Wer blickt nicht von Zeit zu Zeit mit einem tiefen Seufzer vom endlosen Strom der Benachrichtigungen und Katastrophenmeldungen auf seinem Handy auf und wünscht sich für einen Moment nichts sehnlicher, als zu verschwinden? Einfach alles hinter sich zu lassen. Jess Walter, US-amerikanischer Investigativjournalist und unter anderem mit seinem 2006 erschienenen Thriller „The Zero“ für den National Book Award nominiert, nimmt dieses Grundgefühl unserer Gegenwart zum Anlass für seinen achten Roman.
„So weit weg“ ist zugleich Familiendrama, politische Satire und Buddy-Komödie, eine Spurensuche um eine Kindesentführung im Umfeld einer christlich-fundamentalistischen Sekte und die Geschichte eines Mannes, der verzweifelt versucht eingerissene Brücken wieder aufzubauen. Dieser Mann heißt Rhys Kinnick und ist ein verdienter Wissenschaftsjournalist, der einer Kürzungswelle bei seiner Zeitung zum Opfer gefallen und daher ohnehin schon mit den Nerven runter ist, als an Thanksgiving 2017 ein lange schwelender Familienstreit endgültig eskaliert.
Eine sinnvolle Verständigung ist nicht mehr möglich
Als sein frömmelnder Schwiegersohn Shane die Verschwörungstheorien auspackt, haut Kinnick ihm eine runter, schmeißt sein Smartphone bei voller Fahrt aus dem Autofenster und schlägt sich in die Wälder, wo er fortan so zurückgezogen lebt, dass er die Kinder nicht einmal erkennt, die Jahre später auf seiner Türschwelle stehen. Doch Leah und Asher, zarte dreizehn und neun Jahre alt, sind seine Enkel, und ihre Mutter Bethany, Kinnicks einzige Tochter, ist spurlos verschwunden.
„So far gone“ – im Originaltitel schwingt eine Doppeldeutigkeit mit, die die deutsche Übersetzung nicht vollumfänglich einzufangen versteht. Da ist die geographische Dimension: Kinnick findet seinen Unterschlupf im Nordosten des US-Bundesstaats Washington, im Twin-Peaks-Land, wo tiefe Täler und dichte Kiefern den Handyempfang ohnehin erschweren. Zugleich beschreibt die Phrase aber auch eine Person, deren Weltsicht schon zu weit abgedriftet ist, als dass man mit ihr noch in eine sinnvolle Verständigung gehen könnte, und das trifft zu Beginn des Romans auf erstaunlich viele seiner Figuren zu.

Sicher auf Shane, der zwei bewaffnete Handlanger seiner Kirche, der selbsterklärten Army of the Lord, schickt, um seinen Schwiegervater zu überwältigen und ihm die Kinder sofort wieder abzunehmen. Aber eben auch auf Kinnick, der in seiner Isolation halb die Pandemie verschlafen, geschweige denn eine Ahnung davon hat, in welche Klasse seine Enkel gerade gehen.
Jess Walter behandelt diese beiden Extreme als Seiten derselben Medaille, als Krisenreaktionen, Ausdruck verletzter Egos und je einer guten Portion Selbstmitleid. Das erste Kapitel in „So weit weg“ trägt den Titel „Was Kinnick geschah“; danach folgen die übrigen Kapitelüberschriften der Formel, nehmen nacheinander alle Figuren, ihre jeweiligen Hintergrundgeschichten und Motive in den Blick.
In Kulturkämpfe verstrickt
Auf diese Weise erzählt Walter fortlaufend die Konsequenzen der Taten des einen für den anderen mit, gibt jeder Sichtweise und jeder persönlichen Wahrheit Raum. Das Anliegen von „So weit weg“ – Versöhnung – ist groß, sein Tonfall aber meist beiläufig, lapidar. Wenn sich Kinnick mit dem bipolaren Ex-Cop Chuck Littlefield zusammentut, um die Festung aufzumischen, „wo die Army of Losers für den bevorstehenden heiligen Krieg gegen Einwanderer oder die UN oder Michelle Obama, oder vor wem auch immer sie Angst hatten, trainierte“, hätte selbst jemand vom Format eines Les Edgerton Freude daran, wie ihre sarkastische Knurrigkeit sie erst auseinander- und dann umso stärker zusammenbringt.
Die die erste Amtszeit von Donald Trump begleitenden Kulturkämpfe bilden den Hintergrund des Romans. Aber wenn darin auch von verbannten Büchern bis hin zu handfesten Auseinandersetzungen um den Aufklärungsunterricht an Schulen so ziemlich alle schrägen Schlagzeilen von überm großen Teich zur Sprache kommen, griffe es doch zu kurz, sie als genuin US-amerikanische Probleme zu denken.
Walter zeigt, wie tiefe Risse mitten durch Familien hindurch verlaufen, und unmittelbar fühlen sie sich ganz nah und unangenehm persönlich an. Ebenso wenn er beschreibt, wie der Journalismus, gebeutelt von Algorithmenlogik und wirtschaftlichen Zwängen, immer wieder an seine Grenzen stößt, wenn es darum geht, entsprechende Entwicklungen nicht nur zu erklären, sondern ihnen auch etwas entgegenzusetzen. Dazu braucht es wohl nach wie vor Romane wie „So weit weg“.
Jess Walter: „So weit weg“. Roman. Aus dem Amerikanischen von Georg Deggerich. Kampa Verlag, Zürich 2026. 320 S., geb., 25,– €.
