Der erste Tote im ersten „Tatort“ aus Duisburg mit dem legendären Horst Schimanski als rauen und pöbelnden Kommissar, gespielt von Götz George, war ein Flussschiffer. Heinz Petschek hieß er, und sein Fall ließ Schimanski tief in das Milieu der Flussschiffer eintauchen. Der Titel war Ortsbezeichnung und Programm zugleich: „Ruhrort“.
Ruhrort, das bekannteste Stadtviertel der 500.000-Einwohner-Stadt Duisburg mit dem größten Binnenhafen weltweit, gelegen am Zusammenfluss von Rhein und Ruhr, war ein verrufenes Viertel, geprägt von der Schifffahrt und den Flussschiffern, von Kränen und Silos, Kneipen und Bordellen. Fluchen und „Scheiße!“ schreien oder einen Fernseher aus dem Fenster schmeißen, das war neu im damals noch biederen deutschen Fernsehen des Jahres 1981, und es passte auch nicht so recht in die etablierte „Tatort“-Reihe mit ihren Kommissaren im Anzug. Aber es passte zum Drehort.
„Davon ist nicht mehr viel geblieben“, sagt einer, der es wissen muss, 45 Jahre später: Dirk Grotstollen, der Vorsitzende des Ruhrorter Bürgervereins. „Viele Schiffer zogen weg. Die fahren heute zwei Wochen am Stück und haben dann zwei Wochen frei. Originale wie unser Fritz Hemberger sind selten geworden. Er ist jetzt 80, war Maschinenschlosser in Ruhrort und erkennt bis heute jeden Motor an seinem Klang!“ Im Hafen gab es sieben Reedereien, jetzt sind es nur noch zwei. Von den einst hundert Kneipen gibt es nur noch acht. „Im ‚Anker‘ findet man aber noch das Flair von früher“, sagt Grotstollen. Der „Anker“ heißt inzwischen „Ankerbar“ und wurde bekannt, weil er für mehrere Szenen der Schimanski-„Tatorte“ als Kulisse diente.

Für die Ruhrorter viel wichtiger: Dort wurde das „Kreativquartier-Ruhrort“ gegründet. „Wir veranstalten Konzerte, Ausstellungen, Aufführungen, bieten Künstlern, Kulturschaffenden, Kreativwirtschaftlern, Intellektuellen und anderen in Ruhrort kreativ Tätigen ein Forum“, sagt Heiner Heseding, Geschäftsführer vom „Quartier“. Dazu gehört auch die Ruhrorter Strickguerilla. Sie versieht Laternen, Geländer, Poller, Skulpturen und Schilder mit gestrickten Hüllen.
Die graue Maus ist also bunt geworden, und die Arbeit hat sich gewandelt im Duisburger Hafen, diesem logistischen Knotenpunkt, der häufig schlicht Duisport genannt wird. Ruhrort war geprägt von Schwerindustrie und Schichtarbeit, und mit dem Niedergang der Montanwirtschaft begann ein Strukturwandel. „Ruhrort, das sind ‚Thyssen‘, ‚Krupp‘ und ‚Mannesmann‘, das dürfen wir nicht vergessen“, betont Grotstollen. „Ruhrort ist nicht Schimanski. Aber der Götz George war ein netter Kerl. Er war in den Kneipen, und man konnte mit ihm reden.“
Viele Familien leben seit Generationen hier
Die Containerbrücken gibt es immer noch, und die Frachtschiffe verbinden Duisburg weiterhin mit dem Rest Europas: Duisport, dessen Anfänge bis ins Jahr 1716 zurückgehen, ist die Handels- und Verkehrsdrehscheibe der Rhein-Ruhr-Region mit mehr als 30.000 Firmen und einer Branchenvielfalt, die ihresgleichen sucht. Mehr als 20.000 Schiffe und rund 25.000 Güterzüge fahren den Duisburger Hafen pro Jahr an. Hundert Millionen Gütertonnen werden jährlich umgeschlagen, nur eben kein Stahl und keine Kohle mehr. Dafür Containerfracht mit allen möglichen Waren aus aller Welt. Die Wertschöpfung durch den Hafenbetrieb liegt bei rund drei Milliarden Euro in einem Jahr. Und Ruhrort mit dem Innenhafen ist sein Herzstück.
Besonders der effektivere Einsatz der Schiffe hat das Leben in Ruhrort mit heute 6000 Einwohnern verändert. Lagen die Kähne einst einige Tage in Duisburg, geschieht das Ent- und Beladen heute an einem Tag. Die Schiffer haben gar keine Zeit mehr für Kneipen, Bier und Currywurst.

