
Der Bundesnachrichtendienst will mit allem, was er hat, signalisieren: Hier darf nichts Unbefugtes rein oder raus. 280 Meter lang erstreckt sich der abgeriegelte Gebäudekomplex an der Berliner Chausseestraße. Wer einen Termin im Innern hat, muss zuvor alle technischen Geräte im Vorraum einschließen: Abhör- und Mithörgefahr. Denn beim BND weiß man, dass absolute Vertraulichkeit die Voraussetzung für die Arbeit eines Nachrichtendienstes ist.
Der Verdacht des Verrats durch die eigenen Leute trifft die Behörde zu einem äußerst sensiblen Zeitpunkt. Der BND steht vor seiner größten Reform, er soll deutlich mehr Kompetenzen bekommen. Damit das entsprechende Gesetz durch den Bundestag kommt, braucht es aber das Vertrauen der Politik in den Dienst. Auch mancher Politiker dürfte erschrocken sein über das, was an der Chausseestraße über Jahre vor sich ging.
Nach der Politik wurde Hanning Berater
Der Generalbundesanwalt ermittelt gegen Hanning wegen des dringenden Tatverdachts der landesverräterischen Ausspähung und des Auskundschaftens von Staatsgeheimnissen. Auch werden Hanning versuchter Landesverrat und geheimdienstliche Agententätigkeit vorgeworfen. Das sind Vorwürfe, die der BND normalerweise gegen Personen erhebt, die Deutschland schaden wollen, die eine Gefahr für die Sicherheit darstellen. Doch diesmal trifft es den eigenen früheren Präsidenten. Hanning soll sich nach dem Ende seiner Beamtenzeit über Jahre illegal als geheim eingestufte Informationen des BND gegen Geld beschafft und an Mitarbeiter ausländischer Geheimdienste verkauft haben.
Der Achtzigjährige soll am Mittwoch dem Ermittlungsrichter beim Bundesgerichtshof vorgeführt werden. BND-Präsident Martin Jäger sagte am Dienstag zu den Vorgängen rund um seinen Vorgänger: „Der BND hat frühzeitig und unverzüglich umfangreiche interne Ermittlungen einleiten lassen, die den Verdacht erhärteten. Der Generalbundesanwalt hat die Ermittlungen übernommen. Für den BND und mich gibt es bei der internen Sicherheit keine Kompromisse. Keines meiner Ziele, keine meiner Prioritäten werden durch diesen Vorgang infrage gestellt.“
Mit Informationen versorgt haben soll Hanning ein früherer Mitarbeiter des BND, Manfred D., der Hannings früherer Büroleiter war. Ihm werfen die Ermittler Beihilfe zum versuchten Landesverrat und zur landesverräterischen Ausspähung vor. Schon im Frühjahr 2010 sollen die beiden vereinbart haben, dass Manfred D. Hanning gegen Geld fortlaufend mit Informationen versorgt. Manfred D. diente auch späteren BND-Präsidenten als Büroleiter; in dieser Funktion hatte er Zugriff auf etliche geheime Informationen. Unklar ist bislang, welche Summen im Gegenzug für die Informationen geflossen sind. Manfred D. ist seit März 2026 pensioniert.
Hanning nahm nach seinem Ausscheiden aus der Politik eine private Beratertätigkeit auf; er wollte laut Generalbundesanwalt die ihm besorgten Informationen aus dem BND gewinnbringend verwerten. Im Laufe der Jahre – nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen bis Juni 2022 – stellte Manfred D. Hanning annähernd 2000 Dokumente zur Verfügung, darunter vielfach als Verschlusssache eingestufte Informationen. Es waren Informationen, die für die „nachrichtendienstliche Lage“ im Kanzleramt verwendet wurden.
Belustigt über die Staatsanwaltschaft
In einem Fall nutzte Hanning von Manfred D. übermittelte, als Verschlusssache eingestufte Erkenntnisse, um für den Mitarbeiter eines „fremden nachrichtendienstlichen Sicherheitsapparates“ eine Analyse zu erstellen, teilte der Generalbundesanwalt mit. Ob diese Analyse auch wirklich bei dem Besteller ankam, ist noch unklar. Hanning stand außerdem „in einem intensiven Austausch mit einem Angehörigen eines anderen staatlichen Nachrichtendienstes“. Diesen versorgte er über mehrere Jahre hinweg mit politischen Informationen, zum Teil auch basierend auf Material, das er von Manfred D. erhalten hatte. Nach Informationen der F.A.Z. soll es sich bei Hannings Kontakten nicht um russische Dienste handeln. Wie der „Spiegel“ berichtet, soll es sich bei Hannings mutmaßlichen Auftraggeber um einen Mann vom Geheimdienst Aserbaidschans handeln.
