Am kommenden Mittwoch, dem ersten Tag der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, wird der Terrorangriff der palästinensischen Hamas auf den Süden Israels genau drei Jahre her sein. Über diesen 7. Oktober 2023 – und was auf ihn folgte – sind schon bald danach die ersten Bücher geschrieben worden. Die israelische Nationalbibliothek ist kürzlich auf insgesamt 2100 Titel gekommen, die seither auf der ganzen Welt erschienen sind. Allein in Israel sollen es im Jahr 2025 fünfhundert Neuerscheinungen gewesen sein. Sie kommen aus allen Genres, es sind Kinderbücher wie Biographien, Romane wie Sachbücher.
Auch in der deutschsprachigen Literatur wird der 7. Oktober nach und nach bearbeitet. Wenn am Montag vor dem Beginn der Messe im Frankfurter Römer der Deutsche Buchpreis an den besten deutschsprachigen Roman des Jahres verliehen wird, könnte auch „Anton und Alma“ gewinnen: Die jüdische Berliner Schriftstellerin Dana Vowinckel erzählt in ihrem zweiten Roman eine komplizierte Liebesgeschichte von heute, die sich unter dem Eindruck des 7. Oktobers 2023 dramatisch zuspitzt.
Das „jüdische Nine-Eleven“
Das „jüdische Nine-Eleven“, so hat Maxim Biller den Tag in seinem neuen Roman „Schwarze Samstage“ genannt, er handelt von einem Mann, der dem Berliner Schriftsteller ähnelt und der angesichts des Terrorangriffs und des Gazakriegs auf sein eigenes jüdisches Leben mit dem Antisemitismus schaut und zugleich zurück auf die 3500-jährige Historie des Judenhasses.
Beide Bücher sind herausragende Titel dieses Jahres. Beide haben starke erzählerische Formen gefunden für die Auseinandersetzung mit Antisemitismus, Holocaust, Nahostkonflikt und Krieg – und auch dafür, wie darüber geredet und geschrieben wird, bis in die unmittelbare Gegenwart.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Der 7. Oktober und die Gewalt, die ihm folgte, haben Spuren in der literarischen Welt hinterlassen – über die Verwandlung der Ereignisse in Bücher hinaus.
Im vergangenen Juli versammelte ein Bericht des Autorenverbands PEN America Stimmen aus der israelischen Buchbranche und der jüdischen literarischen Community: von Schriftstellern, denen ihre Verleger geraten hätten, sie sollten jüdische Figuren und Anspielungen auf Israel aus ihren Manuskripten entfernen, damit sie sich besser ins Ausland verkauften. Von Literaturagentinnen, die kaum ein hebräisches Buch mehr zur Übersetzung an internationale Verlage vermitteln könnten, vor allem nicht mehr in die USA.
Was schwer wiegt, denn Bücher, egal, woher sie kommen, finden meist erst über die Vereinigten Staaten ihren Weg in andere Sprachen. Ein Übersetzer aus dem Hebräischen berichtet von zwanzig bis dreißig Buchprojekten, an denen er beteiligt gewesen sei: Kein einziges davon habe sich nach seinem Wissen bisher international verkaufen lassen.
Große Namen werden weiter übersetzt, jüngere Stimmen nicht
Für Sachbücher oder Zeitzeugenberichte aus dem Gazakrieg gilt das nicht. Sie werden weiter übersetzt, weltweit. Aber neue literarische Stimmen in hebräischer Sprache haben in der aktuellen Lage so gut wie keine Chance in den Vereinigten Staaten, und nicht nur dort. Stars wie der israelische Schriftsteller David Grossman, seit Jahren ein Kandidat für den Literaturnobelpreis, werden zwar weiter übersetzt, seine jüngeren Kolleginnen und Kollegen aber nicht.
In der deutschsprachigen Verlagslandschaft ist das ein bisschen anders, so berichtet es jedenfalls die israelische Verlegerin Orna Landau aus Tel Aviv. Aber auch sie hat inzwischen ihre eigene Agentur gegründet, um die Bücher ihres Verlags Bookstop selbst gezielter international anbieten zu können.
