Vor das Glück dieser Erde hat der Gott der Cowboys ein Formular gestellt, das eine Unterschrift verlangt: mit Helm oder ohne Helm? Ein fülliges, schwarzfelliges Ross namens Onyx steht schon bereit, mit dem linken Steigbügel soll man sich da nun also hinaufschwingen, um zum ersten Mal im Leben zu reiten. Und das gleich im Wilden Westen.
John Wayne, der größte aller Cowboys, wäre mit Helm undenkbar. Andererseits hat Onyx, während man noch neben ihm steht, eben doch eine einschüchternde Höhe. Und so unterschreibt man dann die Variante, die ein wenig mehr Sicherheit gibt. Wenige Minuten später fühlt sich die Vorsicht schon übertrieben an, während man gemächlich durch den Castle Canyon schaukelt, eine Landschaft im südlichen Utah, die man aus zahlreichen alten Western kennt. Viele dieser Filme waren noch in Schwarz-Weiß, nun aber ist es ein früher Morgen an einem wolkenlosen Tag im Spätfrühling, und der Bundesstaat im amerikanischen Südwesten zeigt sein prächtigstes Gesicht: knorrige Durchhaltevegetation zwischen leuchtend rotem Gestein.
Sie hat einen Cowboy als Mann
Vorneweg reitet eine Frau aus Bayern. Sie kam einst als Waldorfschülerin in die Gegend um die Stadt Moab in Utah, um für einen Projektunterricht zu recherchieren. Inzwischen hat sie einen Cowboy geheiratet, zwei deutschamerikanische Kinder bekommen und züchtet Pferde. Im Sattel nimmt sie exzentrische Positionen ein, um besser mit den Gästen aus Deutschland reden zu können, die hinter ihr herreiten. Ohne Magda würde man wohl nicht auf die dünne, moosähnliche Schicht achten, die sich über so manchen Fels neben dem Pfad durch den Castle Canyon zieht.
Es handelt sich um einen Feuchtigkeitsspeicher, den man auf keinen Fall durch einen unachtsamen Tritt zerstören soll. Als der gemächliche Onyx dann doch einmal ein paar Schritte vom Weg abkommt, lässt er sich mit einer sachten Bewegung der Zügel wieder auf Kurs bringen. Und schon fühlt man sich der Welt von John Wayne – oder wenigstens der von Karl May, der ausführlich über Körperhaltungen beim Reiten geschrieben hat – ein wenig näher. Den Helm würde man nun gern in die Büsche schleudern, aber Vertrag ist Vertrag. Auch mit dem Gott der Cowboys, der sicher schon zahllose Beispiele für Übermut gesehen hat.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Der Ausritt hat bei der Red Cliffs Lodge begonnen, einem unvermuteten Luxushotel an einer der Biegungen, die der Colorado auf seinem verschlungenen Weg durch Utah nimmt. Alles hier erweckt den Eindruck, als wäre man früheren Erdzeitaltern deutlich näher als anderswo.
Die Red Cliffs Lodge Moab verdankt sich einem günstigen Zufall. Denn eigentlich gehört in dieser Gegend fast das gesamte Land dem Staat. Ein gewisser George White aber hatte noch im 19. Jahrhundert an einer lieblichen Uferbank des Colorados eine Ranch gegründet, die 2002 schließlich verkauft und in bester Eintracht mit den Gegebenheiten des Ortes zu einem Beherbergungsbetrieb umgebaut wurde. Inzwischen gehört die Lodge zur Marriott-Bonvoy-Kette. Wer hier eine Nacht verbringen möchte, sollte den Aufpreis für ein Zimmer zum Fluss in Kauf nehmen, so imposant auch der Blick auf den Felsen zur Rückseite sein möge.
Doch wer aus einem der nicht allzu großen, elegant auf Effizienz geplanten, allesamt ebenerdigen Zimmer auf die Veranda nach draußen tritt, wird auf der Colorado-Seite mit einem Blick belohnt, der allein einige Hundert Dollar extra wert ist: Während im Vordergrund der Fluss nach links fließt und dabei seine tückischen Strömungen kaum erkennen lässt, thronen im Hintergrund zwei Felsformationen, die zum archetypischen Bestand des amerikanischen Kinos gehören.

Im Herbst 1963 arbeitete der legendäre Hollywood-Regisseur John Ford an einem Film über die Odyssee der Cheyenne. Es sollte der letzte Western des größten Künstlers aus diesem Genre werden. In Technicolor und Breitwandformat brachte „Cheyenne Autumn“ nicht zuletzt eine erhabene Landschaft zur Geltung. Der Regisseur kümmerte sich dabei allerdings wenig um historische Faktentreue – die Cheyenne gehören in die Welt der Great Plains viel weiter im Norden des Kontinents. Für Ford aber lag der Wilde Westen in erster Linie im südlichen Teil des Bundesstaates Utah. Das Monument Valley mit seinen Felsdomen wurde für ihn zum Reservat, und das ersehnte Land der Cheyenne in den letzten Szenen des Films fand er just in der Gegend, die heute der Ausritt durch den Castle Canyon erschließt.
Von der Red Cliffs Lodge ist es gut eine halbe Stunde mit dem Auto in die nahe Kleinstadt Moab. Hier fand John Ford schon früh einen Ausgangspunkt für seine ikonischen Western-Szenarien. Heute merkt man nicht nur in Moab, dass Utah ein Staat ist, der Menschen anzieht. Aus Kalifornien und auch von der Ostküste kommen Leute hierher, manche auf der Suche nach niedrigeren Steuern, viele aber auch mit Idealen einer geheilten Geschichte, geheilt von den Verbrechen der Pioniere und ihrer Nachfolger, der Land- und Rohstoffbarone. Manchmal sprechen die Einheimischen von „Hippies“, die sich allerdings außer mit einem Bioladen, ein wenig Kunsthandwerk und einer deutlich auf Lokalkultur ausgerichteten Buchhandlung nicht aufdringlich bemerkbar machen. Dass die Stadtverwaltung ein Moratorium für neue Hotels beschlossen hat, ist allerdings ein Indiz dafür, dass jeglicher Übertourismus in Moab schon im Keim erstickt werden soll.

