Der Fluss ist kein Fluss, sondern eine Bundeswasserstraße. Deshalb erste Regel für Hobbysportler auf dem Rhein: Der Schiffsverkehr hat Vorfahrt. Egal, ob von links oder rechts. Wer als Freizeitkapitän mit seinem Paddelboot unterwegs ist, muss aufpassen, dass er nicht unter die Kähne kommt – und schippert deshalb besser außerhalb der Fahrrinne. Muss er sie queren, dann nur mit ausreichend Abstand – und zwar hinter dem Heck.
Gravierend unterscheidet sich die Wasserlage, wenn keine großen Schiffe fahren können. So wie derzeit. Der Rhein ist so niedrig, dass der Schiffsverkehr in weiten Abschnitten des Mittelrheintals und im Rheingau zwangsweise ruht.
Selbst für Freizeitsportler hat der Wasserstand Auswirkungen. Die Yachten an den Bootsstegen hängen mit Schlagseite in den Seilen, liegen halbseitig auf Grund.

Der Pegel in Kaub ist sogar in den negativen Bereich gerutscht. Das heißt freilich nicht, dass der Strom hier ausgetrocknet wäre. Noch fließt etwas Wasser den Rhein runter. Der Pegel zeigt nicht die tatsächliche Tiefe an, sondern den Wasserstand an einem bestimmten Messpunkt. Schiffsleute kennen die Referenzgrößen, wissen die Zahlen einzuschätzen. Laien genügt auch das Augenmaß, um zu erkennen, dass die Lage eine besondere ist.
Wenn es Zeit wird, das Boot zu schultern
Paddeln und rudern ist immerhin noch möglich. Nur nicht dort, wo es sonst üblich ist. In den Seitenarmen und Stillgewässern könnte man kaum noch ertrinken, wenn man kentern würde, sich dafür aber unmittelbar das Knie aufschlagen, so flach ist der Wasserstand.

Bei wem noch eine Handbreit Wasser unterm Kiel fließt, der muss beim Eintauchen des Paddels damit rechnen, Sand, Muscheln und Geröll emporzuschaufeln. Doch wer nicht gerade zur Leichtgewichtsklasse gehört, kann den Betrieb eigentlich einstellen, da der Kahn alle paar Meter auf Grund läuft.
Spätestens wenn einem Nilgänse, Graureiher und Höckerschwäne im seichten Wasser nicht mehr schwimmend begegnen, sondern zu Fuß, weiß der geneigte Natursportsfreund, dass es Zeit ist, sein Boot zu schultern.
Nur wo? In den linksrheinischen Flussauen mit ihren stillen Stellen hat sich das versandete Gewässer längst unappetitlich verfärbt. Mangels Nach- und Abfluss bildet sich eine zähflüssige, grüne Oberflächenpampe. Eine grüne Soße, die nach faulen Eiern stinkt. Wenn das Wasser im Rhein goldner Wein wäre? Schön wär’s.
In Oestrich-Winkel zeigt der Pegel Mitte der Woche noch 23 Zentimeter an. Auch dies ein negativer Höhepunkt. Tendenz fallend. Am Donnerstag regnete es erstmals seit Wochen, dennoch: Nebenbäche und Zuflüsse sind weitgehend versiegt, das Grundwasser gesunken, das Schmelzwasser der Gletscher kommt kaum an.
Dank der allgemeinen Ebbe können sich Feierabendpaddler einen gewissen Eskapismus leisten. Wo kein Frachtschiff Wellen macht und keine Motoren knattern, sollte das Ausweichen in die Fahrrinne risikolos möglich sein. Abseits des Uferbereichs entgeht man auch der Gefahr, sich in Angelschnüren zu verheddern.
Es fühlt sich besonders an, dieses sanfte Gleiten stromabwärts auf der Überholspur. Im Abendrot. Der Sonne entgegen. Bei nahezu völliger Stille. So ähnlich wie Fahrrad fahren auf der gesperrten Autobahn in Zeiten der Ölkrise. Irgendwie erhaben. Aber auch beinahe unheimlich. Höchste Zeit, dass es mal wieder stärker regnet.
