Die Volksbühne! Am Rosa-Luxemburg-Platz! In Berlin ist sie immer noch ein einzigartiges Mysterium, obwohl die Stadt mit dem Berliner Ensemble, der Schaubühne und dem Deutschen Theater weitere auratische Häuser aufbieten kann. Und obwohl die Volksbühne seit dem Abschied ihres langjährigen Intendanten Frank Castorf 2017 vorwiegend im künstlerischen Koma lag. Vielleicht steckt dahinter die Sehnsucht nach einem Theater, das mit Theater möglichst wenig zu tun hat, dafür mehr mit grenzüberschreitenden Spektakeln, und das es seinem Publikum erlaubt, sich in ewig jugendlicher Coolness avantgardistisch und systemkritisch zu fühlen – natürlich von ebendiesem System finanziert.
Die Volksbühne ist heute eine jener Urban Legends, die niemand erklären kann und zu denen deshalb jeder seinen Senf dazu gibt. Mit Matthias Lilienthal, der von 1992 bis 1998 Chefdramaturg an der Volksbühne war, hat sie jetzt einen neuen Intendanten, der genau weiß, wie dieses Haus im Berliner Reizklima am besten zu vermarkten ist. Das fing schon mit dem sogenannten „Volksbad“ an, das acht Wochen lang vor dem Theater aufgestellt war und in dem man kostenlos schwimmen konnte. Dass dessen Kosten von 300.000 Euro auf 410.000 Euro gestiegen waren, wurde in der finanziell akut bedrohten Hauptstadtkulturszene durchaus kritisch kommentiert. Aber vielleicht nicht kritisch genug?
Fünf nackte Frauen an der Fassade
Nun fand jedenfalls die dreitägige Eröffnung statt, als deren gewiss nicht preiswerter Prolog die Choreographin Florentina Holzinger, Mitglied im Artistic Board der Volksbühne, „House Wash“ betrieb: Das Wasser des Beckens wurde durch drei Rohre fontänenartig in die Luft gesprüht, während fünf angeseilte, nackte Frauen die Fassade schrubbten und andere Nackte auf dem Dach Musik machten. Dort war zudem eine Courbets Gemälde „Der Ursprung der Welt“ nachgebildete Gummipuppe befestigt, die ebenfalls im hohen Bogen Wasser ließ. Ein Rettungswagen stand bereit, aber es fiel niemand in Ohnmacht.

Weniger gespreizt ging es später innerhalb des Gebäudes zu, wo die Künstlergruppe Rimini Protokoll unter dem Titel „House of Hopes“ eine „kollektive Hausbegehung“ organisiert hatte. Die Besucher, in drei Gruppen aufgeteilt, wanderten von Ort zu Ort und wurden dort mit Menschen aus zehn Ländern konfrontiert, die 1989 auf gesellschaftliche Veränderungen in ihrem eigenen Land hofften, wie aus Polen, Rumänien, Afghanistan oder Chile. Angeregt wurde das Projekt durch die Tatsache, dass sich im Oktober 1989 in der Volksbühne Theaterschaffende versammelt hatten, die für den 4. November eine Demonstration auf dem Alexanderplatz organisierten.
Wie gerne alle tanzten
Die in Berlin lebenden, gut ausgewählten Erzählerinnen und Erzähler in „House of Hopes“ berühren mit ihren privaten Berichten, die sich im globalen Kontext spiegeln. Da ist der Menschenrechtsaktivist Israel Kaunatjike, der sich für die Anliegen der Herero einsetzt. Eine frühere Ökonomin berichtet von der Unfreiheit in China. Dabei verschweigt sie ihren Namen und verbirgt ihr Gesicht, weil sie fürchtet, bei zu viel Kritik nicht mehr in ihre Heimat reisen zu können. Eine Frau aus dem Iran denkt an ihre Familie und wie gern alle getanzt hatten, ehe dies im öffentlichen Raum verboten wurde. Das Publikum wird oft eingeladen, sich mit Geräuschen und Gesten an den kleinen Szenen zu beteiligen. Es gibt Musik, ergänzende Computergrafiken und eine perfekte Choreographie, die sich Stefan Kaegi und Daniel Wetzel von Rimini Protokoll ausgedacht haben. Die Gruppen begegnen sich während des über zwei Stunden langen Abends immer wieder. Dann stellen die einen für die anderen die Statisten in den Geschichten dar, denen alle – meist über Kopfhörer – lauschen. Der technische Aufwand dieser Veranstaltung ist enorm, barrierefrei ist dieser Parcours in der sich ansonsten so inklusiv gerierenden Volksbühne allerdings nicht, und wer schlecht auf den Beinen ist, wird mit den Wegen und Stufen seine liebe Not haben. Am Schluss kommen alle zusammen und applaudieren einander.

Wie es anders zugehen kann, beweist „Perfection“ nach dem 2022 auf Italienisch erschienenen Roman von Vincenzo Latronico im Prater. Diese Dependance der Volksbühne im Bezirk Prenzlauer Berg war jahrelang geschlossen. Nun sitzt man im renovierten Gebäude an den vier Seiten einer schmalen Spielfläche und schaut sechs Schauspielern zu. Die beschäftigen sich mit dem Lebensgefühl der digitalen Bohème, die in den Neunzigerjahren nach Berlin zog, weil der Spaß lockte und die Mieten niedrig waren. Dazu fällt der Regisseurin Anta Helena Recke freilich gar nichts ein. Meist wird einfach auf Deutsch und Englisch direkt ins Publikum erzählt und achtsam aus der Buchvorlage zitiert. Es sind keine Figuren, es sind Sprecher, und zwar eher unterdurchschnittliche, die man hier erlebt. Sie tragen weiße T-Shirts, auf denen mal „Body“ und mal „International Nobody“ oder Ähnliches (Kostüm: Pola Kardum) steht, und plappern sich durch lange Beschreibungen von Räumen, Tätigkeiten, Konsumgütern, die dem Roman eine eisige Oberfläche geben, jedoch als beflissen abgespulter Theatertext kolossal anöden. Traurig denkt man an die Zeit zurück, als der 2024 verstorbene Autor und Regisseur René Pollesch ab 2001 Leiter des Praters war und in seinen Stücken die Kapitalisierung der Gefühle wie der Welt samt Gentrifizierung („Stadt als Beute“) thematisierte. Von einer „Verabredung mit der Geschichte“ ist bei Latronico einmal die Rede. Das passt zu diesem Abend – nur ist sie ganz und gar gescheitert.
Genau das Gleiche lässt sich auch über „Mononoke“ sagen, einer wirren, unausgegorenen Produktion von Satoko Ichihara (Text und Regie). Es geht um die Faszination von Eisen, den Wunsch nach Kindern, die Kraft von Flüchen. Außer Gro Swantje Kohlhof, Rosa Lembeck, Julia Riedler und River Roux spielen einige Puppen mit. Das Bühnenbild der renommierten koreanischen Künstlerin Mire Lee ist geprägt von organisch zerfließenden Skulpturen. Sogar eine überdimensionale Gebärmutter ist dabei. Trotzdem erinnert in der Inszenierung alles höchstens an Manga und läuft sinnfrei ins Leere. Die Partys nach den Premieren sollen gut gewesen sein, die Aufführungen hingegen waren fast alle peinlich. Man darf gespannt sein, wohin sich Matthias Lilienthals Volksbühne entwickeln wird. Im Moment sieht es künstlerisch jedenfalls nicht gerade nach einem Haus der Hoffnungen aus.