Ob man nun in einem der Hotels in der Stadt logiert oder fürstlich in der Red Cliffs Lodge: Moab ist ein idealer Ausgangspunkt für die vielen Nationalparks, in denen rundherum die spektakuläre Geologie von Utah zu bestaunen ist. Für eine ein- oder zweiwöchige Fahrt durch diese Welt empfiehlt es sich, in Las Vegas zu starten und nicht in Salt Lake City. Die Glücksspielmetropole in Nevada ist mit einem Direktflug aus Frankfurt/Main zu erreichen und bietet mit ihrer Künstlichkeit einen guten Prolog zu den starken Natureindrücken, die danach warten.
Von Las Vegas aus geht es in Richtung Springdale, das am Zugang zum Zion National Park liegt. Wer hier nachts ankommt, in der Dunkelheit den Weg zu seinem Apartment in der Cable Mountain Lodge findet und dann morgens zum ersten Mal die majestätischen Felsen erblickt, wird vielleicht eine Art biblischer Ehrfurcht verspüren. Und damit eine Ahnung von der Stimmung der Leute, die hier Mitte des 19. Jahrhunderts auftauchten und alles im Zeichen ihrer Religion lasen. So bekam ein Berg, dessen monumentale Rückseite man von der Lodge aus nicht übersehen kann, den Namen West Temple – er erinnert tatsächlich verblüffend an die Mauer des jüdischen Zentraltempels in Jerusalem, den Rom vor 2000 Jahren zerstörte und von dem nur die Western Wall übrig blieb.

Um den West Temple von einer anderen Seite zu sehen, empfiehlt sich der Canyon Overlook Trail, ein Wanderweg zu einem spektakulären Aussichtspunkt im Inneren des Zion National Park. Eine ganze Reihe von Gipfeln mit archaischen Namen sieht man hier aufgereiht, darunter einen Altar of Sacrifice, einen „Opferaltar“, der an Kultpraktiken erinnert, die der jüdische Gott eigentlich nicht guthieß. Die indigenen Paiute nannten den West Temple übrigens den „Berg, zu dem kein Weg hinaufführt“. Der Overlook Trail ergibt im Vergleich eine ideale Distanz für einen Blick, der sich von der Heilsgeschichte der bibelfesten Christen zur Erdgeschichte zurückwenden möchte – zum Buch der Natur, das sich in Utah überall als mächtiger Foliant präsentiert.

Heute ist der Western als Genre eine Angelegenheit für Einzelgänger wie Kevin Costner, der mit dem Großprojekt „Horizon“ alles noch einmal von vorn erzählen wollte und dafür in einem Studio nahe der Stadt Saint George eine eigene Kulissenwelt bauen ließ. Aber man muss gar kein Traditionalist der Pferdeopern sein, um in Utah filmhistorisch fündig zu werden. An zahlreichen Orten kann man das Gefühl bekommen, mehr oder weniger direkt in ein berühmtes Bild zu treten: die schnurgerade Straße, die vom Forrest Gump Point zum Monument Valley führt, oder die Kante, über die hinaus Thelma und Louise ihre selbst gewählte Bestimmung fanden. In Kanab findet man die Parry Lodge, ein Motel, das als Drehort für „The Lone Ranger“ fungierte. Im Arches National Park kann man sich auf die Spuren von Indiana Jones begeben.
Dass der Western aber weiterhin ein bestimmender Faktor für Utah ist, wird an einer der letzten Stationen der Rundreise erkennbar. In Monticello, einer ansonsten nicht weiter auffälligen Kleinstadt am Rand des San Juan County, findet an einem Freitagabend eine Pferdesportveranstaltung statt. Das San Juan Stampede Pro Rodeo könnte traditionalistischer nicht sein.
Die ganze Stadt ist erschienen, um die Mutigen zu bejubeln, die ein paar ewige Sekunden lang auf bockenden Pferden und später zum krönenden Abschluss auch noch auf gefährlich behörnten Bullen durchzuhalten versuchen. Die Champs, die hier antreten, haben erst neulich ein paar Hundert Dollar in Städten wie Durango oder Cedar City gewonnen, wie der Moderator immer wieder hervorhebt – er wechselt sich mit einem Rodeo-Clown ab, dessen Pointen ein eher traditionelles Geschlechterbild erkennen lassen.
Kurioser Höhepunkt sind ein paar Kinder, die sich, an rasende Schafe geklammert, in die Arena wagen, wo sie meist sofort abgeworfen werden. Nur einer der Kleinen trägt einen Helm, die anderen vertrauen alle auf das Gottbefohlene, das vor Beginn des Rodeos ein Pfarrer formuliert hat.
Das wichtigere Gebet bei dieser Veranstaltung aber kam aus dem Munde des „Duke“: ein sentimentaler, patriotischer Schlussmonolog von John Wayne aus einem seiner Filme dient dem Publikum als Stütze für den festen Glauben, dass Amerika das größte Land auf diesem Planeten ist. Als dann auch noch der tapferste Bullenreiter im Staub liegt und die Rodeo-Mania der lokalen Teenager verstummt ist, geht von Monticello ein stiller Gruß nach Moab, zu dem verlässlichen Reittier namens Onyx, das auch einem Gast aus dem fernen Europa eine Ahnung von der großen Freiheit gegeben hat, auf die Amerika sich gern gründen würde.
