Vor zwei Jahren hat Elke Heidenreich mein damaliges Buch zerlegt. Für alle, die Frau Heidenreich nicht kennen: Ist das hier das erste Mal, dass Sie die Feuilletonseiten nicht am Frühstückstisch an Ihre Frau weiterreichen? Heidenreich ist eine der bekanntesten deutschen Autorinnen – vor allem aber eine der einflussreichsten Kritikerinnen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Kurz bevor 2024 mein Essay „Trotz“ erschien, bekam ich eine aufgeregte Mail meines Verlages: „Elke Heidenreich wird dein Buch in der ‚SZ‘ besprechen!“
Sorgen müsse ich mir keine machen, üblicherweise bespreche diese nur Bücher, die ihr auch außerordentlich gefielen. Machte ich mir, wie jede Autorin, natürlich trotzdem.
Bei Erscheinungstag der Rezension wurde ich von einem Anruf meiner Lektorin geweckt. Ich solle nicht so ernst nehmen, was in der „SZ“ steht. Oder gar nicht erst reinschauen. Oder einfach meinen Beruf als Autorin aufgeben.
„Absolut überflüssig – Elke Heidenreich“.
Schneller hatte ich noch nie ein „Süddeutsche“-Onlineabo abgeschlossen. Ich traue keinen Autoren, die ihre großen Besprechungen nicht lesen.
Ich musste nicht die ganze Kritik lesen, um zu wissen, dass dies einer der heftigsten Verrisse meiner Karriere war. Überschrieben war der Artikel mit: „Ronja von Rönnes neues Buch ‚Trotz‘ – Absolut überflüssig“. Ein Knallersatz. So vernichtend, dass ich ihn schon wieder gut fand. So gut, dass ich meinen Verlag bat, ihn für die Buchmesse Frankfurt groß auf die Werbebanner am dtv-Stand zu drucken. Und weil mein Verlag der allerbeste ist, folgten sie meinem Wunsch. Jeder, der sich durch die Menschenmessemassen in Halle zwei schob, konnte es sehen: Mein Buchtitel auf einem Plakat und darunter: „Absolut überflüssig – Elke Heidenreich“.

Am Abend eilte ich ins Hotel, um mich umzuziehen, im Prinzip ist Messe ja nichts anderes, als von A nach B zu rennen. Auf der Messe begrüßt man sich nicht mit: „Schön, dich endlich mal wieder zu sehen“, sondern mit „Tut mir leid, hing noch in einem Termin fest“, und dann schüttelt man sich die verschwitzten Hände.
Auch ich war wieder zu spät, als ich vom Fahrstuhl in die Lobby trat und mich hektisch nach einem Kollegen umschaute. Und da stand sie plötzlich vor mir: Elke Heidenreich. Was sagt man zu jemandem, der das eigene Schaffen für eine Zumutung hält?
Ich entschied mich für: „Hallo! Ich bin Ronja.“
Kurz entglitten ihre Gesichtszüge. Und dann: Unterhielten wir uns sehr nett. Wir verabschiedeten uns mit einer Umarmung. Und dann sahen wir beide panisch auf die Uhr und entschuldigten uns: Leider müsse man jetzt schon weiter, man sei eh spät dran. Vom Taxistand winkte ich noch mal ins Foyer. Bis heute ist sie mir als warmherzige Frau in Erinnerung geblieben. Das ist sie: die Buchmessen-Magie.
Die Autorin und Moderatorin Ronja von Rönne, Jahrgang 1992, veröffentlichte im Frühsommer ihren neuen Roman „Alles Liebe“ (dtv).