Agenturen reisen mit der Hälfte des früheren Angebots zur Messe
Orna Landau wird jetzt aus Tel Aviv zur Frankfurter Buchmesse fahren, um für ihre Titel zu werben. Ihre Jerusalemer Kollegin Deborah Harris, die Autoren wie ebenjenen David Grossman betreut, erklärt, dass ihr Team mit einem Angebot an Titeln zur Messe kommen werde, das nur noch halb so groß sei wie früher.

Aber der Boykott funktioniert auch in umgekehrter Richtung. Denn wie aus der Agenturbranche zu hören ist, wollen auch viele internationale Autorinnen und Autoren aktuell nicht mehr in Israel verlegt werden, nur die wenigsten trauten sich das noch. Fragt man die beiden Agentinnen aus Israel, ob der PEN-Bericht etwas verändert habe an der Situation für ihre Autorinnen und Autoren, verneint Deborah Harris das. Orna Landau hält es allenfalls für möglich, dass es die Zahl der Termine, die sie mit ihrer neuen Agentur in Frankfurt verabredet hat, etwas erhöht haben könnte.
Welche Stimmen werden gehört, welche Geschichten überhört? Wer im vergangenen Jahr die Frankfurter Buchmesse besuchte, kam am Grünstreifen gegenüber vom Haupteingang an einem Protestcamp vorbei: Auf der „Palestinian Liberatory Book Fair“ wurden Lesungen und Diskussionsrunden abgehalten, um „durch Konfrontation“, wie die Organisatoren es erklärten, „das erstickende Schweigen“ über das Leiden der Palästinenser zu brechen.
Die israelische Buchbranche wird auch 2026 vertreten sein durch das gemeinnützige „Israeli Institute for Hebrew Literature“ (ITHL), dessen Stand in die Halle 3 gerückt ist, wo auch das diesjährige Buchmessen-Gastland Tschechien sich präsentiert. Im vergangenen Jahr war es am ITHL-Stand noch um Autorinnen und Autoren und ihre Bücher gegangen, in diesem stellen sich Verlage vor, die in Hebräisch publizieren.
Ist es antisemitisch, von einem „Genozid“ zu reden?
Ein Ergebnis des PEN-Berichts über die Lage solcher Verlage war jedenfalls, dass der Präsident des PEN America, der Schriftsteller Dinaw Mengestu, nach der Publikation im Juli von seinem Amt zurücktrat. Aus Protest dagegen, so Mengestu, dass hier Boykott nicht als Ausdruck politischer Meinungsfreiheit gewürdigt worden sei, sondern unterdrückt werde. Das wirkt absurd, gemessen daran, was der Bericht zur Sprache bringen wollte. Es passt aber zum angespannten Klima und dem Streit um vermeintliche Unterdrückung von Meinungsfreiheit.

In diesem Streit geht es oft um einzelne Begriffe. Ist es antisemitisch, das Vorgehen der Regierung Netanjahu gegen die palästinensische Bevölkerung „Genozid“ zu nennen? Seriöse Völkerrechtler wenden den Begriff an und debattieren seine Legitimität, nicht nur Demonstranten in Palästinensertüchern nutzen ihn.
Streit um Begriffe
Vor Wochen wurde kurz über die Berufung der Literaturwissenschaftlerin Maha El Hissy in die diesjährige Jury des Deutschen Buchpreises diskutiert, El Hissy wurde ebenfalls vorgeworfen, in einer Artikelreihe über palästinensische Literatur von israelischem „Siedlerkolonialismus“ und auch vom Völkermord in Gaza gesprochen zu haben. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der den Preis vergibt, lehnte eine Abberufung seiner Jurorin ab und unterstrich El Hissys fachliche Eignung.
Wenn um Sprache und Begriffe gestritten wird, um Differenzen und Ambivalenzen, hat die Literatur etwas zu sagen, aber sie wird selbst immer wieder zum Fall. Zur Buchmesse 2026 bringt auch die in Berlin lebende palästinensische Schriftstellerin Adania Shibli einen neuen Roman heraus: „Täuschung“ erzählt von einer Frau und einem Mann aus den besetzten palästinensischen Gebieten der 1980er und 1990er Jahre, eine beklemmende Geschichte von Selbstbehauptung, auch sprachlich.
