„So einen Preis kann man nur bekommen, wenn man die besten Schülerinnen und Schüler Deutschlands hat“, ruft Ute Zeller in das Mikrofon. Jubel bricht auf dem Schulhof vor der kleinen Bühne aus. „Und die besten Lehrerinnen und Lehrer“, fügt Schulleiterin Zeller hinzu. Der Jubel wird noch einmal lauter. Vor wenigen Minuten haben hier in Hessen die Herbstferien begonnen. Auf dem Schulhof der Bertha-von-Suttner-Schule in Mörfelden-Walldorf ist jedoch noch viel los. Ein Hausmeister wirft Luftballons von einem Vordach, ein DJ legt Musik auf. Angeführt von einer bis über beide Ohren strahlenden Lehrerin tanzen Jungen und Mädchen in einer Polonaise über den Schulhof. Seit Dienstag kommen sie hier aus dem Feiern nicht mehr heraus. Denn die Bertha, wie alle ihre Schule hier liebevoll nennen, hat den Deutschen Schulpreis und somit 100.000 Euro gewonnen.
Laut der Jury zeige die Bertha-von-Suttner-Schule eindrucksvoll, wie eine große Schulgemeinschaft gemeinsame pädagogische Ziele konsequent und mit viel Ausdauer verfolgen kann. „Beziehungsarbeit und Bildungserfolg, Kompetenzorientierung und Wissensvermittlung gehen hier ebenso Hand in Hand wie Leistungsorientierung und Wohlbefinden“, heißt es. Multiprofessionelles Arbeiten und Inklusion seien an der Bertha die Regel und tief verwurzelte Haltung in der Schulgemeinschaft.
„Wer ein Selfie mit dem Preis machen möchte, kann sich anstellen“, ruft eine Lehrkraft von der kleinen Bühne auf dem Schulhof aus. Die Kinder und Jugendlichen stürmen los. Nach wenigen Minuten zieht sich die Warteschlange aus Hunderten Schülern einmal quer durch die geräumige Eingangshalle und bis auf den Schulhof hinaus. Fröhliches Geschnatter, draußen wummert der Bass. Knapp eine Stunde warten manche, bevor sie den Preis in ihren Händen halten und für ein Foto in die Kamera grinsen können.

„Anerkennung“ – dieses Wort fällt immer wieder, wenn Schüler und Lehrkräfte danach gefragt werden, was ihnen der Preis bedeutet. Die Bertha-von-Suttner-Schule ist eine integrierte Gesamtschule, die lange – und für manche immer noch – mit einem schlechten Ruf zu kämpfen hatte. „Die Gymnasien außerhalb schauen auf uns herab“, sagt Lehrer Jan Krug. „Assischule“ werde die Bertha genannt.
„Durch den Preis haben Sie gemerkt, wir haben was drauf“, sagt die achtzehnjährige Bilyana Mussie. Sie und ihre Zwillingsschwester sind in der 13. Klasse, engagieren sich in der Schülervertretung und im Jugendzentrum. „Wenn ich draußen bin, habe ich das Gefühl, man wird nicht wahrgenommen“, sagt Bilyana. An der Bertha sei das anders. „Die Schule ist unser Wohlfühlort“, sagt sie. „Wie eine Familie, wie ein Zuhause“, ergänzt die neunzehnjährige Kim Rümelin. „Die sehen uns als Individuum.“
Jeder Schüler zählt
An der Bertha führen die Lehrkräfte, insbesondere zum Schuljahresbeginn, biographische Interviews mit ihren Schülern. Wie leben die Schüler zu Hause? Welche Sprache sprechen sie mit ihren Eltern? Welche Probleme, Ängste und Sorgen bringen sie potentiell mit, aber auch welche Talente und Fähigkeiten? Viele Kinder kämen aus „schwierigen Verhältnissen“, sagt Lehrer Jan Krug, der an der Bertha die Abteilung Unterrichtsentwicklung leitet. Dazu käme, dass viele bis in die Oberstufe hinein nicht perfekt Deutsch sprächen. „Ich beklage das nicht“, sagt er. Darauf müssten sie sich einfach einstellen. „Wenn sich die Kinder verändern, muss sich auch die Schule verändern“, sagt er.