Hanning ist eine schillernde Figur, die bislang wenig Scheu vor Ermittlungsbehörden gezeigt hat. Er hat in den vergangenen Monaten immer wieder Schlagzeilen gemacht – allerdings wegen ganz anderer Vorwürfe: Sein Name fällt immer wieder im Hamburger Prozess gegen Christina Block. Dabei geht es um die Entführung der beiden Block-Kinder in der Silvesternacht 2023 aus der Obhut des Vaters in Dänemark. Christina Block, die Tochter des Steakhaus-Gründers, soll diese Entführung in Auftrag gegeben haben. Sie steht deshalb seit mehr als einem Jahr vor Gericht und bestreitet die Vorwürfe.
Der Entführung vorausgegangen war ein jahrelanger Sorgerechtsstreit um die beiden Kinder, bei dem Hanning eine Rolle gespielt haben soll. Im September 2025 durchsuchten Ermittler seine Privat- und Geschäftsräume. Sie stellten zahlreiche Unterlagen und Geräte sicher.
Die Ermittler verdächtigten ihn, als damals Verantwortlicher für die Sicherheitsfirma System 360 einen Auftrag über mehr als 100.000 Euro für einen früheren Entführungsversuch der Kinder angenommen zu haben. Er soll außerdem an Versuchen beteiligt gewesen sein, den Vater der Kinder mit gefälschten Pädophilie-Vorwürfen zu diskreditieren. Die Ermittler hörten Hanning mehrere Monate ab und schleusten einen verdeckten Ermittler bei System 360 ein.
De Maizière trennte sich von Hanning
Hanning hat die Anschuldigungen im Zusammenhang mit der Block-Familie stets bestritten. Öffentlich äußerte er sich lange nicht dazu, dann erschien im Mai ein Interview mit dem Sender TV Berlin, in dem er sich in belustigendem Ton über die Staatsanwaltschaft echauffierte – und die Vorwürfe als Ergebnis einer aktivistischen Ermittlungsarbeit darstellte.
Nach Informationen der F.A.Z. leitete Hanning auf Bitten des Israelis David B. Unterlagen an zuständige deutsche Behörden weiter, die zwei anderen Personen Pädophilie unterstellen. Mindestens eine der beiden steht mit dem Fall Block in Verbindung. B. will Hanning über israelische Freunde kennen. Dass B. auch für Block tätig gewesen sei, habe er zu diesem Zeitpunkt nicht gewusst, sagte Hanning später.
David B. ist eine der zentralen Figuren im Block-Prozess, er soll die Entführung der Kinder koordiniert und verantwortet haben. Seine Firma führte in den Monaten zuvor Cybersicherheitstests für die Block-Gruppe durch. Abgeschlossen ist der Fall Hanning für die Hamburger Behörden noch nicht: „Die Ermittlungen dauern an“, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft am Dienstag auf Anfrage. Hanning war für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen.
Hanning hatte vor seinem äußert unruhigen Ruhestand schon eine beeindruckende Beamtenkarriere hinter sich. Ab 1981 leitete Hanning unter Helmut Schmidt (SPD) im Bundeskanzleramt das Referat für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. 1986 wechselte er in die Rechtsabteilung der westdeutschen Ständigen Vertretung in der DDR, wo er später Geheimschutzbeauftragter wurde. 1998 wurde Hanning BND-Präsident.
Nach dem Regierungswechsel ging er als Staatssekretär ins Bundesinnenministerium unter Minister Wolfgang Schäuble (CDU). Thomas de Maizière (CDU), der 2009 Innenminister wurde, versetzte Hanning direkt nach Amtsantritt mit sofortiger Wirkung in den einstweiligen Ruhestand. Damals wurde spekuliert, es fehle Hanning an notwendiger Loyalität.