Hoffnung auf ein Ende der Regierung Netanjahu
Als auf der Buchmesse 2023, nur Tage nach dem 7. Oktober, Shiblis letztes Buch „Eine Nebensache“ mit dem „LiBeraturpreis“ des Vereins Litprom auszeichnet werden sollte, wurde die Verleihung abgesagt, Shibli waren „antiisraelische und antisemitische Narrative“ vorgeworfen worden. Stattdessen lasen Autorinnen und Autoren auf der Messe aus dem Roman, der die wahre Geschichte einer Beduinin nacherzählt, die 1948 von einer israelischen Grenzpatrouille vergewaltigt und ermordet wurde. Unter denen, die damals aus Shiblis Roman lasen, war auch ihre Kollegin Dana Vowinckel.

Die jüdische Berliner Autorin ist derzeit mit ihrem neuen Roman auf Lesereise – und erlebt direkt, wie das Publikum die Geschichte von „Anton und Alma“ aufnimmt. Anton ist Schöneberger Jude und Sohn eines amerikanischen Vaters, Alma kommt aus dem östlichen Stadtteil Biesdorf und will zum jüdischen Glauben konvertieren, dann schlägt der Terrorangriff der Hamas ins Leben der beiden ein.
Auf ihren Lesungen, erzählt Vowinckel, gehe es vor allem darum, wie der Krieg die Beziehung der beiden verändert, und weniger um den israelisch-palästinensischen Konflikt selbst. „Mich überrascht ein bisschen, dass die Frage meiner eigenen Position zum Staat Israel beziehungsweise zum Zionismus keine große Rolle spielt, obwohl die für mich beim Schreiben sehr zentral war“, sagt Vowinckel, die kürzlich in dieser Zeitung erklärt hat, dass sich „nicht mehr mit Sinn und Verstand leugnen lässt, dass in Gaza ein Völkermord stattfindet“. Aber sie finde es gut, dass die Gespräche immer nah am Text blieben. „Ich glaube, auch weil der Roman sich einer eindeutigen Position verweigert, jedenfalls ist das meine Hoffnung.“
„Die Verzweiflung über die Weltlage“
Vor der Veröffentlichung von „Anton und Alma“ habe Dana Vowinckel sich sehr gesorgt, wie ihr Roman aufgenommen werde, jetzt habe sie vor allem „großes Wohlwollen“ erlebt, „einen Willen zur Verständigung“. Und sie sagt: „Ich bin froh, dass sich meine eigene Verzweiflung über die Weltlage vielleicht irgendwie transportiert.“
Der neue Roman von David Grossman, der 2027 auf Deutsch erscheinen und „Wörter, wo seid ihr?“ heißen soll, ist eine Familiengeschichte und handelt nicht explizit vom Krieg. „Ich kenne keine Autorin oder Autor in Israel, der oder die nicht gegen diese Regierung protestiert“, sagt seine Agentin Deborah Harris. Aber sie und auch ihre Kollegin Orna Landau beobachten eine Art Lähmung, ein Ringen um die richtigen Worte in dieser Zeit – oder auch eine unbewusste Veränderung im Stil, auch, um dem Markt gerecht zu werden.
„Viele“, sagt Deborah Harris, „schreiben jetzt auch für Fernsehen und Film.“ Der Welterfolg der israelischen Geheimdienstserie „Fauda“ (Netflix), deren fünfte Staffel vom 7. Oktober erzählt, wirkt wie die große Ausnahme im Boykott, aber vielleicht zeigt das auch nur, was für ein Bedarf an diesen Geschichten es im Publikum gibt, weltweit.
Unglücklicherweise, sagt Orna Landau, spiele die Literatur im polarisierten Israel von heute keine so prominente Rolle mehr. Ein offener Brief von Autorinnen und Autoren hätte nicht mehr das gleiche Gewicht wie vor zwanzig, dreißig Jahren, was vielleicht auch das Ausbleiben eines kollektiven Aufschreis erkläre.
Ihre Hoffnungen setzen Landau wie Harris auf die Wahl in Israel am 27. Oktober – und das Ende der Regierung Netanjahu. Vielleicht könnte der Ausgang auch die Lage der Literatur verändern.
