
Es sieht nicht so aus, als könnten die Deutschen in absehbarer Zeit zu einer Einheit finden. Die Grundordnung mag feststehen, aber ob es die freiheitlich-demokratische ist, schon darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. Der vermeintliche Ost-West-Gegensatz, der angeblich nicht kleiner, sondern größer wird, spielt dabei gar keine Rolle. Er leitet sich nur davon ab und wird von interessierter Seite, von linken wie rechten Agenten der Zwietracht, gehörig geschürt.
Andere Gesellschaften können selbst in einer solchen Polarisierung – für Demokratien nicht ungewöhnlich, sondern wiederkehrend – immer noch die Flagge hissen und sich darum versammeln. Deutschland hingegen hat das Nationale immer mit spitzen Fingern angefasst, hat Europa zu Recht den Vorzug gegeben. Immerhin aber wurden im Auftrag zur Wiedervereinigung die Reste von Nationalgefühl hochgehalten. Als sie vor 36 Jahren vollzogen wurde, schien das Ende der Geschichte erreicht.
Extreme füllen die antinationale Lücke
Seither irrt der Nationalgedanke heimatlos in Deutschland umher. Die Deutschen wissen nicht, was sie damit anfangen sollen. Obendrein hat Europa an Strahlkraft verloren. Extreme nutzen das aus und füllen die nationale Lücke. Den rechten Nationalisten von der AfD stehen die Wortführer der Linken gegenüber, die das „Nie wieder“ so verstehen, dass für Nationalgefühle kein Platz mehr in Deutschland ist, ausgenommen vielleicht in Fußballstadien.
Wie sehr sich Deutschland damit von seiner jüngsten Geschichte entfernt hat, verrät ein Blick in die Gründungsphasen von BRD und DDR. Damals war es selbstverständlich, dass im Westen weit hinein in die Reihen der SPD nationale Interessen und Gefühle betont wurden. Freiheit, Solidarität und Sicherheit waren die Beweggründe dafür. Keiner der drei Gründe würde heute in der SPD noch jemand dazu bewegen, die Nationalhymne anzustimmen.
Bis hin zum Bundespräsidenten reden sich bundesrepublikanisch geprägte Politiker damit heraus, deutscher Patriotismus sei nur mit „gebrochenem Herzen“ möglich, weil die Deutschen wissen müssten, was Nationalismus mit ihnen und der Welt angerichtet habe. Ergebnis ist nicht etwa eine gesellschaftliche Imprägnierung im Zeichen von Schwarz-Rot-Gold, nicht etwa der immer wieder beschworene „Zusammenhalt“, sondern die Spaltung in eine „liberale Demokratie“ und eine „patriotische Demokratie“.
Mit der Einwanderung noch lange nicht im Reinen
Die Welt der deutschen Demokratie teilt wieder eine Mauer. Noch sind die Deutschen ein Volk, aber wer und was „das“ Volk sei, ist schon nicht mehr so selbstverständlich, wie es noch vor einer Generation war. Das Volk ist zur Weltanschauung geworden. Dazu beigetragen hat die Entstehung einer neuen Gesellschaft, eine mit Migrationshintergrund, und die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehöre. Dass Deutschland damit noch lange nicht im Reinen ist, sieht man daran, dass die Volkspartei CDU in ihren Programmen nie davon gesprochen hat, dass Deutschland ein Einwanderungsland sei – die Kanzler, die sie stellte, aber sehr wohl, auch Friedrich Merz.
Was Masseneinwanderung bedeutet, hat die deutsche Nation völlig unvorbereitet getroffen, da sie nicht einmal ohne Einwanderung ein Nationalgefühl entwickelt hatte, ja gar nicht sollte. Das hat zu der Verschwörungstheorie geführt, die Migration diene dazu, den Deutschen das Deutsche vollends auszutreiben. Wahr daran ist nur, dass Migration in ihrer ideologischen Überhöhung durchaus damit zu tun hat, ein Gegenmodell zur Nation zu schaffen.
Der Streit darüber ist zum Kulturkampf geworden. Symptomatisch dafür ist, dass in Debatten über Krieg und Frieden den Deutschen das Wort „Vaterlandsverräter“ mittlerweile leichter über die Lippen kommt als das Wort Vaterland. Zum Kulturkampf ist die Sache auch deshalb geworden, weil der eigentliche Ost-West-Gegensatz weit über Deutschland hinausweist und in der Abkehr der extremen Rechten und Linken vom Westen in Richtung Russland und Autokratie besteht, während die Mitte an der Zurückweisung durch Amerika leidet. Was kommt, wird eine Epoche sein, von der noch niemand weiß, was sie zusammenhält.
Sicher ist nur, dass der Traum von einer Welt, in der das Nationale keine Rolle mehr spielt, auch in dieser neuen Zeit nicht in Erfüllung gehen wird. Die Einheit einer Nation wird weiter Quelle gesellschaftlicher und politischer Kraft sein. Sie lässt sich nicht mit Wachstumsraten sicherstellen, sondern nur, so pathetisch das klingen mag, mit Vaterlandsliebe. Staatlich verordnen lässt sich dieses Gefühl in einer Demokratie aber nicht, wiewohl gerade Demokratie und Nation zusammengehören.
Der Identifikation mit dem Vaterland politisch den Weg zu bereiten, das ist gleichwohl sehr gut möglich. Dazu braucht es kein „Narrativ“ oder einen „empathischen“ Kanzler, der in Tränen ausbricht, wenn er eine Reform verkündet. Dazu bräuchte es Entscheidungen, die an die Wurzeln der Zwietracht gehen. Eine neue Gesellschaft, wie es die Einwanderungsgesellschaft sein soll, organisiert man nicht im unkontrollierten Turboverfahren, wie es in den vergangenen Jahrzehnten in Europa praktiziert wurde. Eine Pause wäre nötig. Sie schafft Akzeptanz. Dann besteht Hoffnung, dass die „liberale“ und die „patriotische“ Demokratie wieder zusammenfinden.
