Als heute vor einem Jahr gegen halb elf Uhr morgens das Feuer über Pacific Palisades hereinbrach und sich zu einem der schlimmsten Waldbrände in der Geschichte Kaliforniens entwickelte, berichtete die „Palisadian-Post“ unermüdlich. Nun ist die Lokalzeitung selbst dem Brand zum Opfer gefallen. 97 Jahre lang hatte das Blatt Umweltkatastrophen und dem amerikanischen Zeitungssterben getrotzt. In seiner letzten Ausgabe Ende Dezember schrieb der Verleger Alan Smolinisky in einem bewegenden Nachruf, dass er keine Zeitung mehr drucken könne, die niemand lese: „Wir haben die verloren, ohne die wir nicht existieren können – unsere Leser.“
Wie die Highschool, die Corpus Christi Catholic Church und die Parade am 4. Juli gehörte die „Palisadian-Post“ zum Leben in dem Stadtteil von Los Angeles mit seiner einst idyllischen „Mayberry“-Atmosphäre. Wer heute auf dem Sunset Boulevard nach Pacific Palisades fährt, findet sich in einer Geisterstadt wieder. Über ganze Straßenzüge und Kreuzungen hinweg reicht der Blick, den kein Haus mehr verstellt. Verkohlte Holzpfähle liegen auf dem Boden. Das fahle Buschland wird nur langsam wieder grün. Gelbe Absperrbänder flattern im Wind. Erst seit Kurzem ist die Gegend wieder zugänglich.
Verkohlte Palmen stehen heute wie Mahnmale am Wegesrand
Pacific Palisades, dieses herrliche Fleckchen Erde, eingebettet zwischen den Santa Monica Mountains und der Pazifikküste, trägt noch immer Trauer. In den Hängen klaffen schwarze Löcher, wo einst Häuser standen. Spielplätze sind verwaist, die Tankstelle ist zu einem bizarren Artefakt verschmolzen. Verkohlte Palmen und Eukalyptusbäume stehen wie stille Mahnmale am Wegesrand.
Das Feuer wütete hier auf einer Fläche von 93 Quadratkilometern. Allein bei diesem von insgesamt sechs Bränden, die gleichzeitig im Los Angeles County ausbrachen, starben zwölf Menschen, und mehr als 6800 Gebäude wurden zerstört. Von den Tausenden, die über Nacht obdachlos wurden, befinden sich viele bis heute in prekärer Lage. Sie wissen nicht, ob sie je wieder in die Palisaden zurückkehren können. Stephanie Lunkewitz ist eine von ihnen. Sie lebte mit ihrer Familie an der Küstenstraße mit Blick aufs Meer.

Wer mit ihr die Brandstelle besucht, an der einst ihr schmuckes blaues Haus mit den weißen Fensterrahmen stand, kann kaum glauben, dass selbst hier, mit dem Ozean vor der Tür, das Feuer nicht zu bändigen war. Einsam flattert eine amerikanische Flagge im Wind auf der funktionslos gewordenen Straße. Stephanie Lunkewitz bleibt gefasst, während sie von ihrer Welt von gestern erzählt, dem fröhlichen Leben, den Nachbarn, mit denen man schwatzte, den Kindern, die mit dem Skateboard zur Schule fuhren. Bis auf eines sind alle umliegenden Häuser verschwunden. Auf einem Grundstück ragt eine steinerne Säule in den Himmel, die keine Beletage mehr trägt. Auf einem anderen erinnert eine Gartenbank aus Eisen an die Geselligkeit von einst.
Vom Haus der fünfköpfigen Familie steht nur noch die Druckerpresse ihres Großvaters. Stephanie Lunkewitz hatte das tonnenschwere Eisenteil aus Deutschland einschiffen lassen als Erinnerung. Wie ihr Großvater und ihre Großmutter illustriert sie Kinderbücher. Just am Tag, als in Los Angeles das Feuer ausbrach, erschien in Deutschland ihr Buch „Ich war Eva Diamant“, das sie gemeinsam mit der Auschwitzüberlebenden Eva Szepesi schrieb und illustrierte. Sie selbst stand zu diesem Zeitpunkt 9000 Kilometer Luftlinie entfernt unter Schock.
