Italien hat Abschied von seinen sechs toten Jugendlichen von Crans-Montana genommen. Sie waren zwischen 14 und 17 Jahre alt. In Mailand wurden Chiara Costanzo in der Kirche Santa Maria delle Grazie und in der Basilika Sant’Ambrogio Achille Barosi zu Grabe getragen. In Rom wurde Abschied von Riccardo Minghetti genommen, in Genua von Emanuele Galeppini. In Bologna trauerte man um Giovanni Tamburi und in Lugano um Sofia Prosperi, die 14 Jahre alte Italienisch-Schweizerin ist das jüngste Opfer der Feuerkatastrophe.
In allen Städten überfüllte Kirchen, verzweifelte Jugendliche, fassungslose Eltern und Geschwister. Monsignore Alberto Torriani, Erzbischof und früher Rektor des Collegio San Carlo in Mailand, wo die sechzehnjährige Chiara Costanzo Schülerin war, hielt die Predigt. Er nannte den 31. Dezember einen „verfluchten Tag“. An dem Abend hätte Chiara eigentlich gar nicht im „Le Constellation“ sein sollen. Sie sei nur mit ihren Freunden dort gelandet, weil sie in keinem anderen Lokal Platz gefunden hätten. Es gab keine Anzeichen für eine Gefahr: Chiaras Clique sei öfter dort gewesen. Auch die Schwester der Toten trat unter Tränen ans Mikrofon: „Ich bin wütend, weil ich dich nie wieder um Rat fragen kann.“

Weder im Italienischen noch im Deutschen gibt es einen Begriff, der die Schwester oder den Bruder eines Verstorbenen bezeichnet. Sie bleiben Geschwister, auf besondere Weise, genauso wie Eltern, deren Kind gestorben ist, auf besondere Art für immer Eltern bleiben. In einem der von Gustav Mahler vertonten „Kindertodtenlieder“ von Friedrich Rückert ist von „verwaisten Eltern“ die Rede. Von den Siebzigerjahren an fand der Begriff Verbreitung, als Harriet S. Schiffs „The bereaved parent“ unter dem Titel „Verwaiste Eltern“ auf Deutsch erschien.
Selbst die Worte halten einen Moment inne
Im Italienischen gibt es kein Pendant dazu, woran jetzt der Autor Matteo Bussola in „La Repubblica“ erinnerte: „Es gibt ,vedovo‘ (Witwer) oder ,vedova‘ (Witwe) für den Verlust des Ehepartners, es gibt ,orfano‘ (Waise) für ein Kind, das einen Elternteil verliert, aber für den umgekehrten Fall gibt es kein Wort. Vielleicht aus Scham, vielleicht gab es den Begriff nie, weil es sich um einen unnatürlichen Schmerz handelt. Ein so unerträgliches, unerträgliches Leiden, dass selbst die Worte einen Moment innehalten.“
Den Tod der Jugendlichen erlebt Italien als Zäsur und als übergreifenden „Generationsschock“. Wenn man mit 16, 17 Jahren in einem Lokal in der als sicher geltenden Schweiz sterbe, bedeute das, dass es trotz aller Fürsorge und Erziehung keinen sicheren Ort gebe, schreibt Bussola, und so lautet jetzt der Tenor zahlreicher Kommentatoren.

Sie kritisieren, dass es in den sozialen Medien sofort eine Flut an Beiträgen gegeben habe, in denen die Jugendlichen, die filmten, als unbedachte oder realitätsferne Zyniker bezeichnet worden waren. Als ein italienischer Journalist bei einer Liveschaltung aus Crans-Montana in Tränen ausbrach, änderte sich der Ton. Dieser „Riss“ habe sich vergrößert, so Bussola, als man mehr erfuhr.
„Als wir hörten, dass einer sich in Sicherheit gebracht hatte, aber dann zurückging, um einem Mädchen zu helfen. Und dabei starb, als er seine Liebe retten wollte. Oder jemanden, der sich Verbrennungen zuzog, als er bis zuletzt versuchte, die Flammen mit einem Pulli zu löschen, weil er nichts anderes zur Hand hatte.“ Oder als hilflos wirkende Erklärungsversuche aufkamen, die das Filmen mit dem Handy auch darauf zurückführten, dass Teenager es nicht gewohnt seien, mit Panik umzugehen. „Und dass es mitunter eine Möglichkeit ist, eine Bedrohung durch einen Bildschirm in Schach zu halten. Und dass sie vielleicht, natürlich, keine konkrete Wahrnehmung der Gefahr hatten.“