„Die Lehrkräfte sind anders hier“, sagt Oberstufenschüler Firat Orak. Der Unterricht sei spannend und abwechslungsreich. Hier würden sie motiviert, inspiriert und vor allen Dingen wertgeschätzt, betonen die Jugendlichen immer wieder. An anderen Schulen sei das nicht so gewesen. Die Bertha, die sei schon etwas Besonderes.
Firat Orak durfte bei der Preisverleihung am vergangenen Dienstag in Berlin, die im Fernsehen übertragen wurde, live dabei sein. „Das war ein großer Moment für uns“, sagt er. Auf der Bühne jubelten und umarmten sich Schüler und Lehrkräfte innig, und auch der Kanzler, der den Preis überreichte, wurde von einigen Lehrerinnen und der Schulleiterin kurzerhand umarmt. Daraufhin musste er sich erst mal ein paar Tränen wegwischen und versprach, die Schule besuchen zu kommen.

Der Deutsche Schulpreis wird seit 2006 für eine besonders gute Schulqualität vergeben. Vergeben wird die Auszeichnung von der Robert Bosch Stiftung und der Heidehof Stiftung. 15 Schulen waren dieses Jahr im Finale. Die Schulen müssen sich selbst schriftlich bewerben „Das war unheimlich komplex, alles auf zehn Seiten runterzubrechen“, sagt Krug. Als sie in der engeren Auswahl waren, habe die Jury die Bertha noch mal ganz genau unter die Lupe genommen. Zwei Tage lang hätten sie sich die Schule angeschaut, Lehrkräfte, Eltern und auch Schülerinnen und Schüler interviewt. „Die waren wirklich gut vorbereitet“, sagt Krug.
Wie aus der Bertha-von-Suttner-Schule eine Leuchtturmschule wurde
Der Weg zum Sieg beim Deutschen Schulpreis war für die Bertha nicht leicht. Als Schulleiterin Ute Zeller vor 20 Jahren an die Schule kam, sei das Kollegium zerstritten gewesen, die Oberstufe stand kurz vor der Schließung. „Das war hier wahnsinnig viel Arbeit“, sagte sie. Sie habe viele Einzelgespräche im Kollegium geführt, erst mal „den Krieg geschlichtet“.
Dann habe sie das Fach Spanisch eingeführt, um mehr Schüler in der Oberstufe zu halten, und sich für das Gütesiegel Hochbegabtenförderung beworben. Gemeinsam mit einigen Lehrkräften besuchte Zeller Schulen in anderen Ländern, zum Beispiel in Skandinavien, um von ihnen zu lernen. Nach und nach hätten sie dann eine gemeinsame Vision entwickelt. Ermutigen und Stärken – das sei ihr Motto.

