Das nebelverhangene Sommerhaus der Familie Tyrone steht plötzlich kopf. Eben war in dem beigebraunen Interieur mit den ordentlich gereihten Büchern und der Fotogalerie noch alles an seinem Platz, als sich der Familienhöllenwürfel plötzlich um 180 Grad zu drehen beginnt und das Inventar der Frankfurter Bühne durch die Luft fliegt. Die Tyrones in ihren buttergelben Gewändern lassen sich von dem Getöse kaum beirren. Der Tag hat gerade erst begonnen, doch sie sind längst in ihrem eigenen Zerstörungsmodus. Der richtet sich gegen die anderen und sich selbst. Sie streiten, weinen und lieben und schaffen es in all der Verzweiflung kaum, den Tag zu überstehen. Und der ist bekanntlich lang.
Eugene O’Neills Klassiker „Eines langen Tages Reise in die Nacht“, in dem der Nobelpreisträger 1941 sein eigenes, unglückliches Familienleben ziemlich authentisch beschrieb, ist die Blaupause aller Stücke über dysfunktionale Familien. Signe Raunkjær Holm hat dem Wohnungswürfel eine leere weiße Bühne vorangestellt, die in den Zuschauerraum ragt und die Schauspieler nah ans Publikum bringt. Doch nichts in diesem Drama bringt Erleichterung, auch keine Nähe. Deshalb tragen die Schauspieler Kostüme (Cédric Mpaka), die wie Astronautenanzüge aussehen. Als seien sie auf einer Mondreise. Alle hier sind Lichtjahre voneinander entfernt.

Auch die höfischen Accessoires, die putzigen weißen Halskrausen und der Goldschmuck markieren keine eigene Genealogie. Der Hausherr stammt aus bitterarmen Verhältnissen. Sie verweisen vielmehr auf das Theater im Theater. Man ist Schauspieler in dieser Familie, oder wenigstens Dichter, und beruft sich auf Hamlet oder Lear, auch wenn nur „Der Graf von Monte Christo“ auf dem Spielplan steht. Das Stück, „geschrieben in Tränen und Blut“, wie O’Neill einmal notierte, sollte frühestens 25 Jahre nach seinem Tod aufgeführt werden. Doch seine Witwe setzte sich 1956, drei Jahre nachdem er gestorben war, über den Wunsch hinweg. Seither ist die O’Neill’sche Familienhölle in der Welt.
Alle Tyrones haben sich in die Sucht geflüchtet
Äußerlich geschieht wenig, dafür gibt es jede Menge innerer Konflikte. Es geht um Liebe, Hass und Rausch. Alle Tyrones haben sich in die Sucht geflüchtet. Der alte Tyrone und sein Sohn Jamie, beide Schauspieler, trinken. Und das tut auch der Jüngste, der zarte Edmund, der so gern ein Dichter wäre und wie O’Neill zur See fuhr. Dass er zudem an Tuberkulose erkrankt ist, soll seine Mutter Mary nicht erfahren. Sie ist den Opiaten zugeneigt und gerade aus der Entzugsklinik heimgekehrt. Doch spritzt sie schon wieder. Heidi Ecks spielt die Morphinistin mit der Verve einer Bette Davis, die zunächst kokett damit hadert, dass ihr ein Leben voller Versprechen versagt blieb. Doch je weiter der Tag voranschreitet, desto deutlicher tritt die Tragödie ihres Lebens zutage. Sie gibt sich die Schuld für den frühen Tod eines ihrer Kinder.
Kann eine Bearbeitung, die gut die Hälfte des Textes streicht und das fast vier Stunden dauernde Stück auf hundert Minuten kürzt, noch „Eines langen Tages Reise“ sein? O’Neill hielt die Länge in vier Akten für notwendig, weil er das Publikum damit „ermüden“ wollte. Die Straffung zu einem „Klassiker to go“ verändert die Wirkung. Sie nimmt dem Stück seine zermürbenden Wiederholungen und gewinnt so an Tempo und Reibung. In Max Lindemanns Inszenierung geht es lebhaft zu. Dies ist kein Trauermarsch wie in manch anderer Darbietung des Stücks. O’Neills Zumutung wird trotzdem greifbar.

Der Bühnennebel ist dabei mehr als Kulissenzauber. Das Stück spielt an der Ostküste, also am Meer, doch die Bezüge zum Handlungsort und der Zeit, einem Augusttag des Jahres 1912, wurden aufgelöst. Der Tyrones stehen für alle unglücklichen Familien. Und der Nebel, Sinnbild der Isolation, kriecht in die Figuren hinein. Edmunds Todessehnsucht gewinnt im Nebel Gestalt. Miguel Klein Medina spielt ihn als den verletzlichsten Bewohner dieses toxischen Haushalts: „Es war ein Fehler, dass ich als Mensch geboren wurde. Als Möwe oder Fisch hätte ich es weitergebracht. So werde ich immer ein Fremder bleiben, nirgends zu Hause.“
Die Stärke dieses gnadenlosen Schauspiels liegt in den abrupten Wechseln. Vorwürfe schlagen in Vergebung um, Angriffe in Rückzug, und dann beginnt alles von Neuem. Die vier Darsteller halten die Spannung in dieser Choreographie aus Nähe und Distanz und gewinnen ihr mitunter sogar Komik ab. So ist Uwe Zerwers Tyrone ein skurril-grotesker Haustyrann, von Natur aus geizig, vom Erfolg verbittert, der felsenfest überzeugt davon ist, das wahre Opfer der Familie zu sein. Er hat es zu Reichtum gebracht mit Melodramen zur Matinee, aber er hätte ein „großer Shakespeare-Darsteller“ werden können. Davon ist er überzeugt.
Jamie hat das gegenteilige Problem. Als Versager in allem ruiniert er sich durch die Sauferei. Christoph Bornmüller zeigt die vielen Facetten dieses Glücklosen, der die verhängnisvolle Dynamik erkennt, aber nichts gegen sie auszurichten weiß. Sein Zynismus kann den quälenden Selbsthass kaum verbergen. In einem nächtlichen Gespräch gesteht er seinem kranken Bruder Edmund: „Das Tote in mir hofft, dass du nicht wieder gesund wirst.“ Auch Marys Rückfall in die Sucht gründet auf ihrer Sorge um Edmund. Ursächlich aber geht sie auf Tyrones maßlosen Geiz zurück, der nicht davor zurückschreckt, seine Familie zu Kurpfuschern zu schicken, um Arztkosten zu sparen.
Das Ensemble wechselt Momente durchdringender Intensität mit subtiler theatralischer Überhöhung, etwa wenn das Gespräch auf Literatur oder das Theater kommt. Dann überbieten sich die Familienmitglieder als Tragöden, als stünden sie auf einer Bühne und nicht auf der Terrasse ihres desolaten Sommerhauses. In „Trauer muss Elektra tragen“ griff O’Neill bereits auf Aischylos’ „Orestie“ zurück. „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ ist sein wohl intimstes Stück, das den Fatalismus der antiken Tragödie in ein modernes Familiendrama übersetzt. Im Nebel wird das Sommerhaus zum geschlossenen System, aus dem es kein Entkommen gibt. Selbst die Bilderrahmen sind leer, sie zeigen eine weiße Fläche. Und die Bücher, die verstreut auf dem Boden herumliegen, sind Blindkopien ohne Text. Erlösung ist nicht vorgesehen.