Wo alte Industrie zur Neige geht, wittern Kreative, Künstler, aber auch junge Unternehmer Chancen für sich: Alte Speicher wurden zu Büros und Ateliers, Start-ups, Service- und Logistikfirmen kamen nach Ruhrort. Beispiel Getreidehafen: Der ehemalige Brotkorb des Ruhrgebiets mit seinen Getreidemühlen und Speichern wurde weitgehend in ein Wohnviertel umgestaltet, Industriestätten unter Denkmalschutz gestellt. Und Norman Foster machte aus dem Innenhafen ein Stadtquartier mit Wohnungen und Büros, Kultureinrichtungen und Freizeitflächen, Gastronomie und Uferpromenade. Wo früher ausschließlich Lastkähne verkehrten, liegen heute auch Yachten und versprühen maritimes Lebensgefühl.
Viele Familien leben seit Generationen in Ruhrort. Man kennt sich, der Hafen verbindet. „Ruhrort war immer mehr Currywurst als Kaviar, mehr Maloche als Highlife, mehr direkt und bodenständig als schick und großkotzig. Die Leute sind Deichblagen, auf Kohle geboren, mit Hafenwasser getauft, stahlgehärtet und von Containern umgeben“, sagt Folkert Küpers, Mitinitiator der Konzertreihe „Spelunken-Spektakel“. Doch hat es habe seinen Reiz an Rhein, Ruhr und in Ruhrort zu sein. Wer einmal bei Sonnenuntergang auf dem Leinpfad gesessen und den Kähnen beim Festmachen zugeguckt habe, könne dieses besondere Lebensgefühl entdecken. Hier schmecke das Bier an der speckigen Theke einer Hafenkneipe halt besser als ein Prosecco im Restaurant. Und Dirk Grotstollen ergänzt: „Wir hatten und haben tolle Menschen, bodenständig, ehrlich, multikulti. Mit Ausländern gibt’s keine Probleme. Wir sind seit jeher mit Ausländern zusammen.“ Grotstollen lacht: „Sogar Düsseldorfer wohnen bei uns!“ Und die seien für Ruhrorter fast wie Ausländer.
An der Promenade trinken die Menschen Cappuccino und schauen den Frachtschiffen und so manchem schicken Motorboot zu. Die Marina hat mit Schimanskis Proleten-Zeiten nichts mehr zu tun. Eine Touristengruppe biegt in die Horst-Schimanski-Gasse ein – es ist vermutlich die einzige deutsche Straße, die nach einem fiktiven Charakter benannt ist. „Wisst ihr noch, als Schimmi …?“ Ein paar Minuten schwelgen sie in TV-Romantik zwischen Containern und Cafés. Die Wurzeln des Stadtteils sowie Vergangenheit und Zukunft sind allgegenwärtig. Der Wandel tut dem Viertel gut. Aber: Inzwischen steigen auch in Ruhrort die Mieten, besonders die für Wohnungen direkt am Wasser. „Das ist Lebensqualität mit einem ganz besonderen Flair!“, sagt ein Makler. Der Arbeiterkiez ist zu einer Wasseroase geworden. „Es gibt zwar noch Wohnungen für fünf Euro pro Quadratmeter. Nur die gehen alle unter der Hand weg“, ergänzt Dirk Grotstollen.

Wo Rhein und Ruhr zusammentreffen, erschuf der Kölner Bildhauer Lutz Fritsch 1992 die weithin sichtbare, 25 Meter hohe Stahlskulptur „Rheinorange“. Eine Hommage, denn ohne das Zusammentreffen dieser beiden Flüsse wäre Duisburg vermutlich gar nicht entstanden. Und das leuchtende Orange wollte der Künstler für Leuchtkraft und Aufbruch verstanden wissen. Sagt man irgendwo in der Republik Duisburg oder etwa auch Wolfsburg, kommen reflexartig Begriffe wie „graue Maus“, „Malocherstädte“, „MSV“ oder „VfL“, „möcht’ ich nicht wohnen“.
Der MSV, der Meidericher Sportverein aus Duisburg, spielt schon lange nicht mehr in der Bundesliga. Und der triste Charme der kleinen Häuschen, gebaut nach dem Krieg bis in die 1970er-Jahre, ist gegenwärtig. Schließlich kann nicht jeder am Wasser leben. Und nicht alle ehemaligen Industriegebäude und Speicher wurden von der Kulturszene vereinnahmt. Doch das Institut für Demoskopie Allensbach stellte bei der Frage für den „Glücksatlas“ fest: Das Glück wohnt in Erfurt und Augsburg sowie auf Platz neun auch in Duisburg; vor Hamburg auf zehn, Köln auf 21, München auf 24, Frankfurt auf 38, Berlin kam nicht mal unter die ersten 40.
Wo also sind die Klischees geblieben? „Schiffer, Schimanski und Currywurst: Daran stimmt irgendwie alles und nichts!“, sagt Heiner Heseding. „Waren die Schiffer und ihre Lebensart früher im Straßenbild prägend, kommen sie heute kaum noch von ihren Schiffen runter.“ Schimanski als Kultfigur ist an vielen Stellen präsent, es gibt sogar Fan-Touren, auch wenn der Kultkommissar der Gen Z häufig erst erklärt werden müsse. Die Currywurst ist Ruhrgebietskultur und gehört natürlich auch in Ruhrort täglich auf den Speiseplan der Pommesbuden und Kneipen. Doch innovative kulinarische Konzepte, vegetarische oder vegane Speisen gibt es natürlich ebenfalls. Viel los in Schimmis Reich, sogar auf der Speisekarte.
