
Die Frankfurter Buchmesse hat am Dienstag mit dem Appell an die Bundesregierung begonnen, auf europäischer Ebene rasch für die Regulierung Künstlicher Intelligenz zu sorgen. Trotz erster Klagen gegen Urheberrechtsverletzungen durch Penguin Random House und Carlsen fehle den meisten Verlagen das Geld, Prozesse zu führen, und die Zeit, Urteile abzuwarten, sagte Börsenvereinsvorsteher Sebastian Guggolz: „Wir brauchen ein schnelles und entschiedenes Eingreifen der Politik.“
Der am Dienstag veröffentlichte „Frankfurter Appell“ richtet sich daher an die EU-Kommission, das EU-Parlament und die Bundesregierung. Unterzeichnet haben ihn praktisch alle deutschen Verlage, bei denen Bücher erscheinen, die weithin besprochen und gelesen werden. Mit ihnen zusammen fordert der Börsenverein die Gesetzgeber in Berlin und Brüssel dazu auf, für einen „rechtlichen Rahmen mit klaren Verantwortlichkeiten und Pflichten für die Entwicklung und Nutzung“ generativer KI zu sorgen.
So müsse zur „Transparenzpflicht für KI-Unternehmen“ die „Offenlegung der konkreten Trainingsdaten jedes Werkes“ gehören. Zudem müsse ein „Lizenzmarkt mit fairen Erlösmodellen“ entwickelt werden. Das europäische Urheberrecht müsse „durchsetzungsstark ausgestaltet“ werden: „Rechte, deren Verletzung folgenlos bleibt, sind nichts wert.“
Absatz von Büchern und Umsatz sinken auch 2026
Die amerikanische Historikerin Jill Lepore wies in ihrem Eröffnungsvortrag darauf hin, dass mittlerweile fast alles Wissen, das einst in Büchern vorgelegen habe, in KI-Programmen enthalten sei, die einer Handvoll Techunternehmern gehörten. Lepores neues Buch „Die Regierung der Maschinen“ ist vor wenigen Tagen auf Deutsch erschienen. Der demokratisch verfasste Rechts- und Nationalstaat, eine Erfindung der vergangenen 250 Jahre, sei eine Staatsform, die auf Bücher gegründet gewesen sei, sagte die Harvard-Professorin und Pulitzer-Preisträgerin. Ungebändigte KI in den Händen von Silicon Valley bedeute nichts anderes als die „Rückkehr zur Tyrannei“.
Vor diesem Hintergrund dürfe die Bändigung der KI nicht an die Buchbranche, Eltern, Kindergärten und Schulen abgetreten werden, sagte Guggolz. Sie sei eine genuin politische Aufgabe: „Wir Buchmenschen warten sehnsüchtig auf ein Zeichen.“ Kulturstaatsminister Wolfram Weimer habe zur Eröffnung der Buchmesse 2025 in diesem Sinne „sehr engagiert“ gesprochen: „Allein, wir sind praktisch auf demselben Stand wie vor einem Jahr.“
Auf der Buchmesse, die am 11. Oktober zu Ende geht, werden viele Gespräche auch darum kreisen, dass Verleger aus aller Welt KI als hilfreiches Werkzeug für ihre Arbeit erleben, wie Buchmessendirektor Juergen Boos sagte. Er tritt nach dem Ende der Bücherschau in den Ruhestand und wurde für seine 21 Jahre als Geschäftsführer mit dem Heinrich-Perthes-Preis des Börsenvereins ausgezeichnet, der höchsten Auszeichnung des Verbands, der die Messe seit 1949 in Frankfurt veranstaltet. KI helfe Verlagen bei Manuskriptanalyse und Datenverwaltung, sagte Boos: „Es geht darum, wie die Branche KI nutzen und den Wert ihrer Werke sichern kann.“
Das ist umso entscheidender, als der Buchabsatz nach Angaben des Börsenvereins in den ersten acht Monaten des Jahres 2026 verglichen mit dem Vorjahreszeitraum um 3,7 Prozent zurückgegangen ist. Der Umsatz sank um drei Prozent. Guggolz führt diese Zahlen auch auf 30 Prozent weniger Absatz bei jungen Käufern im Alter zwischen zehn und 15 Jahren sowie die schwindende Lesekompetenz dieser Altersgruppe zurück. Erst kürzlich hatte die PISA-Studie festgestellt, dass ein Drittel der deutschen Fünfzehnjährigen nicht sinnentnehmend lesen kann. „Wir sind dabei, unsere Selbstbestimmung zu verlieren“, sagte er. Leseförderung müsse in der Bildungspolitik der Bundesländer nun „unbedingte Priorität“ haben.
Bis zum Ende der Buchmesse stellt sich die Tschechische Republik als Ehrengast vor. 75 Autoren sind nach Frankfurt gekommen und auf dem Messegelände und in der Innenstadt zu erleben. Vom 9. Oktober an ist die Messe für jedermann zugänglich.