Die Feuerwalze raste direkt auf ihr Haus zu
Am frühen Morgen hatten sie die Flammen am Berghang bedrohlich lodern sehen. Ihr sechzehnjähriger Sohn mahnte, einen Notfallkoffer zu packen, doch sie ignorierten die Warnung, auch, weil Feuer in der Gegend keine Seltenheit sind, zumal im Januar, wenn die heißen Santa-Ana-Winde aus der Wüste von Arizona herüberwehen. Dann sahen sie, wie sich das Feuer im ausgedörrten Gras festsetzte und, angefacht durch den aufkommenden Sturm, den Hang hinunterraste. Nun ging alles ganz schnell. Die Mutter packte ihre drei Kinder ins Auto und fuhr los. Heute weiß sie nicht mehr, wie sie es überhaupt durch das Feuer schafften: „Wir kamen ohne Blessuren durch, das Auto aber war danach ein Totalschaden.“
Ihr Mann, der Immobilienentwickler und ehemalige Aufbau-Verleger Bernd Lunkewitz, harrte hingegen aus, hoffte, das Haus mit dem Wasserschlauch retten zu können. Irgendwann musste auch er aufgeben. Als die Familie zwei Stunden später auf sicherem Boden wieder zusammenfand, setzten sie sich auf den Bordstein am Straßenrand und konnten es nicht fassen. Sie begriffen, dass sie soeben alles verloren hatten, was sie je besaßen. Ihnen war nur geblieben, was sie am Leib trugen. Er hatte nur die Originale des aktuellen Buchs seiner Frau in letzter Sekunde retten können. Dabei hatte Stephanie Lunkewitz während der Flucht noch gedacht, später, wenn alles vorbei sei, unbedingt die Küche aufräumen zu müssen: „Verrückt, nicht wahr?“, sagt die Frau Mitte vierzig, als ich sie in ihrem Provisorium in Brentwood besuche.

An den Wänden hängen großformatige Leinwände mit Handyfotos aus dem alten Haus. Sie zeigen Bücherregale, Sofaecken und Blumenvasen. Das grobe Korn verleiht den Bildern einen künstlerischen Ausdruck, dabei sind sie traurige Abbilder dessen, was für immer verloren ist. Als Freunde sie fragten, was das für seltsame Fotos seien, sagte Stephanie Lunkewitz : „I printed my library, because I miss it.“
Die Künstlerin verlor ihr Atelier mit all ihren Arbeiten aus den vergangenen zwanzig Jahren, darunter mehr als tausend Porträts, mit denen sie im Februar eine Ausstellung in New York geplant hatte. Auch ihre Kinderbuchsammlung mit Erstausgaben und Originalen ihres Großvaters Hans Dieter Schwarz ging verloren, der wegen regimekritischer Karikaturen in der DDR in Haft saß und danach als gebrochener Mann nur noch Kinderbücher zeichnen konnte.

Auch die Bibliothek von Bernd Lunkewitz mit gut 20.000 Titeln, darunter signierte Erstausgaben aus dem Aufbau-Verlag sowie wertvolle Kunst, private Erinnerungsstücke, Fotoalben, Kleider, Briefe, Dokumente, Alltagsgegenstände, einfach alles war über Nacht zu Staub geworden. Fünfzehn Lkw-Ladungen wurden nach dem Brand vom Grundstück abgetragen. „Die Asche auf Ihrem Grundstück ist so fein. Hatten Sie viele Bücher?“, fragte sie damals der Baggerfahrer.
Die Lunkewitz’ hatten mehr Glück als andere, die alles verloren haben, aber kaum etwas oder nichts erstattet bekommen, da viele Häuser unterversichert waren. Andere Bewohner sind zu alt oder zu verzweifelt, um sich noch einmal auf einen Hausbau einzulassen. Wer dennoch zurückkommt, wird noch lange in einer Mondlandschaft leben. Und inwieweit die toxikologischen Rückstände Tausender verbrannter Kühlschränke und Tesla-Batterien restlos aus dem Boden entfernt werden können, ist längst nicht ausgemacht.
Als ihr Sohn sich ans Klavier setzte, kamen der Mutter die Tränen
Die Familie Lunkewitz, die Frankfurt vor zehn Jahren den Rücken kehrte, um sich in Pacific Palisades ein neues Leben aufzubauen, hat sich inzwischen in einem gemieteten Haus am Bundy Drive eingerichtet. Es gehört dem Produzenten von Rihanna und wird für Musikaufnahmen genutzt, weshalb es beim Einzug kein Mobiliar gab, nur Instrumente. Als sich ihr Sohn Carl am ersten Abend ans Klavier setzte und Bach spielte, kamen seiner Mutter die Tränen.
