
In den vergangenen Spielzeiten hat es das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (DSO) immer wieder geschafft, programmatische Zeichen zu setzen, die auch wahrgenommen wurden. In der Saison 2023/2024 stand in jedem Konzert das Werk einer Komponistin auf dem Programm, in der vergangenen Saison wandte sich das besondere Interesse schwarzen Komponisten der Afrodiaspora zu. In der eben begonnenen Spielzeit sollen die programmatischen Fäden aus der Vergangenheit weitergesponnen und verwoben werden.
„Ach, Mensch“ lautet das Motto nun, ein Stoßseufzer, der ironisch und ein wenig rätselhaft getönt wird durch das poppig glänzende Bonbonrosa, in dem er auf Plakaten und Saisonbroschüren erscheint. Eingespart wird das eigentlich fällige Ausrufezeichen, was dem Ganzen einen Hauch des Vergeblichen gibt. Keine Kraft mehr oder zu große Vorsicht, dass es für einen entschiedenen Ausruf reichen würde. Dafür rosig trauernde Offenheit, die mit Musik gefüllt sein will, aber auch mit der neu eingeführten Form einer Keynote zu Beginn des Konzerts.
Eine Rede vor dem wartenden Orchester
An sechs Abenden der Saison erscheinen bewährte Vertreter des gesellschaftlichen Diskurses zur kurzen Rede: Michel Friedman war bereits zu Gast, Carolin Emcke wird kommen und Navid Kermani, die Ökonomin und Gesellschaftswissenschaftlerin Maja Göpel übernahm beim Antrittskonzert des neuen DSO-Chefdirigenten Kazuki Yamada.
Eigentlich ist man im Konzert froh, Ruhe vor dem Wort zu haben, hier nun tut sich eine neue Wort-Ton-Konkurrenz auf. Der Abend erhält mit Göpels Rede vor wartendem Orchester (in zehn Minuten werden hier noch einmal die Probleme unserer Zeit zusammengetragen) etwas Offizielles, Staatsakt-haftes, von dem er sich erst wieder erholen muss. Zumal sich die Pianistin Alice Sara Ott, die in Edvard Griegs Klavierkonzert den Solopart übernahm, ihrerseits bemüßigt sieht, eine persönliche Philosophie der Musik auszubreiten – um dann mit Arvo Pärts „Für Alina“ eine Musik von exzeptioneller Dürrheit folgen zu lassen. Das Stück gehört zu den ersten nach Pärts Hinwendung zu einer radikalen Vereinfachung der Klangsprache.
Er vertraut auf die Verantwortlichkeit seiner Musiker
Tatsächlich brauchte die Musik an diesem gedankenvollen Abend Fürsprecher, die ihr zu starker Präsenz verhelfen. Das ist nur bedingt der Fall, als Kazuki Yamada, der dankeswerterweise darauf verzichtet, seinerseits auch noch das Wort zu ergreifen, zur selten anzutreffenden Gruppe von Dirigenten zählt, die kunstvolle Unschärfe einer klar definierten Deutlichkeit vorziehen. Die Gestik des japanischen Dirigenten, seit 2023 Chef des City of Birmingham Symphony Orchestra, ist erkennbar am Vorbild Claudio Abbados geschult: das skrupulöse Kopfzittern, die hoch erhobenen Arme, die wie magisch geöffneten Hände, das Ungefähre des Schlags.
Inwiefern sich in dieser Kopie eine Marotte des gleichwohl grundsympathisch wirkenden Dirigenten verbirgt und was an Geisteshaltung damit einhergeht, wird sich zeigen müssen. Vorerst wird Yamadas Vertrauen in die Eigenverantwortlichkeit der Musiker nicht recht zurückgezahlt. Vom präzise eingefassten, durchhörbaren, vielschichtigen Klang seines Vorgängers Robin Ticciati ist nichts mehr zu hören, stattdessen geht der Ton des DSO nun deutlich in die Breite, wirkt wärmer, aber auch fransig.
Was Yamada, dessen Berliner Amtsantritt in seiner japanischen Heimat großes Interesse hervorruft – das staatliche Fernsehen NHK schneidet mit –, bei Edvard Griegs Klavierkonzert wie bei Claude Debussys „La Mer“ zunächst vermitteln möchte, ist die lächelnde Lust am Musizieren. Nichts soll beschweren, nichts die Lust mindern. Aber ist das wirklich der goldene Weg? Steckt im zweiten Satz von Griegs Klavierkonzert neben blanker Schönheit nicht auch tiefe Melancholie? Ist „La Mer“ bei allem Hin und Her energetischer Ströme, von denen sich Yamada treiben lässt wie ein froh gelaunter Schiffer, nicht auch ein überwältigend kunstreiches Mosaik pointilistisch anmutender Einzelereignisse? Davon ist wenig zu hören.
Die Aufführung bewegt sich meist im angenehmen Mittelfeld der Lautstärke, was Yamadas generöser Zeichengebung entspricht. Zu einer Gewichtung der Stimmen kommt es kaum einmal, selten treten führende Partien aus der eintönigen Ballung des Ganzen hervor. Dass mit Anna Clynes „Woman of the Mountain“ das Werk einer zeitgenössischen Komponistin mit auf dem Programm steht, ist verdienstvoll, bildet aber doch wieder nur eine Variation zum Thema „geballter Klang“. Ins Neoromantische tendiert Clynes Musik, für die sie ein irisches Volkslied als Ausgangsmaterial nahm.
Diese Melodie wird ein ums andere Mal in chorischer Parallelbewegung durchexerziert, die Holzbläser, wenn sie aus dem Chor austreten, mutieren zum gefiederten Volk, das ein in schwerer Ton-Verdauung sich windendes Streichorchester mit frohem Tschilpen erfreut. Auch hier ist Yamada wieder im klangreichen Element. Das DSO aber wird sich trösten können mit Aufnahmen aus den ersten Berliner Jahren Abbados, als die Philharmoniker sich ratlos daranmachten, die Freiräume zu deuten, die ihnen der neue Chefdirigent ließ.
