.
Mit keiner Silbe hat Kovac andere Menschen im Klub beschädigt. Er hat nie dünnhäutig auf all die Fragen zu sensiblen Punkten reagiert und zugleich eine hervorragende Facharbeit geleistet: „Wir sind aktiver, fitter und haben gleichzeitig deutlich weniger Verletzungen. Darauf können wir aufbauen“, sagt Kehl. Offen ist dennoch, wie attraktiv dieser BVB 2026 für Topspieler sein wird. Nico Schlotterbeck zögert mit einer Vertragsverlängerung. Es gilt als wahrscheinlich, dass er den Klub verlässt. Ob es ein großer Erfolg ist, teure Verträge mit über die Jahre eher wechselhaft spielenden Routiniers wie Julian Brandt und Emre Can zu verlängern, lässt sich kontrovers diskutieren.
Zudem ist es seit der Verpflichtung von Jude Bellingham vor fünfeinhalb Jahren nicht mehr gelungen, ein Talent mit Weltstarpotenzial an den BVB zu binden. Das Geschäftsmodell mit sehr großen Transfergewinnen funktioniert derzeit in Frankfurt und Leverkusen besser als in Dortmund. „Der Kampf um die Talente wird Jahr für Jahr größer und teurer“, sagt Cramer dazu und versichert: „Trotzdem sind wir nach wie vor eine Top-Adresse für entwicklungsfähige Spieler aus der ganzen Welt. Auch für den Bereich gilt, dass wir kreativ, mutig und extrem ambitioniert agieren wollen.“
In Dortmund wurde erkannt, dass für bessere Leistungen auf dem Platz eine bessere Performance auf allen Ebenen im Klub erforderlich ist, was Sammer mit einem Zitat des früheren Trainers Dettmar Cramer illustriert: „Solange besser möglich ist, ist gut nicht gut genug.“