An der integrierten Gesamtschule mit mehr als 2000 Schülern gibt es A-B-C-Kurse für unterschiedliche Leistungsniveaus in den Fächern. Die Schüler können an der Bertha selbstgesteuert und projektbasiert lernen. Eigens entwickelte und selbst gehostete spezialisierte KI-Bots unterstützen bei der individuellen Sprachförderung.
Beim ersten bundesweiten KI-Schulpreis wurde die Bertha 2025 mit dem zweiten Platz in der Kategorie „KI-Gesamtkonzept“ ausgezeichnet. Der „reflektierte Umgang mit Digitalität und Daten“ wurde von der Jury des Deutschen Schulpreises ebenso besonders hervorgehoben. An der Bertha würden Digitalität und KI „selbstverständlich und in teilweise beeindruckender Virtuosität als Lernwerkzeuge genutzt“. Das hauseigen entwickelte Lernnetz soll laut Krug bald um KI-basierte, das Lernen begleitende Leistungsbeurteilung erweitert werden.
Alle Projekte werden von Schülern und Lehrkräften kontinuierlich evaluiert und von eigenen Abteilungen weiterentwickelt. Dieses Gesamtpaket überzeugte die Jury. „Die Bertha-von-Suttner-Schule beweist, wie gut ein durchdachtes Konzept und eine persönliche Begleitung zusammenwirken“, erklärte Jurysprecher Thorsten Bohl. Die Bertha sei ein bundesweites Vorbild für Chancengerechtigkeit.
Wie schaffen sie das?
Deutlich mehr Geld und Ressourcen als andere Schulen habe die Bertha laut Schulleiterin Zeller nicht zur Verfügung. Aufgrund des Sozialindex habe sie zwei Stellen mehr. Bei knapp 90 Klassen mache das jedoch wenig aus. Aber Zeller weiß vorhandene Mittel clever zu nutzen. Lehrerstunden aus dem Ganztag nutze sie beispielsweise für die individuelle Förderung einzelner Schüler am Vormittag. Dafür brauche sie qualifizierte Lehrkräfte und keine Studenten. Musik- oder Sporttrainer für den Ganztag könne sie mit verbleibendem Geld einkaufen. Der Trick sei: „Nix so hinnehmen, wie es da steht“.

Schulen hätten laut Zeller oft noch immer eine Organisationsstruktur „wie aus dem Kaiserreich“. Eine klare Pyramide der Macht. „Wenn ich Schule anders haben will, dann muss ich die Kreativität freilassen können“, sagt sie. An ihrer Schule solle das Kollegium Selbstwirksamkeit spüren. Julian Fischer kümmere sich an der Bertha beispielsweise um Technologienentwicklung, Jan Krug um Unterrichtsentwicklung. „Das sind Experten“, sagt Zeller.
Bei der Einstellung neuer Lehrkräfte achte sie weniger auf gute Noten und mehr auf die richtige Grundeinstellung. Genau wie ihre Schülerschaft sei das Kollegium sehr divers. Das zahle sich aus. Die Kommunikation mit Eltern, die kein Deutsch sprechen, sei so beispielsweise fast immer ohne externe Übersetzer möglich. Und das Engagement und der Tatendrang der Lehrkräfte überragend.
Das Feedback der Schüler werde auf allen Ebenen ernst genommen – egal ob es um die Stundenpläne oder die Weiterentwicklung pädagogischer Konzepte für den Unterricht gehe. „Wir wollen an unserer Schule jeden stärken, damit er zu Höchstleistungen bereit ist“, sagt Zeller. Trotz schwieriger Startbedingungen verlassen fast keine Schüler die Bertha ohne Abschluss. Nur 15 Prozent der Fünftklässler kämen mit einer Gymnasialempfehlung an die Schule. Zwei Drittel derjenigen ohne Gymnasialempfehlung absolvierten am Ende dennoch das Abitur.
Was genau sie mit den 100.000 Euro Preisgeld machen, das wissen sie an der Bertha noch nicht. Aktuell sammeln sie Ideen. Auch wenn sie wenig zu meckern haben, fällt den Schülerinnen und Schülern der Bertha doch einiges ein, wofür sie das Preisgeld nutzen könnten. Mehr Fahrradständer, die Toiletten renovieren oder Materialien für den Kunstunterricht, schlägt Guoste Cesnaite vor. Auch die Klimataskforce oder die Teams von der Musik-, Kunst- oder Sportpause hätten vermutlich Bedarf.
Nach den Herbstferien werden Schüler und Lehrkräfte ganz im Stil der Bertha gemeinsam entscheiden. Die einzige Vorgabe von Frau Zeller: Es soll nachhaltig sein, und auch künftige Jahrgänge sollen davon profitieren. „Ich kann an der sozioökonomischen Lage der Schüler nichts ändern“, sagt Zeller. „Aber hier an der Bertha kann ich ihnen die Welt bieten.“