Sie stammt aus der Bach-Stadt Köthen, mit Bach sei sie aufgewachsen, sagt sie, seine Musik bedeute Heimat für sie. „Als Mädchen habe ich mein Heimatland verloren und jetzt mein Zuhause. Aber als er spielte, ging mir das Herz auf.“ Am nächsten Tag kaufte sie sich als Erstes ein Buch – „The State of Fire: Why California Burns“ von Obi Kaufmann – und einen Hut. Das Buch hat sie gelesen. Den Hut trägt sie bis heute fast immer. „Der Hut ist jetzt mein Dach über dem Kopf“, sagt Stephanie Lunkewitz: „Alles, was ich hatte, ist weg. Was bleibt, sind Erinnerungen. Ich bin ganz leicht geworden. Erstaunlich, wie wenig man doch von all dem braucht, das sich in einem Leben so angesammelt hat.“

Eine Therapie hat sie nicht gemacht, aber an Workshops für Betroffene teilgenommen. Auch Gabriel Mulder ist einer von ihnen. Der achtundzwanzigjährige Pianist verlor sein Haus in Malibu. Ihm hätten die fünf Phasen der Trauer nach Elisabeth Kübler-Ross geholfen, erzählt der schlaksige Mann mit den Locken bei einem Treffen bei Freunden. Am meisten schmerzt ihn, dass sein Flügel verbrannte. Nach der Leugnung, dem Ärger, dem Feilschen und der Depression sei er inzwischen bei der Akzeptanz angelangt, sagt er und setzt sich wie zum Beweis ans Klavier. Er überrascht die Freunde mit einer eigenen Komposition. Sie heißt „Palisades Fire“ und mischt die Trauer mit Tönen der Hoffnung. Zum Jahrestag wurde das Stück vom Londoner Royal Philharmonic Orchestra eingespielt und ist jetzt im Netz zu hören.
Ein Feuerfanatiker soll den Brand gelegt haben
Der Palisades-Brand war auch deshalb so tückisch, weil seine Glutnester tagelang unbemerkt im Untergrund loderten, ehe sie am 7. Januar durch Windböen neu entfacht wurden und sich bis in den Topanga Canyon und nach Malibu ausbreiten konnten. Lange hatte man defekte Oberleitungen oder Silvesterknaller als Ursache im Verdacht. Im Oktober wurde dann ein Mann verhaftet, der bei Skull Rock absichtlich ein Feuer gelegt haben soll, das den Flächenbrand auslöste, der schließlich in der gesamten Stadt Los Angeles mit insgesamt 31 Toten, mehr als 16.000 zerstörten Gebäuden und einer Schadensbilanz von 275 Milliarden Dollar heute als teuerste Naturkatastrophe in der Geschichte Amerikas gilt. Im April beginnt der Prozess gegen Jonathan Rinderknecht, der von Feuer besessen sein soll und zur fraglichen Zeit verdächtige Prompts bei ChatGPT eingab. Im Falle einer Verurteilung drohen ihm bis zu 45 Jahre Haft.
Wie durch ein Wunder blieben die Kulturdenkmäler Villa Aurora und Getty Villa unversehrt. Auch Alan Smolinisky, der schon als Jugendlicher jene Zeitung las, die er später einmal besitzen würde, gehört zu den wenigen Glücklichen, deren Haus stehen geblieben ist. „Ich bin voller Trauer, aber auch voller Hoffnung“, schließt er das letzte Kapitel seiner „Palisadian-Post“. Der Kalifornier glaubt mit robustem Optimismus fest daran, dass die Menschen ihre Häuser wieder aufbauen werden: „Es werden neue Generationen von Familien kommen. Wir werden sie willkommen heißen.“ Ob Stephanie Lunkewitz dazugehören wird, ist noch nicht ausgemacht. Es sei ein Neustart, sagt sie, alles sei denkbar, darin liege auch eine Chance. Und wenigstens müsse sie sich jetzt nicht mehr vor dem Empty-Nest-Syndrom fürchten: „Unser Nest ist abgebrannt. Jetzt müssen die Kinder hinaus in die Welt, ob uns das gefällt oder nicht.“
