
Verletzt, ängstlich, apathisch – Jürgen Vorländers Schafe, die einen mutmaßlichen Rissvorfall am Vortag überlebt haben, sind in einem traurigen Zustand. Im Fell zeigen sich Wunden, einige davon sind geklammert, die Tiere drängen sich ängstlich im Stall zusammen. Zwei Tiere seien bei dem Vorfall umgekommen, vier weitere schwer verletzt worden, sagt Vorländer – es war bereits der zweite Vorfall, den der Schafhalter aus Sinn-Fleisbach im Lahn-Dill-Kreis innerhalb weniger Tage erleben musste. Er ist überzeugt davon, dass ein Wolf aus dem Greifensteiner Rudel am Werk war, auch wenn das bislang nicht nachgewiesen ist.
Wie sehr ihn die Ereignisse mitgenommen haben, will sich Vorländer zuerst gar nicht anmerken lassen. Er habe schon rund 100 Lämmer zum Metzger gefahren, da lege man sich eine eher „raue Sensibilität“ zu, sagt der 69 Jahre alte Nebenerwerbslandwirt. Trotzdem lässt ihn der grausige Fund vom Vortag nicht kalt – schließlich kämpft er doch mit den Tränen. „Das sind Haustiere, da hat man eine ganz spezielle Beziehung zu.“
Vorländer: Entweder Weidegebiete oder Wolfsgebiete
Seit rund vier Jahrzehnten betreibt Vorländer die kleine Schafzucht in Sinn-Fleisbach im Lahn-Dill-Kreis. Den Stall für seine Dorper-Schafe hat er 1987 eigenhändig gebaut, davor haben sich einst seine beiden Söhne mit Handabdrücken im frischen Beton verewigt. Vielen Lämmern, die geboren werden, helfe er selbst auf die Welt, sagt der Neunundsechzigjährige. Und wenn er seine verbliebenen Schafe auf der Weide ruft, dann strömen sie am Zaun zusammen.
Doch jetzt sieht sich Vorländer gezwungen, den kleinen Betrieb weitgehend aufzugeben. Einige der Tiere werde er in den hohen Westerwald abgeben, einige weitere nehme voraussichtlich ein Schafhalter aus dem Ahrtal in Rheinland-Pfalz. „Wir reduzieren auf drei, vier Mutterschafe, die wir nachts in den Stall stellen können“, sagt Vorländer.
Damit würden die auswärtigen Koppeln, auf denen die Tiere bisher standen, künftig nicht mehr bewirtschaftet. Vorländer sieht das auch als Rückschlag für die naturnahe Weidebewirtschaftung in der Umgebung insgesamt. Unter den gegebenen Umständen mit Wölfen in der Nachbarschaft sehe er aber keine Chance mehr für seine Schafzucht. „Entweder haben wir Weidegebiete oder wir haben Wolfgebiete, aber beides zusammen verträgt sich ganz einfach nicht.“
Auch wenn noch unklar ist, ob ein Wolf oder mehrere Wölfe hinter den beiden Vorfällen stecken, steht das Greifensteiner Rudel schon seit mehreren Monaten im Fokus der Debatte um den Wolf in Hessen. Erst vor wenigen Tagen hatte der Hessische Verwaltungsgerichtshof (VGH) in Kassel endgültig grünes Licht für den Abschuss von Jungwölfen im Lahn-Dill-Kreis gegeben. Die „letale Entnahme“ von vier juvenilen Wölfen sowie eine Eingrenzung des Jagdgebiets auf den Landkreis sei rechtlich nicht zu beanstanden, hatte der VGH entschieden und damit zugleich die Beschwerden dreier Umwelt- und Naturschutzvereinigungen zurückgewiesen. Sie waren mit Eilanträgen gegen zwei vorherige Beschlüsse des Verwaltungsgerichts Kassel vorgegangen, um Abschüsse zu verhindern.
Landesjagdverband rechnet nicht mit raschen Abschüssen
Vorangegangen war der Erlass einer Allgemeinverfügung des Regierungspräsidiums Kassel (RP) zum „revierübergreifenden Managementplan für das Land Hessen im Jagdjahr 2026/2027“. Sie erlaubt für die Jagdzeit vom 1. Juli bis zum 31. Oktober im Lahn-Dill-Kreis den Abschuss von insgesamt vier Jungwölfen. Weil auf diese Zahl zwei tot aufgefundene Wölfe angerechnet werden, bleibt es faktisch bei der Möglichkeit, noch zwei Jungwölfe zu erlegen.
Zudem wird auch auf rheinland-pfälzischer Seite über den geplanten Abschuss eines erwachsenen Rüden aus dem Greifensteiner Rudel vor Gericht gestritten, der für mehrere Schafsrisse verantwortlich sein soll. Für solche „Schadwölfe“ enthalten auch der hessische Managementplan und die Allgemeinverfügung spezielle Vorgaben.
Der Landesjagdverband Hessen hatte die VGH-Entscheidung begrüßt – damit habe sich „die Vernunft durchgesetzt“, findet ein Verbandssprecher. Mit raschen Abschüssen rechnet er allerdings nicht. Wolfsbegegnungen seien generell selten und meist nur von kurzer Dauer, was Jägern das korrekte „Ansprechen“ – also das Erkennen von Geschlecht, Alter und anderen Merkmalen vor einer Schussabgabe – erschwere.
Aber auch falls es rasch dazu kommen sollte – Vorländer ist davon überzeugt, dass sich auch mit den geplanten Abschüssen keine dauerhafte Entspannung ergeben würde. „Nach einem Jahr ist die Lücke, die da geschossen wurde, wieder geschlossen“, sagt er. Deshalb bleibe ihm nur, seinen Schafsbestand auf eine reine Hobby-Haltung zu reduzieren. „Das ist für mich sinnlos, jetzt weiter mehr Tiere zu halten, weil nächstes Jahr um diese Zeit stehe ich vor dem gleichen Problem.“ Es gehe ihm dabei auch um den Tierschutz. „Das sind Weidetiere, die gehören ins Freie.“ Und auch potentiellen Wolfsangriffen wolle er seine Tiere nicht aussetzen.
